Dietikon
«Wir dürfen ruhig etwas mutiger sein»

Das Limmattal, der 13. Stadtkreis von Zürich? Nein, die nächste Eingemeindung steht nicht auf der Agenda. Kulturell dürften die Gemeinden zwischen Altstetten und Baden aber ruhig etwas mehr Zusammengehörigkeit zeigen, findet Veranstalter Andreas Babic. Denn an Talent fehle es hier nicht.

Sophie Rüesch
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Andreas Babic auf dem Rapidplatz im Dietiker Limmatfeld.

Andreas Babic auf dem Rapidplatz im Dietiker Limmatfeld.

Sophie Rüesch

Herr Babic, Sie haben im Februar den Verein «Kreis 13» als Kulturinitiative fürs Limmattal gegründet. Gibt es hier denn zu wenig Kultur?

Andreas Babic: Nein, es gibt genug Kultur hier. Es wird sogar ziemlich viel gemacht im Limmattal, nur: Es ist alles verzettelt, weil die Gemeinden noch nicht begriffen haben, dass sie eigentlich zusammengehören.

Das Ziel des Vereins ist also, kulturelle Gemeindegrenzen niederzubrechen?

Ja. Alle Gemeinden machen etwas, je nach Grösse und Budget mehr oder weniger. Doch die Weininger vergessen, die Geroldswiler und die Schlieremer einzuladen – und umgekehrt. Es sollte alles etwas überregionaler werden.

Braucht es dafür den «Kreis 13»?

Irgendeiner muss es ja mal anpacken. Letztlich ist es eine Frage des Engagements, das sich nicht alle Gemeinden gleich stark leisten können. Wenn da jemand kommt und anbietet, etwas Bewegung in die Sache zu bringen, sagt niemand Nein. Zumal wir über das Netzwerk vom Kulturmagazin «Escapade», das ich herausgebe, auch die hiesigen Künstler bereits im Boot haben.

Die Gemeinden veranstalten ja auch eigene Anlässe. Hatte niemand das Gefühl, dass Sie ihnen da reinfunken?

Nein. Wichtig ist natürlich, dass man zusammenarbeitet. Man muss auf das bestehende Angebot Rücksicht nehmen, etwa nicht genau an dem Tag eine Veranstaltungsreihe ansetzen, an dem die Gemeinde ihr allmonatliches Jazzkonzert veranstaltet. Man soll sich wenn möglich schliesslich nicht gegenseitig konkurrieren. Letztlich tun wir den Gemeinden ja einen Gefallen, wenn wir das kulturelle Angebot erweitern und verbessern wollen.

Was hat die Bevölkerung davon?

Eine grössere Auswahl an kulturellen Veranstaltungen. Unser Ziel ist, die kulturelle Landschaft zu beleben und etwas vielfältiger zu gestalten. Zum Beispiel planen wir im September ein Musikfestival auf dem Rapidplatz. Zwei Tage lang wird es hier Konzerte und eine Skulpturen-Ausstellung geben – von Künstlern aus dem Limmattal, was es auch für die hiesige Bevölkerung besonders interessant macht.

Weil sie dabei ihren Nachbarn auf der Bühne sehen können?

Oder ihre Nachbarn überhaupt erst kennen lernen. Gerade in Dietikon und Schlieren haben wir zurzeit sehr viele Neuzuzüger. Diese Leute, aber auch die Alteingesessenen, wollen wir dazu einladen, am kulturellen Leben teilzunehmen. Dafür muss für jeden etwas dabei sein, und man muss auf sie zugehen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Man muss die Leute ansprechen, die sich ausgegrenzt fühlen, die alleine keine Ausstellung besuchen würden. So gehen wir mit Spezialprogrammen gezielt auf Senioren zu oder auch auf ausländische Einwohner. Den hohen Ausländeranteil im Limmattal muss man berücksichtigen und das Programm auch diesem Teil der Bevölkerung anpassen. Zudem muss man unbedingt auch die Jugend ansprechen. Deshalb fördern wir hiesige Nachwuchstalente wie die Rapper Limmit oder GiuRap.

Der Name «Kreis 13» spielt auf die Nähe zu Zürich an – das Limmattal als 13. Stadtkreis, irgendwo zwischen Altstetten und Baden. Zementieren Sie damit nicht gerade das Klischee, dass das Limmattal nicht mehr als der Wurmfortsatz des grossen Zürichs ist?

So darf man es nicht sehen. Das Limmattal ist das Tor zu Zürich und für die Zürcher das Tor zum Westen. Viele Limmattaler besuchen kulturelle Veranstaltungen vor allem in Zürich, doch umgekehrt kommt selten ein Zürcher nach Dietikon oder Geroldswil. Dabei liegt genau in dieser Nachbarschaft grosses Potenzial brach. Wenn wir es schon nur schaffen, dass auch mal ein Dietiker nach Geroldswil geht oder ein Wettinger nach Dietikon, haben wir unser Ziel eigentlich schon erreicht.

Der «Kreis 13» bringt Lilian Haslers Skulpturen-Ausstellung, die zurzeit in Geroldswil läuft, im Juli in die Zürcher Innenstadt. Wollen Sie damit die Agglo auch in der Kulturhochburg Zürich auf die Agenda setzen?

Auf jeden Fall.

Ist das realistisch?

Man muss hartnäckig dranbleiben. Doch es ist schon so: Zürich hat ein Opernhaus, ein Schauspielhaus, eine Tonhalle. Mit solchen Institutionen kann das Limmattal natürlich nicht mithalten. Wir können aber mit einer Vielzahl an kleineren Veranstaltungen trumpfen, an denen man die Künstler aus nächster Nähe erleben kann, mit Musikern aus der Region, die gerne im familiären Rahmen auftreten. Diese Intimität können wiederum grosse Kulturinstitutionen nicht bieten.

Wie läuft es denn bisher so mit den Veranstaltungen?

Ein Zeichen, dass wir langsam anerkannt werden, ist etwa die Unterstützung durch das Migros-Kulturprozent. Doch die Organisation erfordert immer noch viel ehrenamtliche Arbeit und Künstler, die bereit sind, auf grosse Gagen zu verzichten. Am wichtigsten scheint mir, dass dieses Engagement erhalten bleibt, das Gefühl, dass alle am selben Strick ziehen.

Sind Sie zuversichtlich für die Limmattaler Kulturlandschaft?

Die Kultur im Limmattal hat eine Chance, wenn die Leute erkennen, dass man zusammengehört. Gerade in neu entstehenden Stadtteilen wie dem Dietiker Limmatfeld steckt grosses Potenzial, sich auch mal etwas mehr nach aussen hin zu präsentieren. Talent ist im Limmattal genug vorhanden, es muss seine Grösse nur mal so richtig zeigen. Wir dürfen ruhig etwas mutiger sein – sonst kommen die Zürcher erst recht nicht.