Noch in den 90er-Jahren trugen die Unternehmen in Urdorf nur einen bescheidenen Anteil zu den Steuereinnahmen bei: Weniger als zehn Prozent waren es damals. Heute sind es gut 30 Prozent. Allein 2015 haben sie rund 11,2 Millionen Franken in die Gemeindekasse gespült. Eine Vielzahl dieser Firmen ist im Urdorfer Wirtschaftsraum Nord angesiedelt, der unter anderem das bekannte Industrie- und Gewerbegebiet Luberzen beinhaltet.

Der Norden von Urdorf ist aber nicht nur ein Steuerlieferant mit vielen Arbeitsplätzen, sondern auch eine Visitenkarte von Urdorf. Schliesslich fahren nirgends jeden Tag so viele Autos an der Gemeinde vorbei wie auf der Autobahn, der Bernstrasse und der Birmensdorferstrasse.
Doch nicht alles läuft bestens. In manchen Gewerbegebäuden gibt es immer wieder Mieterwechsel und Konkurse: Im März schickte das Bezirksgericht Dietikon beispielsweise eine Auto-Importfirma wegen unbezahlten Forderungen von über 100 000 Franken in den Konkurs.

Mit der Limmattalbahn, die voraussichtlich ab 2022 durch die «Luberzen» fährt, soll sich das Gebiet nun weiterentwickeln. So soll der Wirtschaftsraum Nord künftig mehr Dienstleistungsunternehmen beheimaten und auch Wohnraum bieten. Bei der Weiterentwicklung hat der Gemeinderat ein Minimalziel: Zumindest die aktuellen Steuererträge zu halten. An diesem Ziel werden sich die Planer in gut 20 Jahren messen lassen müssen. Klar ist aber auch: Es darf durchaus mehr sein. Die Voraussetzungen könnten verkehrstechnisch nicht besser sein: Mit Autobahn, Limmattalbahn und Bus ist das Gebiet besser erreichbar als vergleichbare Gebiete im Limmattal. Mit 400 000 Quadratmetern Fläche ist der Wirtschaftsraum Nord zudem das grösste Gewerbegebiet an der Limmattalbahn-Strecke. Gleich zwei Haltestellen werden hier gebaut: «Herweg» und «Luberzen». Doch Verkehr ist nicht alles.

Ein Schlafquartier ist unerwünscht

Auf keinen Fall will sich Urdorf ein Schlafquartier heranzüchten: «Es soll ein urbaner und lebendiger Arbeits- und Lebensraum mit verschiedenen Branchen sein», sagt Rebecca Bauder, die Bereichsleiterin Planung der Gemeinde. So erhofft sich Urdorf den Zuzug von weiteren Start-Ups und Firmen, die in den Medizinaltechnik-, Informatik-, Bildungs- und Finanzbranchen tätig sind. Aber auch von Wohnungen, Kinderhütediensten, Konferenzräumen und E-Bike-Stationen ist die Rede. Total beinhaltet die Raumentwicklungsstudie, die der Gemeinderat im März 2015 für 70 000 Franken in Auftrag gab, 80 verschiedene Entwicklungsmassnahmen. Eine der Ideen ist der «Urturm»: Ein Hochhaus, das zur neuen Visitenkarte des Wirtschaftsraums Nord werden soll.

Welche Ideen weiterverfolgt und in den Masterplan integriert werden, zeigt sich aber erst noch. «Das Massnahmen-Paket wird im Rahmen der laufenden Strategie-Umsetzung noch überprüft und verfeinert. Dabei wird sich konkretisieren, welche Massnahmen die grösste Wertschöpfung aufweisen und umgesetzt werden können», sagt Bauder. «Es soll aber sicher ein architektonischer Leuchtturm entstehen, der das Gebiet prägt. Das kann, aber muss nicht zwingend ein Hochhaus sein», sagt Bauder. Was der architektonische Wurf sein soll, wird im Masterplan konkreter, der voraussichtlich im ersten Halbjahr 2017 vorliegt. Je nachdem, was dieser Plan alles vorsieht, ist dann später eine Teilrevision der Bau- und Zonenordnung von Urdorf nötig. Zurzeit läuft die Phase der Strategie-Umsetzung. Daran arbeiten zwei Vertreter des Gemeinderats und drei Verwaltungsmitarbeiter. Die SWR Infra AG mit Sitz in Dietikon unterstützt die Planung. Bei der Strategie, die dem Masterplan zugrunde liegt, arbeiteten die beiden international tätigen Zürcher Planungsbüros LEP Consultants AG und Helsinki Zürich GmbH sowie die Hochschule Luzern mit. Helsinki Zürich führte von 2012 bis 2013 auch die Testplanung für das Niderfeld durch, wo die Stadt Dietikon dereinst einen neuen Stadtteil erhält.

Einzelne Eigentümer sind kritisch

Bei der Erarbeitung des Masterplans reden dann auch die Grundeigentümer, Unternehmen und Anstösser ein Wort mit. Einige Grundeigentümer haben der Gemeinde bereits ihre Meinung zur Strategie mitgeteilt. «Die Rückmeldungen sind grundsätzlich positiv. Mehrere Liegenschaften-Eigentümer haben bereits begonnen, die Zukunft ihrer Gebäude zu planen», sagt Bauder. Allerdings gebe es vereinzelt auch Rückmeldungen, die die geplanten Entwicklungen kritischer beurteilen. Diese Eigentümer sollen nicht links liegen gelassen werden: «Die Umsetzung der Strategie berücksichtigt nicht nur die Vorteile der Limmattalbahn, sondern auch die vorhandenen Strukturen. Wir führen den Dialog mit allen Anspruchsgruppen», sagt Bauder.

Die Entwicklung des Wirtschaftraums Nord kann Stück für Stück geschehen. Die einzelnen Umsetzungszeitpunkte für die Weiterentwicklungen sind auch von den Privaten abhängig. Grundsätzlich ist die Strategie aber auf das Jahr 2030 ausgelegt. Dann soll sich der Satz aus der Strategie bewahrheiten, dass sich der Wirtschaftsraum Nord vom «unscheinbaren Hinterhof» in ein «boomendes Arbeitsgebiet» verwandelt hat.