Sie trügt, die Ruhe, die sich dieser Tage mit dem Herbst über die Schlieremer Spitalstrasse legt. Die Anwohner blicken mit sorgenvoller Spannung dem 22. November entgegen. Dann nämlich stimmt die Bevölkerung des Kantons Zürich darüber ab, ob sich die Limmattalbahn auf ihrem Weg von Altstetten nach Killwangen bald ihren Weg durch das Quartier bahnen soll. Und an der Urne haben solche Vorlagen erfahrungsgemäss gute Chancen. Während der letzten fünf Jahre wurde das Spitalquartier zu einem Ort des erbitterten Widerstands – zunächst gegen das Teilprojekt Spitalstrasse, dann gegen die Bahn als Ganzes. Doch wo rührt dieser Kampfgeist, der so stark an ein gallisches Dorf erinnert, her? Eine Spurensuche.

Rund 160 Meter misst der Strassenabschnitt, durch den die Bahn hier dereinst fahren soll. In den grauen Mehrfamilienhäusern aus den 1970er-Jahren entlang der Strecke zwischen Färberhüslistrasse und Stadtgrenze hat das Verkehrsprojekt kaum Freunde. «Es ist doch hirnrissig, hier ein Tram durchfahren zu lassen», sagt Hans Bürki, der seit 42 Jahren an der Spitalstrasse wohnt. Der Rentner lässt seine Gartenarbeit kurz ruhen, um gestisch zu verdeutlichen, wo das zweigleisige Trassee verlaufen wird und wie nahe das Tram vor den Häusern auf der südlichen Seite vorbeifahren soll. «Diese Strasse ist so schmal. Da kann man neben die zwei Fahrspuren doch nicht noch eine Bahn quetschen», sagt der 79-Jährige.

Hier dauern Nachbarschaften lange

Er und viele seiner Nachbarn sind einst hierher gezogen, als der Stadtteil noch dünner besiedelt war. Die 261 Bewohner der Gebäude entlang des Spitalstrassenabschnitts von der Hausnummer 31 bis zur Gemeindegrenze sind im Schnitt älter als die Stadtbevölkerung: Ein Drittel ist heute in Rente. Ihr Anteil ist hier also rund doppelt so hoch und der Altersdurchschnitt mit 48,7 Jahren ganze 10 Jahre höher als in der Gesamtbevölkerung der Stadt. Gemäss einer statistischen Auswertung der ETH aus dem Jahr 2013 sind die Bewohner des Spitalquartiers dazu im städtischen Vergleich ihrer Wohnumgebung überdurchschnittlich treu.

Viele der Anwohner sind also schon vor Jahrzehnten hierher gezogen und haben sich eine Wohnung im Stockwerkeigentum an ruhiger Lage geleistet. In der Zwischenzeit hat sich die Stadt unaufhaltsam ausgebreitet. Die Umgebung wurde immer dichter bebaut. Heute ist das Quartier Teil eines urbanisierten Gürtels, der sich von Zürich bis nach Dietikon erstreckt. Zwei Buslinien verkehren hier. Zu Stosszeiten erobert der Durchgangsverkehr die Spitalstrasse. Mit der Stadtrandidylle ist es längst vorbei.

Kommission forderte den Tunnel

Im Jahr 2007, als der Kantonsrat die Linienführung der Limmattalbahn im kantonalen Richtplan festsetzte, war klar, dass das seit 2002 geplante Tram das Spital Limmattal erschliessen wird. Als mögliche Varianten waren im Richtplan sowohl eine Route über die Kesslerstrasse als auch ein Tunnel von der Badenerstrasse zur Nordseite des Spitals eingetragen. In beiden Fällen führte das Trassee weiter über die Spitalstrasse nach Urdorf. Die Bahnplaner verfolgten auf Wunsch des Schlieremer Stadtrats und der parlamentarischen Verkehrskommission schliesslich nur noch die Tunnelvariante.

Doch im betroffenen Gebiet begann sich Widerstand zu regen. Es formierte sich eine Interessengemeinschaft von Quartierbewohnern um CVP-Gemeinderätin Heidemarie Busch. Die IG forderte, dass der Tunnel bis ins Urdorfer Industriegebiet Luberzen verlängert werde. Ihre Mitglieder äusserten 2012 an einer Orientierungsveranstaltung gegenüber Vertretern der Limmattalbahn AG und des Stadtrats Bedenken wegen der engen Platzverhältnisse in der Strasse, der Sicherheitsrisiken, der befürchteten Lärmemissionen und der damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Anwohner. Das Stadtparlament überwies ein Postulat Buschs an den Stadtrat, in dem sie ihn aufforderte, sich für eine Tunnelverlängerung einzusetzen. Die Limmattalbahn AG liess aber über den Stadtrat mitteilen, dass ein verlängerter Tunnel Mehrkosten von 30 Millionen Franken mit sich bringe. Zudem würde eine unterirdische Haltestelle beim Spital nötig, was die Exekutive und die Planer wegen des Sicherheitsgefühls der Passagiere ablehnten. Eine Tunnelverlängerung war damit vom Tisch.

