Mehrwertsteuer-Initiative
Wird der Kaffee bei Ihnen bald günstiger?

Wir haben uns mit zwei Dietiker Gastronomen an einen Tisch gesetzt und Kaffee getrunken. Ob sie dessen Preis bei einem Abstimmungs-Ja senken werden, haben sie beantwortet.

Jürg Krebs
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Ob Restaurants auch in Zukunft mit 8 Prozent besteuert werden, während es bei Take-aways nur 2,5 sind, entscheidet das Schweizer Stimmvolk am 28. September.

Ob Restaurants auch in Zukunft mit 8 Prozent besteuert werden, während es bei Take-aways nur 2,5 sind, entscheidet das Schweizer Stimmvolk am 28. September.

Keystone

Es ist die Frage, die derzeit alle umtreibt: Wird die Tasse Espresso günstiger, wenn wir an der Abstimmung vom 28. September die Initiative des Branchenverbandes Gastro Suisse annehmen? Diese verlangt eine Aufhebung der «Mehrwertsteuer-Diskriminierung» für das Gastgewerbe. Anders ausgedrückt: Restaurants sollen weniger Steuern bezahlen müssen und damit den Take-away-Betrieben gleichgestellt werden.

Günstiger oder nicht? Diese Frage sollen die Gastronomen doch gleich selbst beantworten. Das machen sie gerne: Martina Meier, Wirtin des Restaurants Heimat, und Elio Frapolli, Gastrounternehmer des Hotel-Restaurants Sommerau-Ticino. Beide führen in Dietikon Familienbetriebe mit Tradition. Das Abstimmungs-Thema beschäftigt sie sehr, klar, aber es beschäftige auch ihre Gäste, mit denen sie leidenschaftlich über diese Ungerechtigkeit diskutieren.

Ein Gespräch im Wintergarten

Zum Gespräch im Wintergarten der «Sommerau» bringen beide ihre Unterlagen mit. Meier einen handbeschriebenen Notizzettel einer Badener Brauerei. Frapolli kommt mit einer Präsentation, mit der er für die Initiative wirbt. Vor uns steht der viel zitierte, herrlich duftende Kaffee.

Die Ausgangslage stellt sich so dar: Wirte müssen heute für jeden servierten, 4-fränkigen Kaffee 30 Rappen Mehrwertsteuer abliefern, die Bäckerei hingegen nur 10 Rappen, auch wenns das genau gleiche Getränk ist. Logisch erscheint dies nicht. Tatsache aber ist: Restaurants werden mit 8 Prozent besteuert, Take-away-Betriebe mit 2,5 Prozent.

«Ich würde die Preisreduktion vollumfänglich weitergeben», sagt Martina Meier vom Restaurant Heimat.

«Ich würde die Preisreduktion vollumfänglich weitergeben», sagt Martina Meier vom Restaurant Heimat.

Jürg Krebs
«Ich würde die Preise nicht generell senken, jedoch auf den wichtigen Umsatzträgern», sagt Elio Frapolli vom Hotel-Restaurants Sommerau-Ticino.

«Ich würde die Preise nicht generell senken, jedoch auf den wichtigen Umsatzträgern», sagt Elio Frapolli vom Hotel-Restaurants Sommerau-Ticino.

Jürg Krebs

Die Sache mit der Gerechtigkeit

Für Martina Meier ist es deshalb keine Frage: Ein Ja zur Initiative ist eine «Sache der Gerechtigkeit». Gleiche Leistung, gleiche Steuerabgaben.

Das sieht auf nationaler Ebene auch die SVP so. Die CVP hingegen hat Stimmfreigabe beschlossen. Alle anderen Parteien lehnen die Initiative ab. Unterstützt wird Martina Meier vom Schweizerischen Gewerbeverband. Viele andere, etwa der Detailhandel und die Bauern, lehnen sie ab.

Die Krux ist nämlich die: Das Aufheben der Ungerechtigkeit, wie es Martina Meier ausdrückt, bedeutet nicht automatisch, dass der Mehrwertsteuersatz von 8 auf 2,5 Prozent gesenkt wird. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf erklärt, dass der Bund nicht auf 750 Millionen Franken verzichten kann. Ihre Lösung: Wird die Initiative angenommen, werde sie den Steuersatz für alle auf zum Beispiel 3,8 Prozent erhöhen. Martina Meier müsste dann zwar weniger Steuern abgeben, jeder Take-away – und dazu zählt nicht nur die Bäckerei von nebenan, sondern auch jeder Kebab-Stand – hingegen mehr.

Zudem würden durch Widmer-Schlumpf auch alle anderen Produkte teurer gemacht, die einen reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent haben: Nahrungsmittel, Medikamente, Bücher, Futtermittel und vieles mehr. Wenn, ja wenn der Bundesrat die Steuerausfälle wirklich kompensieren will. Für die Konsumenten würde also vieles teurer, und das tut im Portemonnaie weh. Kein Wunder, ist die Opposition, gegen die Martina Meier ankämpft, gross.

Steuersatz: Wie tief ist tiefer?

Zwar hat Gastro-Suisse-Präsident Casimir Platzer für diesen Fall angekündigt, zusammen mit der SVP das Referendum ergreifen zu wollen. Und Gewerbedirektor Hans-Ulrich Bigler argumentiert, dass die Umsetzung der Initiative keinen Spielraum zulässt: Wird die Initiative angenommen, müsse die Mehrwertsteuer auf 2,5 Prozent gesenkt werden. Das sehen aber längst nicht alle so.

