Gesellschaft
Wirtschaften im Limmattal: Ohne Sackmesser ging man nicht zum Jassen

Die Dorfbeiz ist mehr als nur ein Ort, wo man sich verköstigt. Von jeher nehmen Wirtschaften eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben einer Gemeinde ein. Manchmal dienen sie Fussballern sogar als Umkleidekabine.

Sandro Zimmerli
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Eine Gemeinde ohne Beiz ist kaum vorstellbar. Gasthäuser erzählen einiges über einen Ort, sie sind Teil seiner Geschichte und sie schreiben Geschichten.

Eine Gemeinde ohne Beiz ist kaum vorstellbar. Gasthäuser erzählen einiges über einen Ort, sie sind Teil seiner Geschichte und sie schreiben Geschichten.

Leonard Von Matt, Fotostiftung Schweiz, Keystone

Gault Millau hat entschieden. Zürich bleibt eine kulinarische Hochburg. Über 45 Lokale listet der Gastroführer in der Stadt auf, von der «Kronenhalle» bis zum «Sonnenberg». Anders sieht es im Limmattal aus. Mit dem China-Restaurant Luo im Ochsen sowie der Taverne zur Krone – beide in Dietikon beheimatet – schaffen es nur zwei Restaurants aus dem Bezirk in die Gastrobibel.

Eine kulinarische Einöde ist und war das Limmattal deswegen jedoch nicht. Natürlich steht bei einem Restaurant bis heute die Verpflegung mit Speis und Trank im Vordergrund. Doch gerade in einst ländlichen Gegenden, wie es das Limmattal war, spielten Wirtshäuser, Gasthöfe und Beizen noch ganz andere Rollen im gesellschaftlichen Leben. Das ist teilweise heute noch so.

Die Wirtschaft ist ein Ort der Begegnung. Dort wird diskutiert, politisiert, mitunter auch gestritten. Sie ist eine Gerüchteküche, der Ort, an dem der neueste Dorftratsch ausgetauscht wird. Vereinen bietet sie eine Art Heimat, meist stand sie sogar am Ursprung der Vereinsgründung.

Familienanlässe wie Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen finden ihren Abschluss nicht selten in einem Restaurant. In der Beiz werden Triumphe gefeiert und Niederlagen betrauert. Wirtschaften sind für manche Gäste ein zweites Wohnzimmer. Und manchmal übernehmen sie sogar die Funktion einer Umkleidekabine.

Kurz: Eine Gemeinde ohne Beiz ist kaum vorstellbar. Gasthäuser erzählen einiges über einen Ort, sie sind Teil seiner Geschichte und sie schreiben Geschichten.

Die «Lilie» war einst das kulturelle Zentrum Schlierens.
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Der Unterengstringer «Eckstein» war selbst bei Zürchern sehr beliebt.
Das Restaurant «Bahnhof» in Urdorf warb mit seiner staubfreien Lage.

Die «Lilie» war einst das kulturelle Zentrum Schlierens.

ZVG

Klöster vergaben Tavernenrecht

Die Anfänge der Wirtsstuben im Limmattal gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Bereits 1259 wurde erstmals eine Taverne auf dem Areal des heutigen Restaurants Krone in Dietikon erwähnt. Zu jener Zeit war es üblich, dass die Inhaber der niederen Gerichtsbarkeit, oftmals Klöster, das Tavernenrecht erteilten. Damit durfte der Pächter nebst Speis und Trank auch Nachtlager anbieten.

Die meisten dieser Tavernen befanden sich an wichtigen Verkehrswegen. Jene Herberge in Urdorf, die bereits 1659 verbürgt ist, befand sich etwa an der Strasse ins Amt und über den Mutschellen ins Reusstal.

Das Kloster Fahr besass schon Anfang des 15. Jahrhunderts ein Gasthaus in Weiningen, den «Löwen». Im damaligen Hofrecht des Klosters heisst es, «auch soll man wissen, dass das Gottshaus zu Fahr eine Taverne haben soll zu Weinigen, die feil gut soll haben Wein und Brot». Die Gaststätte sorgte immer wieder für Gesprächsstoff, unter anderem deshalb, weil der Wirt den Wein zu teuer verkaufte und deswegen gebüsst wurde. Die Taverne wurde schliesslich verkauft, als das Fahr um 1678 das Gasthaus zu den zwei Raben auf dem Klosterareal baute.

Die Anzahl der Gasthäuser in der Region blieb lange überschaubar. Das änderte sich erst, als die helvetische Regierung 1798 die Gewerbefreiheit einführte. Nun explodierten die Zahlen. Überall schossen Wirtschaften aus dem Boden, im Limmattal besonders in Schlieren und Dietikon. Der heutige Bezirksort zählte 1896 bereits 26 Lokale mit Alkoholausschank, und das bei 2100 Einwohnern.

