Zweiter Weltkrieg

«Wir hörten das Rasseln der Panzerketten, als die Russen einmarschierten»: Wie Italo Toninis eindrücklicher Lebensweg ihn nach Dietikon führte

«In Vechelde haben wir unsere Freiheit zurückbekommen», erzählt  Italo Tonini.

«In Vechelde haben wir unsere Freiheit zurückbekommen», erzählt Italo Tonini.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs begann für den damals 11-jährigen Italo Tonini mit der Flucht aus Breslau ein ­­beeindruckender Lebensweg, der ihn über viele Jahre und Stationen bis nach Dietikon führte. Hier fühlt er sich seit mittlerweile über 60 Jahren zu Hause.

Im Herbst 1944 erklärte Adolf Hitler die niederschlesische Stadt Breslau zur Festung gegen die aus Osten vorrückende russische Armee. Die Schlacht um Breslau endete am 6. Mai 1945 mit dem Sieg der Sowjets, nur zwei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und damit dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Am 20. Januar 1945 hatte der herrschende Gauleiter Karl Hanke die sofortige Evakuierung der Stadt befohlen. Während die nicht wehrtaugliche Bevölkerung im Chaos die Stadt verlassen musste, wurden alle kampftauglichen Männer zwangseingezogen. Weil Bürgermeister Wolfgang Spielhagen zur Kapitulation riet, um zivile Opfer zu vermeiden, wurde er öffentlich hingerichtet.

Am 6. Januar, dem italienischen Feiertag Befana, war die Familie von Italo Tonini aus Breslau geflüchtet. «Vielleicht hatte mein Vater das Datum aus religiösen Gründen gewählt», erzählt der 86-Jährige auf der Terrasse seiner Wohnung in Dietikon. Seit 26 Jahren lebt der Sohn eines Italieners und einer Österreicherin zusammen mit seiner Frau Esther «im Dörfli».

Das kleine Quartier gehört zur von der Bewohnerschaft selbst geführten Dörfli-Genossenschaft Wolfsmatt. «Durch die Eigenständigkeit sind wir zusammengewachsen», sagt er. Dass er 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Dietikon sein Leben geniesst, hat auch mit viel Glück zu tun.

In Dresden nur knapp der Zerstörung entkommen

Zusammen mit seinen Eltern, seiner Schwester und seinem Bruder flüchtete der 11-jährige Tonini Richtung Westen. In Schweidnitz erwischte die Familie am Bahnhof gleich einen Zug und landete so in Dresden. Anfang Februar ging es nachts in einem prall gefüllten Funkwagen weiter nach Schönbrunn. Nur wenige Tage, bevor ganz Dresden von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt wurde.

«Ich glaube, wir haben meinem Vater zu verdanken, dass wir rechtzeitig gegangen sind», sagt Tonini. Der Vater habe die ganze Flucht super organisiert. Überhaupt hätten beide Eltern die Familie eng zusammengehalten und die Kinder auch während der Flucht gut behütet, damit sie möglichst wenig von den Gräueln des Krieges mitbekamen, erinnert er sich. Für die Kinder sei aber der bitterkalte Winter besonders hart gewesen.

In einem alten Gutshaus, umrundet von drei Bauernhöfen, harrte die Familie in Schönbrunn im Erzgebirge den Krieg aus. Bei einem Luftangriff wurde einmal einer der Bauernhöfe in Brand gesteckt. Ansonsten musste er aber keine direkten Kriegshandlungen miterleben. Dann kam der Mai: Aus der Höhe konnte Tonini in der Ferne den Rückzug der Wehrmacht beobachten. «Dann trat völlige Ruhe ein. Bis wir irgendwann das Rasseln der Panzerketten hörten und die russische Armee in Schönbrunn einrückte.» Als italienische Familie seien sie glücklicherweise von den Russen nicht als Feind behandelt worden.

Nach einem knappen Jahr fuhr die Familie mit einem Flüchtlingstransport über Chemnitz weiter nach Braunschweig, wo der Vater eine Unterkunft in einem Luftschutzbunker organisiert hatte. «Wir wurden als Flüchtlinge insgesamt gut behandelt», sagt Tonini. Aber dass alle mit dem Insektizid DDT entlaust worden seien, sei äusserst unangenehm gewesen.

