Dietikon
«Wir leben unseren Traum»: Sie wohnen und arbeiten auf dem Fondlihof

Tina Siegenthaler, Finn Thiele und Sébastien Czaka wollen ihre Kunden mehr in den Bio-Betrieb einbinden.

Sibylle Egloff
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Das Trio vom Fondlihof: Sébastien Czaka, Finn Thiele und Tina Siegenthaler (von links) bei der Arbeit im Kirschhain. Chris Iseli

Das Trio vom Fondlihof: Sébastien Czaka, Finn Thiele und Tina Siegenthaler (von links) bei der Arbeit im Kirschhain. Chris Iseli

Chris Iseli

Eine schwarz-weisse Katze stolziert über den Platz vor dem Hofladen. Aus ihrem Mund baumelt ein besonders grosses Exemplar einer Feldmaus. Sie miaut laut, als wolle sie alle Personen und Tiere auf dem Hof auf ihre Beute aufmerksam machen. Sébastien Czaka verlässt das Geschäft und geht über die Strasse zu einem überdimensionalen, durchsichtigen Zelt. «Kirschbäume mögen Regen gar nicht. Das Plastikdach schützt sie davor», sagt er. Zwischen den sattgrünen Zweigen leuchten bereits zahlreiche rote Kirschen. Tina Siegenthaler schneidet behutsam Blätter aus dem Astwerk. «Einige sind von Läusen befallen. Die müssen weg», sagt sie, während ihr Finn Thiele einen Sack entgegenstreckt, damit sie das Laub reinwerfen kann.

Hier auf dem Fondlihof, ein paar hundert Meter von der viel befahrenen Ueberlandstrasse und dem Dietiker Industriegebiet entfernt, haben die drei ihr persönliches Paradies gefunden. Im Januar übernahmen sie den Biohof von Samuel Spahn. So richtig suchen musste das Trio aber nicht. «Ich habe bereits zwei Jahre hier gearbeitet», sagt Siegenthaler. Die 33-jährige Umweltingenieurin schaut zu Thiele. «Und der hier folgt mir schon seit elf Jahren.» Beide lachen.

2 Mitbewohner haben die drei Fondli-Pächter. Mit ihnen teilen sie das Haus neben dem Biohof. Die beiden haben mit der Landwirtschaft nichts am Hut. Das findet das Trio gut. So rede man nicht immer nur über den Betrieb, sagen sie.

Siegenthaler und Thiele sind ein Paar, lernten sich an einem Festival in Norddeutschland kennen. «Ich habe vier Jahre auf dem Fondlihof gearbeitet und danach auf zwei anderen Höfen meine Ausbildung zum Landwirt absolviert», erzählt Thiele. Sozusagen um sich für die grosse Aufgabe zu wappnen. Da sei nämlich schon klar gewesen, dass er den Fondlihof einmal pachten werde. «Sämi Spahn fragte mich vor ein paar Jahren, ob ich Lust hätte, seinen Betrieb zu übernehmen, wenn er sich pensionieren lässt», sagt der 35-jährige gebürtige Deutsche. Anfang dieses Jahres war es dann so weit.

Unkonventioneller Betrieb

«Andere Landwirte haben grosse Schwierigkeiten, einen Betrieb zu finden. Wir hatten Glück. Bei uns war es genau umgekehrt», sagt Czaka, der Dritte im Bunde. Unkonventionell sei auch, dass keiner der drei miteinander verwandt oder verheiratet sei. «Es gibt wenig Bauernhöfe, die keine Familienbetriebe sind.» Dass er einmal als Landwirt seinen Lebensunterhalt bestreiten würde, hätte der 36-Jährige vor ein paar Jahren nicht gedacht. «Ich bin in der Stadt Zürich aufgewachsen und war jahrelang als Busfahrer tätig.» Siegenthaler und Thiele lernte er über die regionale Gemüsekooperative Ortoloco kennen, bei der alle drei Mitglied sind. Siegenthaler ist sogar Mitbegründerin. «Sämi Spahn ermöglichte uns vor acht Jahren, die Kooperative auf dem Fondlihof aufzubauen und das Gemüse zu pflanzen», sagt die gebürtige Emmentalerin. Die Genossenschaft setzt sich aus Gemüsegärtnern und Konsumenten zusammen, die gemeinsam Gemüse auf rund eineinhalb Hektaren kultivieren, anschliessend verteilen und konsumieren.