Diese im 19. Jahrhundert entstandenen Wirtschaften waren unter anderem eine Reaktion auf den aufkommenden Bahnverkehr und den Wandel der Arbeitswelt. Durch die Frauenerwerbsarbeit stieg das Bedürfnis nach auswärtiger Verpflegung. Viele Gaststätten erkannten zudem schon früh, dass mit Sonntagsausflüglern gute Geschäfte zu machen sind. So warb etwa das Restaurant Bahnhof in Urdorf mit seiner staubfreien Lage und den lohnenden Spaziergängen in der Umgebung.

Ein besonders beliebtes Ausflugsziel, vor allem bei Städtern, war der «Eckstein» in Unterengstringen. Direkt vor dem Restaurant befand sich eine Haltestelle der damaligen Limmattaler Strassenbahn. Aber auch nach Schlieren zog es Leute aus Zürich.

Einst landete der Adler, dann kam der Flamingo

Im 13. Jahrhundert ging man dazu über, Wirtshäuser mit Namen zu versehen. Symbole spielten dabei eine wichtige Rolle. Sie verraten viel über den Wirt und seine Kundschaft.

Am «Rössli» gibt es kein Vorbeikommen. In der Deutschschweiz ist es der häufigste Namen für ein Wirtshaus. Auch andere Tiernamen erfreuen sich grosser Beliebtheit bei der Namensgebung einer Beiz. Meist handelt es sich dabei um Wappentiere, etwa den Adler, den Löwen oder den Bären. Aber auch christliche Schöpfungssymbole wie das Lamm kommen zum Zug.


Ursprünglich war es allerdings nicht üblich, Gasthäusern Namen zu geben. Meist waren sie mit Kränzen gekennzeichnet. Ab dem 13. Jahrhundert setzten sich zuerst in den Städten Wirtshausschilder und damit auch Namen durch. Eine wichtige Rolle spielten dabei Symbole. Etwa die Sonne als Lichtspenderin oder die Krone, die Macht symbolisiert. Aber auch Heiligenattribute wie der Anker oder der Schlüssel wurden gerne verwendet.


Oftmals verwies der Name einer Wirtschaft aber auch auf das Speiseangebot. Im «Salmen» wurde Lachs aufgetischt. Auch der Hecht ist ein beliebter Namensgeber. Ebenso wurden Wildtiere gerne und oft benutzt, um auf die Vorzüge einer Wirtschaft aufmerksam zu machen. Man denke etwa an den Hirschen oder den Widder.


Inspiration Natur

Auch die Vorlieben des Wirtes fanden Niederschlag im Namen der Gaststätten. Jägerstübli, Schützenhaus oder Fischerstube verweisen auf solche Leidenschaften. Andere Wirtshäuser verdanken ihren Namen ihrer Lage, etwa an Verkehrswegen. Der «Bahnhof», die «Post» oder die «Station» zeugen davon.


Aber auch von der Natur liessen sich Wirte inspirieren. Die «Linde» verweist auf den schattenspendenden Baum in der Gartenwirtschaft. Die «Seerose», das «Alpenrösli» oder der «Enzian» mussten immer wieder als Namen herhalten. In der Schweiz darf natürlich auch die Gebirgswelt nicht fehlen. «Alpenblick», «Gotthard» oder «Rigiblick» sind nur einige wenige Beispiele.

Im 19. Jahrhundert war es dann vielerorts üblich, patriotische Namen wie «Schweizerdegen» oder «Heimat» zu verwenden. Auch bürgerliche Tugenden wie Frieden, Frohsinn oder Harmonie fanden Eingang in die Namensvielfalt. Mit der Arbeiterbewegung hielten Begriffe wie Eintracht, Concordia oder Volkshaus Einzug.


Ebenfalls zu jener Zeit waren französische Namen chic. «Des Alpes» oder «Bellevue» waren beliebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gesellten sich dann allerlei exotische Namen zur schon damals kaum überschaubaren Vielfalt. Man gings ins «Calypso», «Capri» oder «Flamingo». Bis heute sind der Fantasie jedenfalls keine Grenzen gesetzt.

Dabei konnte es schon einmal zu Streitereien zwischen Einheimischen und Ausflüglern kommen. Etwa, als trinkfreudige Studenten vor der «Linde» in Schlieren einigen Mitgliedern des Weininger Töchternchors nachstellten und dafür von einer Jassrunde kurzerhand im Dorfbrunnen abgekühlt wurden.

