Ab dem Schuljahr 2019/2020 werden Urdorfer Sekschüler sechs bis elf Lektionen pro Woche in Lernlandschaften unterrichtet. Dies beschlossen die 141 anwesenden Stimmbürger an der Schulgemeindeversammlung am Mittwochabend in der Mehrzweckhalle. Sie bewilligten den Kredit von 530'000 Franken für die baulichen Anpassungen im Schulhaus Moosmatt mit 90 Ja- zu 22 Nein-Stimmen.

«Lernlandschaften haben nichts mit einem Park zu tun. Es handelt sich dabei um einen grossen Schulraum mit individuellen Arbeitsplätzen, an dem jeder Schüler an Lernaufträgen in verschiedenen Fächern arbeiten kann», sagte die zuständige Schulpflegerin Theres Seiler Brühwiler (EVP). Dadurch solle die Selbstständigkeit der Schüler gefördert werden. Pro Raum würden zwei bis drei Klassen von zwei bis drei Lehrpersonen unterstützt.

Schulliegenschaftsvorstand René Eberle (SVP) erklärte die baulichen Details des Projekts. «Dank der Skelettbauweise des Schulhauses ist es möglich, zwei Klassenzimmer mit der Aufhebung der Wände zu verbinden.» Auf diese Weise sollen im ersten, zweiten und dritten Stock je zwei grosse Räume entstehen. Für 128'000 Franken wird das Mobiliar ergänzt. Die Schulgemeinde habe sich für diese Variante entschieden, weil sie die kostengünstigste sei, sagte Eberle. Eine Totalsanierung der Räume würde 1,6 Millionen Franken kosten.

Das Projekt erhielt grossen Zuspruch von den Parteien. «Wir sehen die Lernlandschaften als wichtige Ergänzung zum jetzigen Schulsystem», sagte Marc Joye, Präsident der CVP Urdorf. Zudem sei es wichtig, dass man der Lehrerschaft, die das Projekt gestaltet habe, das Vertrauen schenke. «Auch finanziell erachtet die CVP die Investition als vertretbar», sagte Joye. Die FDP Urdorf vertrat dieselbe Meinung. «Der pädagogische Ansatz der Lernlandschaften überzeugt uns», sagte Ortsparteipräsident Stephan Mazan.

Die Sekschüler stünden kurz vor der Berufsausbildung, bei der Fähigkeiten wie Eigenständigkeit gefragt seien. «Zudem sagt uns das Projekt auch zu, weil die Lehrpersonen ihm positiv gegenüberstehen.» Diesem Argument pflichtete EVP-Ortsparteipräsident Marcel Zirngast bei. «Dieses Projekt ist auf Initiative der Lehrer entstanden, die sich seit mehreren Jahren damit auseinandersetzen. Schon nur deswegen empfehlen wir die Annahme des Geschäfts.»

Grünliberale übten Kritik

Einzig die GLP Urdorf schien wenig überzeugt. GLP-Kantonsrätin Sonja Gehrig war es wichtig, den Stimmbürgern einige kritische Punkte aufzuzeigen. «In Urdorf hört man nur Loblieder für die Lernlandschaften. Ich habe das Gefühl, dass die Schulpflege das Projekt schön redet.» Sie habe sich mit Schulvertretern anderer Kantone und Lehrpersonen, die mit Lernlandschaften unterrichten, ausgetauscht und mit Erstaunen feststellen müssen, dass die Begeisterung gering sei. Vor allem schwache Schüler seien mit dem selbstorganisierten Lernen überfordert, habe sie erfahren. Individualisierten Unterricht würde bereits heute jede gute Lehrperson betreiben. «Dazu braucht es nicht unbedingt eine Lernlandschaft», sagte Gehrig. Eine weitere Problematik sei, dass der individuelle Lernplan, der für jeden Schüler aufgestellt werden müsse die Lehrpersonen sehr viel Aufwand koste. Gehrig wollte einen Gegenvorschlag zum Antrag der Schulpflege formulieren. Sie plädiere für ein Pilotprojekt bei dem etappiert vorgegangen und nur eine Lernlandschaft pro Stockwerk statt zwei erstellt werden sollen.

«Nach drei Jahren können die Erfahrungen gesammelt werden und man kann entscheiden, ob man ausbauen will», sagte sie. Schulpräsident Stefan Zehnder (parteilos) unterbrach Gehrigs Ausführungen und sagte, dass es nicht möglich sei, einen Änderungsantrag zu stellen. «Ein Rückweisungs- oder Änderungsantrag ist angebracht, wenn die Stimmbürger sich noch keine Meinung bilden konnten.» Dies sei hier nicht der Fall. Die Stimmbürger wüssten genug, um abzustimmen. Gehrig war ob dieser Reaktion verdutzt und fragte, ob sie wenigstens einen Antrag stellen könne, damit über das Geschäft an der Urne abgestimmt werden könne. Zehnder bejahte und ein Raunen erfüllte die Mehrzweckhalle.

Einige Befürworter meldeten sich zu Wort, um eine Urnenabstimmung abzuwenden. «Ihr wisst alle, dass ich lange in Urdorf Schule gegeben habe. Urdorf ist anders als andere Gemeinden. Wir sind um eine Nasenlänge voraus. Wir sollten Mut beweisen und das Projekt durchziehen», sagte ein Stimmbürger. Ein anderer Votant, der seit 15 Jahren an der Schule Moosmatt als Lehrer arbeitet, meinte: «Ich kann mit oder ohne Lernlandschaft leben, aber lieber wäre es mir mit.» Die Schule Urdorf suche ihre eigene Lösung. Man habe sich das Projekt gut überlegt, sagte er. «Wir machen das zum Wohle unserer Schüler.» Schliesslich sagte eine Mehrheit der Stimmberechtigten Ja zum Baukredit. Der Antrag, das Geschäft an die Urne weiterzuziehen, wurde verworfen, weil nur 18 Votanten diese Variante bevorzugten. Es hätten sich aber ein Drittel der Stimmberechtigten, also 36 Personen, dafür aussprechen müssen.

An der Schulgemeindeversammlung wurde zudem die Jahresrechnung, die mit einem Plus von 1,24 Millionen Franken schliesst, gutgeheissen und eine Anfrage betreffend Zusammenlegung der Gemeinde- und Schulbibliotheken von Sonja Gehrig beantwortet. Überdies wurde der Verzicht auf die Neubewertung des Verwaltungsvermögens im Rahmen der Harmonisierung des Rechnungsmodells HRM2 bewilligt. Gleich verfuhren die 119 erschienenen Stimmbürger an der anschliessenden Versammlung der politischen Gemeinde. Sie stimmten dem Verzicht der Neubewertung des Verwaltungsvermögens zu. Überdies nahmen sie auch die Jahresrechnung an, die mit einem Plus von 6,13 Millionen Franken statt einem Minus von 0,95 Millionen Franken schliesst. Der Souverän bestimmte auch 30 Mitglieder des Wahlbüros für die Amtsdauer 2018 bis 2022.