Logopädie
Wo autistische Kinder sprechen lernen

Die Stimme steht am heutigen Tag der Logopädie im Zentrum. Was aber, wenn die verbale Sprache fehlt? Bei «Kind & Autismus» in Urdorf kommunizieren die Logopädinnen Charlotte Wandeler und Berrin Pennetta auch lautlos.

Darina Schweizer
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Berrin Pennetta (links) und Charlotte Wandeler können ihre Schüler spielerisch zum Kommunizieren bewegen.

Berrin Pennetta (links) und Charlotte Wandeler können ihre Schüler spielerisch zum Kommunizieren bewegen.

Darina Schweizer

Bei den Logopädinnen Charlotte Wandeler und Berrin Pennetta stehen die Kinderspielzeuge nicht auf dem Boden, sondern auf speziell hoch gelegenen Regalen. Die sind deshalb so hoch, damit die Kinder, die bei ihnen in die Therapie kommen, sie mit den Händen unmöglich erreichen. Das hat seinen guten Grund. «Wenn ein Kind mit der Kügelibahn spielen will, muss es lernen, mit uns zu kommunizieren», sagt Wandeler.

Was simpel klingt, ist für die Vier- bis Achtzehnjährigen, die bei den beiden Frauen in Urdorf in die Logopädie gehen, zu Beginn eine fast unüberwindbare Hürde. Denn viele von ihnen reden wenig und haben einen sehr rudimentären Wortschatz. Oder sogar gar keine verbale Sprache; sie haben eine Autismus-Spektrum-Störung.

Wie ein Fingerabdruck

Heute findet der Europäische Tag der Logopädie statt. Ein Aktionstag, der seit 2004 jährlich durchgeführt wird. Ziel ist es, auf Sprachstörungen aufmerksam zu machen sowie das Verständnis für Betroffene zu fördern. Weiter steht die Arbeit der Logopädie im Fokus. Der Schwerpunkt des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbands widmet sich in diesem Jahr der Stimme. Sie ist ständig in Gebrauch und so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Trotzdem wird laut Verband die Stimme selten beachtet. Erst wenn Probleme auftreten, entstehen Sorgen um Volumen, Tonlage und Stärke. Eine Arbeitsgruppe des Verbandes hat für den heutigen Tag und darüber hinaus verschiedene Materialien zusammengestellt.

Neben Falt-Karten, welche etwa die Kantonalverbände bestellen können, wurden auch Checklisten für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Mögliche Symptome oder auch Tipps zur Prophylaxe werden darin beschrieben. Diese Listen sind unter www.logopaedie.ch zu finden. Sollte es zu einer Behandlung kommen, übernimmt mit ärztlicher Verordnung die Krankenkasse die Kosten, sofern die Therapiestelle über eine entsprechende Zulassung verfügt. (ddi)

Dass Logopäden auch mit solchen Kindern arbeiten, sei den meisten Leuten nicht bewusst, sagt Wandeler. «Genau das schätze ich an der Logopädie. Wir arbeiten in den unterschiedlichsten Nischen.» So beschäftigen sich Logopäden zum Beispiel auch mit Schlaganfallpatienten in Rehakliniken, mit Berufssängern mit Stimmproblemen oder Patienten, die an Heiserkeit leiden.

Das logopädische Berufsfeld lasse sich deshalb nicht in eine einzige Schublade packen, sagt sie. «Dass ich als Logopädin auch mit autistischen Kindern arbeiten darf, ist wahnsinnig schön», findet Wandeler, die früher Legastheniker aus der Mittel- und Oberstufe therapierte.

Zu Autismus habe sie damals noch keinerlei Bezug gehabt, sagt die Logopädin. Doch dann wurde eine Stelle an der Stiftung «Kind & Autismus» in Urdorf frei. 36 ausschliesslich autistische Kinder besuchen dort die Schule.

Sie haben Schulunterricht und meist auch Logopädie- und Psychomotoriktherapie, essen in Kleingruppen zusammen und einige von ihnen übernachten ein- oder zweimal im dazugehörigen Teilzeitinternat. «Ich dachte, jetzt versuche ich mal etwas ganz anderes», so Wandeler über ihre Entscheidung, in der Stiftung zu arbeiten.