Überhaupt ging es in jener Zeit öfters ruppig zu und her in den Limmattaler Gaststätten. Jüngere Dietiker machten sich etwa einen Spass daraus, Neuzuzüger in der Beiz aufzuziehen, bis es zu Schlägereien kam. Und auch untereinander flammte öfters Streit auf. So soll es gang und gäbe gewesen sein, dass in Dietikons Wirtschaften vor Jassbeginn die Sackmesser mit offener Klinge in die Unterseite der Tischplatte gesteckt wurden, um bei ausbrechendem Streit sofort zustechen zu können.

Jedem Verein sein Stammlokal

Oft blieb es jedoch bei Diskussionen, mitunter auch sehr hitzigen. Denn in den Wirtschaften wurde auch Politik gemacht, wobei jede Partei ihr Stammlokal hatte. In Schlieren etwa politisierte die BGB, Vorläuferin der SVP, in der «Linde». In der «Lilie» war der Freisinn zu Hause, im «Bahnhof» die CVP und in der «Krone» die Sozialdemokraten.

Auch viele Vereine wussten und wissen noch heute die Vorzüge eines Lokals zu schätzen. Fast alle von ihnen wurden einst in einem Restaurant gegründet.

Der FC Fortuna, der später in FC Dietikon umbenannt werden sollte, wurde in der Wirtschaft Zur Post aus der Taufe gehoben. Der FC Oetwil-Geroldswil hat seine Wurzeln im Oetwiler Restaurant Freihof. Im Anschluss an die Hochzeit einer Serviertochter gründete eine fröhliche Runde 1982 den FC Frohsinn.

Gerade für Fussballvereine konnten die Wirtschaften aber auch ganz praktische Funktionen übernehmen. Die Spieler des FC Engstringen mussten sich noch in den 1960er-Jahren aus Mangel an Garderoben im «Freihof» umziehen. Als Dusche diente ein Schlauch hinter dem Gebäude.

Die Alkoholfrage kommt aufs Tapet

Das Aufkommen der Wirtschaften ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam nicht überall gut an. Schon früh wurde die Alkoholfrage zu einem wichtigen politischen und gesellschaftlichen Thema. Und so formierte sich gegen Ende des Jahrhunderts die Abstinenzbewegung.

In den 1920er-Jahren wollte der Frauenverein Dietikon eine Gemeindestube mit einer alkoholfreien Wirtschaft einrichten. Das Projekt scheiterte jedoch an den Finanzen. Erst dem 1932 gegründeten Gemeindestubenverein gelang es, mit dem «Limmethus» eine solche Wirtschaft zu eröffnen. Deren Betrieb musste 1973 aus finanziellen Gründen jedoch wieder eingestellt werden.
Gasthäuser waren und sind nicht nur wegen des Alkohols ein Ärgernis für gewisse Leute. Auch der nächtliche Lärm wurde oft als störend empfunden. Allerdings gab es auf der anderen Seite wiederum Gäste, die so ganz und gar nichts mit der Polizeistunde anfangen konnten. Im «Bären» in Dietikon soll es vorgekommen sein, dass sich einige Verwegene im Kühlraum vor der Polizei versteckten und danach fröhlich weiterfeierten.

Mit ganz anderen Sorgen war hingegen der Geroldswiler Gemeinderat 1910 beschäftigt, als er einem Gesuchsteller das Wirtepatent verweigerte. Es bestand der Verdacht, dass der Wirt sein Lokal nur so lange betreiben wolle, bis alle seine Töchter unter der Haube sind. Man fürchtete um die guten Sitten im Dorf.

Einen anderen Weg schlug der Uitiker Gemeinderat ein. Dieser wollte in den 1830er-Jahren die strapazierten Gemeindefinanzen durch den Pachterlös einer Wirtschaft entlasten. Deshalb beantragte er den Stimmberechtigten, eine Wirtschaft an der neu erstellten Luzernerstrasse zu erstellen. Die Rechnung ging nicht auf. Die Kosten für den Bau des «Leuen» überstiegen den Ertrag aus dem Pachtzins massiv. Deshalb wurde das Gasthaus nur wenige Jahre nach seiner Fertigstellung verkauft.

Ganz andere, neue Erfahrungen machten hingegen die Dietiker. 1918 übernahm die Familie Spallanzi den «Bären». Damit hielt zum ersten Mal die südländische Esskultur Einzug in der Region. Wie andernorts war das der Start für eine Entwicklung, die sich heute in einer Vielfalt an Spezialitätenrestaurants äussert. Für manche Dorfbeiz bedeutete dieser Trend allerdings das Aus.

Quellen:

Jahrheft von Schlieren 2007; Weihnachtskurier Uitikon 1987; Neujahrsblatt Dietikon 2013; Urdorf in der Geschichte; Chronik 3500 Jahre Weiningen; Festschrift zum Jubiläum «750 Jahre Geroldswil».