Die Schlieremer Parlamentarierin Gaby Niederer des Quartiervereins hat ein Postulat eingereicht, mit dem sie den Stadtrat auffordert, die Errichtung einer Notschlafstelle – allenfalls in Zusammenarbeit mit weiteren Gemeinden – zu prüfen.

«Die Situation wird sich nicht von alleine verbessern», sagt Niederer. Momentan sei die Situation auch für die Behörden schwierig. Wenn sich jemand beim Sozialamt melde, so würden individuelle Lösungen gesucht. Man habe ihr gesagt, dass auch manchmal Personen im Hotel Tivoli untergebracht würden: «Das ist wahrscheinlich nicht teurer, als eine Notschlafstelle zu betreiben. Aber mir wäre wichtig, dass es eine institutionalisierte Einrichtung gibt.»

Dort habe es nebst einem Bett für die Nacht auch fachkompetente Beratung vor Ort, erklärt Niederer. Der Gang aufs Sozialamt brauche Überwindung und eine gewisse Planung. Sie befürchte, dass es momentan Menschen gebe, die durch dieses soziale Netz fallen, weil sie sich nicht trauten, um Hilfe zu fragen. Andere lebten vielleicht nicht nach den Öffnungszeiten der Verwaltung und stehen deshalb abends ohne Lösung da, sagt Niederer.

Diesen Frühling schloss die Notschlafstelle auf dem Areal von Pfarrer Siebers «Ur-Dörfli» ihre Tore. Es war im ganzen Kanton die einzige Notschlafstelle ausserhalb der Stadt Zürich. Das «Ur-Dörfli», eine Auffangeinrichtung für suchtkranke Menschen, zog nach Pfäffikon ZH. Die angegliederte, provisorische Notschlafstelle «Nachtliecht» für bis zu 15 Personen konnte dort nicht weitergeführt werden.

Und in Urdorf kann sie ihre Tore auch nicht mehr öffnen, wie Martin Fischer, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS), vor einem Monat gegenüber der az Limmattaler Zeitung erklärte: «Solange sie nicht an die Infrastrukturen des ‹Ur-Dörflis› angebunden werden kann, ist es uns nicht möglich, die Notschlafstelle zu tragen.»

Nun sind die Gemeinden gefragt

Von dieser Anbindung an das «Ur-Dörfli» profitierte auch der Sozialdienst Limmattal: Er beteiligte sich finanziell an der Notschlafstelle, das Personal des «Ur-Dörflis» deckte auch die Betreuung des «Nachtliechts» ab.

Allerdings musste die SWS mehr als die Hälfte der rund 400 000 Franken, welche die Notschlafstelle im letzten Winter kostete, selbst berappen, wie Fischer erklärte. Trotz anfangs fieberhafter Suche nach einem neuen Standort gab die SWS bald auf – auch aus grundsätzlichen Überlegungen: «Nun müssen die Gemeinden sich zusammenraufen», machte Martin Fischer im September den Standpunkt der SWS klar.

Zuerst den Bedarf klären

Johannes Felber, Präsident des Sozialdienstes Limmattal und Dietiker Stadtrat, erklärt, dass der Vorstand des Zweckverbandes beschlossen habe, die Idee einer neuen Notschlafstelle vorläufig auf Eis zu legen: «Uns ist klar: Dass wir kein einziges Bett anbieten können, ist ungenügend. Aber vorerst müssen wir uns über den Bedarf im Klaren werden.»

Ein Zurück zu einer Struktur, wie es sie vor dem Anschluss an das «Ur-Dörfli» gab, dass der Sozialdienst eine eigene Notschlafstelle betrieb, sei nicht möglich: Dafür sei der Bedarf einfach zu klein. «Wenn pro Nacht durchschnittlich drei Personen aus dem Limmattal ein Bett brauchen, so kann man für diese drei keine Notschlafstelle betreiben», erklärt er. Dennoch ist für ihn klar: «Wir müssen an diesem Thema dranbleiben.»

Eine Möglichkeit, die zumindest einen Teil des Bedarfs abdecken könnte, wäre die Einrichtung von einzelnen Notzimmern, die an das betreute Wohnen angeschlossen wären und so Synergien nutzen könnten. Ein entsprechender Antrag sei geplant. Die Zuweisung würde aber weiterhin über das Sozialamt laufen. Das Problem der Menschen, die nachts notfallmässig ohne Schlafplatz dastehen, wäre damit aber nicht gelöst, wie Felber erklärt: «Man muss sich fragen, was man diesen Menschen anbieten kann und will.»

Eine kantonsweite Kooperation?

Der Bedarf für das Limmattal sei gering, so Felber. Wäre allenfalls eine Kooperation über die Bezirksgrenzen hinaus, auf kantonaler Ebene eine Variante? In diese Richtung habe es bislang keine Abklärungen gegeben, erklärt er.

Eine baldige Lösung scheint aufgrund dieser Ausgangslage nicht in Sicht. Gaby Niederer ist vorerst gespannt auf die Antwort des Stadtrates auf ihr Postulat. Dass Schlieren mit dem Initiieren der einzigen Notschlafstelle ausserhalb von Zürich eine Vorreiterrolle im Kanton übernehmen könnte, «wäre Schlieren würdig», wie Niederer erklärt. Dabei steht für sie eine gemeinsame Lösung über die Gemeindegrenzen hinweg im Vordergrund. Bis dahin bleibt den Menschen ohne Bett nur, rechtzeitig den Gang aufs Sozialamt anzutreten.