Berrin Pennetta arbeitete schon während ihres Logopädiestudiums mit behinderten Kindern im Frühbereich. Die Möglichkeit, sich mit autistischen Kindern zu beschäftigen, habe sie sofort gepackt, sagt sie. In einer «gewöhnlichen» Schule, einer Regelschule, arbeitete sie auch einmal. Dort sei vieles anders. «Ich konnte mit den Schülern ohne Probleme Smalltalk führen», sagt sie. So wurde zum Beispiel erzählt, welche Freundinnen Geburtstag feierten oder mit welchem «Gspänli» sie gerade Krach hatten. «Vielfach machten die Kinder auch Witze», erzählt sie.

An der Stiftung «Kind & Autismus» hingegen sehe der Berufsalltag einiges anders aus. Viel miteinander gesprochen werde nicht. Viele autistische Kinder nehmen die Logopädinnen zu Beginn zwar als Objekt, nicht aber als Kommunikationspartner wahr und haben auch kein Interesse, in Interaktion mit ihnen zu treten. Damit sie dies lernen, müssen sich die Logopädinnen einiges einfallen lassen. «Wir schaffen Anreize, damit sie lernen, zu kommunizieren», sagt Wandeler. Ein solcher Anreiz ist zum Beispiel der Znünikiosk. Zweimal in der Woche findet er in der Schule statt, beladen mit den köstlichsten Leckereien.

Um etwas davon zu erhalten, müssen die Kinder bei den Frauen hinter dem Kiosk – meist stehen Wandeler und Pennetta dort – selbst etwas bestellen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das zu tun. «Jedes Kind kommuniziert über einen anderen Weg mit uns. Reden ist nur eine Art von Kommunikation», so Pennetta. Einige Kinder drücken sich beispielsweise mit ganz simplen Gebärden aus. «Ich will» und «Essen» sind zwei Beispiele, welche die beiden Frauen den Kindern in der Logopädie beibringen. «Das Schwierige für sie ist, zu lernen, dass diese Kommunikation auch ausserhalb des Logopädiezimmers funktioniert», sagt Pennetta.

Als Übung eigne sich der Znünikiosk, der im Sommer auch draussen aufgestellt werde, deshalb hervorragend, findet sie. Einige Kinder kommen aber auch mit einem sogenannten «Satzstreifen» zum Kiosk. Darauf befinden sich einfache und verständliche Piktogramme mit einem Klettverschluss auf der Rückseite, die sich nacheinander auf dem Streifen befestigen lassen. So entsteht zum Beispiel der Satz: «Marco ... möchte ... viel ... Popcorn». Diese Methode nennt sich Picture Exchange Communication System (PECS) und wurde speziell für Autisten entwickelt.

Jedes Kind bringt seinen PECS-Ordner mit in die Logopädie, erklärt Wandeler. Darin befindet sich eine immer grösser werdende Sammlung unterschiedlichster Piktogramme: Esswaren, Fahrzeuge, Tiere, Farben und vieles mehr. Mit den Bildchen lernen die Kinder Schritt für Schritt, ein Bedürfnis zu kommunizieren. «Irgendwann sind einige Kinder so weit, dass die Piktogramme in ihrem Ordner nicht mehr ausreichen, um mit uns zu interagieren», sagt Pennetta.

Dann kommt ein anderer Gehilfe zum Zug: der Sprechcomputer. Er wird von einer Hilfsmittelfirma individuell angepasst. Eigentlich funktioniert er nach dem gleichen Prinzip wie der Ordner, nur hat er eine viel grössere Auswahl an Piktogrammen. Wie die Piktogramme, Fotos und Gebärden zeigen, arbeite man im Kompetenzzentrum sehr stark visuell, sagen Wandeler und Pennetta.

So sieht ein Sprechcomputer aus

So sieht ein Sprechcomputer aus

Darina Schweizer

Ganz besonders ist aber vor allem das Feedback, das die Logopädinnen von den autistischen Kindern erhalten. Dieses kommt nämlich sehr oft nicht so zurück, wie man es gewöhnt ist: «Man hört so gut wie nie ein ‹Ich habe dich gern› oder ‹Ich komme so gern zu dir› wie in der Regelschule», sagt Pennetta. Dafür gebe es andere unbezahlbare Augenblicke. Dann zum Beispiel, wenn ein Kind zum Schulbus aussteige und die Logopädinnen mit strahlendem Gesicht anschaue. «Oder wenn eine Übung, die ihnen lange nicht geglückt ist, urplötzlich funktioniert, wie etwa nach einem Spielzeug zu fragen», so die Logopädin.

Wandeler nickt sofort: «Das sind für mich die Hühnerhautmomente. Wenn die Kinder erkennen, dass sie durch die Kommunikation ihre Welt selbst verändern können», erzählt sie strahlend.