Sogar Elio Frapolli glaubt dies nicht. Er schätzt, dass der Mehrwertsteuersatz am Ende «irgendwo zwischen 4 und 5 Prozent» liegen dürfte. Martina Meier geht von 5 bis 6 Prozent aus.

Die Frage lautet aber immer noch: Bezahlt der Gast auch exakt so viel weniger für seinen Kaffee, wie die Mehrwertsteuer gesenkt wird? Oder nutzen die Wirte die Chance für eine Gehaltserhöhung?

Restaurantpreise könnten sinken

Die Einschätzung von Elio Frapolli: «Ich glaube nicht, dass der Restaurantbesuch generell günstiger wird, aber er wird auf längere Zeit hinaus eben auch nicht teurer.» Und bei ihm selbst, im «Sommerau-Ticino»? In der «Heimat«? Martina Meier: «Ich würde die Preisreduktion vollumfänglich weitergeben.» Elio Frapolli würde es genauso machen: «Ich würde die Preise nicht generell senken, jedoch auf den wichtigen Umsatzträgern.» Genauso wie die schweizweite Umfrage von Gastro Suisse unter den Wirten ergeben habe, dass 85 Prozent der Wirte die Differenzen weitergeben würden.

Da ist sie also, die Antwort auf die Frage: Wird der Kaffee günstiger? Der Kaffe schon. Aber nicht der Restaurantbesuch generell.

Der Blick in die Gastrobranche

Elio Frapolli will sich erklären. Den zusätzlichen Gewinn würde er in die Aus- und Weiterbildung von Personal und Lehrlingen und die Nochfolgeregelung investieren und in Form von Erneuerungen und Renovationen in seinen Betrieb. Er hätte als Inhaber also nicht einen höheren Gewinn, seinem Betrieb ginge es aber besser. Überhaupt, der (Netto-)Gewinn: In der Schweiz liege dieser im Gastrogewerbe zwischen 0,1 und 1 Prozent – «in einem guten Jahr», wie Elio Frapolli ergänzt.

Und damit sind wir bei einem Thema, das über die Abstimmung hinaus geht: Die Gastronomiebranche an und für sich. Sie kämpft generell mit sinkenden Einnahmen.

Viel hat sich verändert in der Branche, nicht nur durch das Rauchverbot und die Senkung der Promillegrenze. Elio Frapolli und Martina Meier sprechen von Einnahmeausfällen, spürbaren.

Keiner bleibt mehr sitzen

Auch sonst ist nichts mehr wie eine Generation zuvor: Die Lebenshaltungskosten seien gestiegen, man nehme wieder vermehrt das Mittagessen von zu Hause zur Arbeit mit oder verpflege sich schnell am Take-away – und verzichte auf den Besuch des Restaurants, sagt Elio Frapolli. Fertiggerichte hätten den Stellenwert von Essen generell weiter gesenkt, was Take-aways entgegenkommt. Die Kultur des gemeinsamen Essens am Küchentisch sei in Gefahr. Der gemeinsame Umtrunk nach der Vereinsaktivität sei nicht mehr die Norm, das lange Sitzenbleiben in der Beiz vorbei – am nächsten Tag wartet die anstrengende Arbeit.

Martina Meier und Elio Frapolli wollen nicht lamentieren – das betonen sie mehrmals. Sie müssten mit diesen Veränderungen umgehen. Beide tun dies auf ihre eigene Weise. Martina Meier konzentriert sich aufs Kerngeschäft der «Heimat». Elio Frapolli steht auch einem Hotel und einem Catering vor.

Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis: Der Schlüssel zum Erfolg und damit zum Überleben liegt im Gastgebertum. Jedem Gast ein Gastgeber zu sein, sei die Basis für die tägliche Arbeit. Ein Wirt, der das nicht begriffen habe, oder das nicht könne, habe keine Chance.

Es geht ums Geld

Elio Frapolli ist Geschäftsmann genug, um zu wissen, dass es letztlich ums Geld geht, und fügt noch dies nach: Dank der neu möglichen Investitionen würden auch die 750 Millionen, die Widmer-Schlumpf vorgerechnet hat, schnell einmal kompensiert, sagt er. Die würden sowieso nur für eine volle Reduktion von 8 auf 2,5 Prozent gelten. Das alles könne die Schweiz verkraften.

Elio Frapolli glaubt – und Martina Meier bestätigt seinen Eindruck –, dass die Annahme der Initiative das Gastgewerbe stärken könnte. Bereits jetzt spüren beide ein gestiegenes Verständnis seitens der Gäste – immerhin so viel hat die Diskussion um die Abstimmungsvorlage bereits gebracht. Und deshalb blicken Martina Meier und Elio Frapolli hoffnungsvoll auf das kommende Abstimmungswochenende.

In zwei Wochen wird sich zeigen, ob ihre Gäste lieber die «Mehrwertsteuer-Diskriminierung» beseitigen oder – aus Angst vor einer möglichen Verteuerung anderer Waren – lieber gegen Martina Meier und Elio Frapolli stimmen.

Übrigens: Der Kaffee hat geschmeckt.