Im kleinen Dorf Vechelde in der Nähe von Braunschweig schlug die Familie erstmals seit der Flucht wieder Wurzeln, nachdem alle aus ihrem Leben gerissen worden waren. «In Vechelde haben wir unsere Freiheit zurückbekommen.» Bis zum Tod des Vaters blieb die Familie in dem Dorf.

1959 landete er wegen der Arbeit in Dietikon

Tonini trat dem Männerturnverein bei und trieb viel Sport. Auch kaufte er sich für 20 D-Mark ein altes Schlagzeug und gründete mit Kollegen eine Band für Tanzmusik. Mit den Einnahmen von Auftritten auf Dorffesten unterstützte er seine Familie. Als professioneller Musiker fand der Vater nur noch wenige Anstellungen und die Familie lebte von der Sozialhilfe.

Nach seinem Chemiestudium an einer Fachhochschule in Isny im Allgäu verschlug es Tonini für die Arbeit nach Karlsruhe, wo er seine erste Ehefrau kennen lernte. Seine Tochter und sein Sohn haben ihm bis heute drei Enkelkinder und zwei Urenkel beschert. Weil seine damalige Frau Verwandte in der Schweiz hatte, erfuhr er bei einem Treffen, dass die Arbeit im Nachbarland viel lukrativer sei. 1959 ergatterte er sich einen Job in der Lackindustrie in Killwangen und fand eine Wohnung in Dietikon. Bis heute ist er der Stadt treu geblieben. Seit 1975 ist er Schweizer.

Noch bevor Tonini wegen eines Augenleidens seine berufliche Laufbahn aufgeben musste, wurde er in Dietikon politisch als Schulpfleger und später als Gemeinderat aktiv. Als Schulpfleger lernte er bei einem Lager Esther Jost kennen, mit der er mittlerweile seit 36 Jahren verheiratet ist. Als er sich mit 60 pensionieren liess, habe er seiner Frau das politische Parkett überlassen und sie im Hintergrund unterstützt. Von 2010 bis 2018 politisierte Esther Tonini im Dietiker Stadtrat.

Wohl behütet im schönen Breslau aufgewachsen

Seine Frau habe ihm mal gesagt: «Du bist ein richtig edler Stadtgoof», erzählt Tonini und lacht. Breslau sei damals eine wunderbare grüne Stadt gewesen. Er und seine Geschwister hätten eine schöne Kindheit gehabt und seien wohl behütet von Eltern und Grosseltern in einer italienischen Kolonie innerhalb der Stadt aufgewachsen. Sein Grossvater war einst von Camporgiano in der Provinz Lucca nach Breslau ausgewandert.

Die Machtübernahme der Nazis habe für ihr Leben lange nur eine Nebenrolle gespielt. «Das haben wir über uns ergehen lassen.» Nach der Schlacht um Breslau lebten nur noch etwas weniger als ein Drittel der 600'000 Bewohner in der einst blühenden Stadt.

Vor fünf Jahren besuchte Tonini zusammen mit seiner Frau erstmals seit der Flucht wieder Breslau beziehungsweise Wrocław, heute die viertgrösste Stadt in Polen. «Es ist wieder so eine lebendige Stadt geworden. Ich habe mich gefreut, sie so zu erleben», sagt er. Den Polen gebühre ein hohes Lob, dass sie das alte Stadtzentrum wieder so schön aufgebaut haben.

Obwohl er alles wiedererkannt habe, verspüre er kein Heimweh. Auch Dresden besuchten Toninis auf der gleichen Reise. «Es hat mich schon beschäftigt, dass wir bei der Bombardierung so knapp davongekommen sind», sagt er. Seither seien sie jedes Jahr wieder nach Dresden zurückgekehrt und besuchen mit Vorliebe die Oper.

Italo Tonini musste aber nicht nach Polen reisen, um mit seiner alten Heimat in Kontakt zu kommen. Dazu genügte ein Besuch im Spital Limmattal. Gleich zweimal innerhalb des letzten Jahres bemerkte er bei Arztbesuchen im Gespräch, dass die behandelnden Ärzte selbst auch aus Wrocław stammen.

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