«Andere Landwirte haben grosse Schwierigkeiten, einen Betrieb zu finden. Wir hatten Glück. Bei uns war es genau umgekehrt.»

- Sébastien Czaka

Seit einem halben Jahr sind die drei nun ihre eigenen Chefs. «Sobald das Tageslicht anbricht, sind wir auf den Beinen», sagt Czaka. Der Laufstall müsse gereinigt, die 80 Hühner und rund 30 Rinder gefüttert, die Mais-, Soja-, und Sonnenblumenfelder sowie Getreidefelder bestellt werden. Hinzu kommen die Äpfel-, Zwetschgen-, Birnen- und Kirschbäume auf rund eineinhalb Hektaren. «Mit dem Obst haben wir derzeit viel zu tun. Im Mai sind die Pflanzen derart in die Höhe geschossen», sagt Czaka. Daneben betreuen die drei am Freitag und Samstag den Hofladen. Und auch Administratives gibt es zu erledigen. Überdies haben die drei viele Ideen. «Wir pflanzen Sonnenblumen an und haben vor, Öl daraus herzustellen», sagt Czaka. Irgendwann wolle man auch Pilze züchten und einen Teil der Früchte der Obstbäume dörren.

Wichtig ist den Pächtern, dass sie am Morgen vor der Arbeit zusammensitzen, den Tagesablauf besprechen und gemeinsam Entscheidungen treffen. «Drei Hirne sind besser als nur eins», sagt Siegenthaler. Trotz der vielen Arbeit sind sie zufrieden. «Bisher läuft alles gut. Wir leben unseren Traum», sagt Czaka.

Das Trio wohnt ein paar Schritte vom Hof entfernt in einem Haus. Das teilt es sich mit zwei Mitbewohnern, die nicht in der Landwirtschaft beschäftigt sind. «Das ist ganz gut so. Dann reden wir nicht immer nur über den Betrieb», sagt Czaka. Gemeinsam zu arbeiten und zu wohnen empfänden sie nicht als belastend. «Wir arbeiten bis in den Abend hinein. Auf die wenigen Stunden Freizeit, die wir zusätzlich zusammen verbringen, kommt es dann auch nicht mehr an», sagt Thiele.

Kooperation mit Kunden

Den Gemeinschaftssinn, den sie in ihrem Alltag leben, wollen die drei auch auf den Hof übertragen. «Unser Ziel ist es, dass wir unsere Kunden in den Produktions- und Entscheidungsprozess einbinden, ganz nach dem Vorbild der Gemüsekooperative», sagt Siegenthaler. Man wolle sich langsam vom Direktverkauf über den Hofladen und vom Verkauf an Lebensmittelhändler lösen. Der Antrieb ist dabei nicht das Geld: «Wir müssen davon leben können. Wichtig ist uns aber, dass wir gesunde und gute Lebensmittel produzieren und so landwirtschaften, dass es der Umwelt, den Tieren, den Böden und den Menschen gut geht.» In Deutschland existierten bereits einige Betriebe, die so funktionieren. «Das zeigt uns, dass es auch hier möglich ist», so Siegenthaler. Bald wollen sie eine Veranstaltung organisieren, an der mögliche Strategien mit Interessierten besprochen werden. «Wir geben uns ein Jahr Zeit, um ein gutes Konzept zu entwickeln», sagt Siegenthaler.

«Wir müssen davon leben können. Wichtig ist uns aber, dass wir gesunde und gute Lebensmittel produzieren.»

- Tina Siegenthaler

Bereits jetzt empfangen die drei Kunden auf dem Fondlihof mit offenen Armen. «Es ist uns wichtig, dass sie wissen, woher die Produkte kommen», sagt Thiele. Daher begrüssen sie es, wenn Konsumenten vorbeikommen würden. «Sie können in den Stall gehen und den Hof besichtigen. Es gibt die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Die Kommunikation ist ganz anders, als vor einem Kühlregal zu stehen.»