Die IG gründete darauf 2013 den Verein «Limmattalbahn – so nicht!» und wählte SVP-Gemeinderat Thomas Grädel, der selbst nicht im Spitalquartier wohnt, zum Präsidenten. Grädel hatte bereits davor mit einer Motion erfolglos versucht, den Schlieremer Stadtrat zu zwingen, von seiner befürwortenden Haltung gegenüber der Bahn abzurücken. Grädel hält sie für unnötig, gefährlich und zu teuer. Der Verein versuchte nun, möglichst viele Limmattaler zu versammeln, die sich an der Bahn stören. Mit Erfolg: Bald zählte er knapp 200 Mitglieder – längst nicht mehr nur aus Schlieren.

Die Mitglieder stellten sich zunächst zwar nicht fundamental gegen die Bahn, kämpften aber mit Nachdruck für die Anliegen der Anwohner verschiedener Teilstücke entlang des geplanten Trassees. Das sollte sich bald ändern: Der Verein brachte den Stadtrat mit einer Petition von 700 Unterschriften dazu, im Rahmen der öffentlichen Auflage des Limmattalbahn-Projekts contre cœur Einsprache gegen die Linienführung einzulegen. Doch ein Jahr später wurde diese mit Zustimmung eines parlamentarischen runden Tischs zurückgezogen, ohne dass ein längerer Tunnel beschlossen worden war.

Die Limmattalbahn AG hatte am Teilprojekt Spitalquartier zwar verschiedene Optimierungen vorgenommen. Das Tempo auf der Strasse soll nun von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde reduziert und ein lärmschluckendes Grüntrassee für die Bahn gebaut werden. Verschiedene planerische Massnahmen ermöglichten zudem, dass der Landerwerb deutlich reduziert wird und fast alle heutigen Bäume stehen bleiben können. Die Anwohner geben sich damit aber nicht zufrieden. Auch so zerschneide die Bahn das Quartier, sagt Berri. Das Trassee erschwere zudem die Zufahrt zu den Häusern auf der Südseite und führe nach wie vor dazu, dass einige Stockwerkeigentümergemeinschaften Land für ein Projekt veräussern müssten, das sie nicht wollen, so die 69-Jährige.

Wachstumskritik als Antrieb

Der Verein ging in der Folge in Fundamentalopposition zur Limmattalbahn. Im Kampf gegen das Projekt kooperierte der Schlieremer Verein bald mit dem 2014 in Dietikon gegründeten Verein «Limmattalbahn nein». Der Fokus rückte von der Situation im Quartier auf das grosse Ganze des Projekts: Die Kosten, die Frage nach dem Nutzen für die Region und die Rolle der Stadtbahn als Urbanisierungsbeschleuniger traten in den Vordergrund. Gerade letzteres Argument schwang für viele der alteingesessenen Anwohner der Spitalstrasse ohnehin von Anfang an mit in der Debatte um die Bahn. Berri sagt: «Für uns war das Tram ein Element mehr, das unser Quartier immer städtischer werden lässt.»

Als der Kantonsrat Ende März dieses Jahres die beiden Kredite von 510,3 Millionen Franken für die Stadtbahn und 136,3 Millionen für ergänzende Strassenbaumassnahmen mit einem wuchtigen Ja genehmigte, organisierten die Vereine ein Referendumskomitee unter dem Unterengstringer Präsidenten Christian Meier. Dieses reichte 6660 Unterschriften ein – die Volksabstimmung war Tatsache.

Dass die Behörden und Befürworter der Bahn den Kritikern vorwerfen, in ihrem Kampf teilweise in harschem Ton und mit Halbwahrheiten zu argumentieren, stört Berri: «Wir blieben immer anständig. Wenn die Politiker aus unserem Verein eine etwas härtere Gangart anschlugen, dann aus politischem Kalkül», sagt sie. Die ehemalige Bibliothekarin empfindet die Fronten zwar nicht als verhärtet, räumt aber ein, dass sich das Klima in der Debatte verschlechtert habe, was sie bedauere. Im Spitalquartier stehen der Limmattalbahn wohlgesinnte Stimmen heute offenbar stark unter Druck. Sie sind hier in der krassen Minderheit. Eine Person, die nicht namentlich genannt werden will, schildert gar, dass es zu einer Mehlattacke auf ihren Briefkasten gekommen sei, nachdem sie sich öffentlich für das Verkehrsvorhaben ausgesprochen habe. Aktenkundig wurde eine solche Tat aber nicht.

An der Spitalstrasse sind die Meinungen zur Limmattalbahn gemacht. Wer Passanten danach fragt, erntet belustigte Blicke, verbunden mit wortreichen Erklärungen zur ablehnenden Haltung. Ein 76-jähriger Anwohner, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen will, sagt, dass er mit dem Gedanken spiele, wegzuziehen, falls die Bahn tatsächlich gebaut wird. Er wolle seinen Lebensabend nicht an einer Baustelle verbringen, sagt der Rentner: «Ich kann mir aber vorstellen, dass die Generation, die in den kommenden Jahren hierhin zieht, sich an der Bahn weniger stören wird als wir Alteingesessenen.»

Und dann findet sich an der Spitalstrasse doch noch eine Befürworterin. Selvet Rexhepi ist gerade auf dem Rückweg von einem Spaziergang. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren Kindern in einem Haus, das leicht zurückversetzt zum betroffenen Strassenabschnitt steht. «Ich würde mich freuen, wenn ich bald mit dem Tram nach Schlieren, Dietikon oder Altstetten fahren könnte», sagt die 26-Jährige. Und mit ihrem Kind an der Hand stapft sie durch das welke Herbstlaub am Boden davon.