Dietikon
Winzige Wespe hat es auf begehrte Marroni-Früchte abgesehen

Marroni-Händler Kurt Mersiovsky kämpft mit den Folgen einer winzigen Wespe. Sie beschert den Marroni-Bauern eine lausige Ernte. Deswegen steigen die Preise und die Marroni wird zum Luxusgut.

Katja Landolt
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Marroni-Händler Kurt Mersiovsky mit dem kostbaren Gut.

Marroni-Händler Kurt Mersiovsky mit dem kostbaren Gut.

Katja Landolt

Kurt Mersiovsky schiebt die Hand zwischen die Jutesäcke voller Edelkastanien. «Die haben noch den italienischen Sommer drin», sagt er und das tönt besser, als es ist: Zwischen den Säcken ist es warm, feucht. Perfekter Nährboden für Pilzkrankheiten. Wenn die frisch gelieferten Edelkastanien nicht sofort in den Kühler wandern, hat Mersiovsky sein Geld in den Sand gesetzt. «Dann kann man zuschauen, wie sie grau werden.»

Doch Mersiovsky darf sich nicht beklagen. Jeder Sack, den er aus Italien geliefert bekommt, ist derzeit Gold wert. Denn eine winzige Wespe – die Edelkastaniengallwespe (siehe Box) – beschert den Marroni-Bauern eine lausige Ernte. Und je kleiner die Ernte, desto schneller steigen die Preise.

Die Edelkastaniengallwespe

Die Edelkastaniengallwespe stammt aus China und befällt ausschliesslich Edelkastanien. Die Wespe ist nur rund 2,5 bis 3 Millimeter lang und für den Menschen oder Tiere ungefährlich. Der Befall der Wespe führt bei Edelkastanienbäumen zum Absterben der Triebe, reduzierter Marronibildung und schütteren Baumkronen. Der Baum stirbt aber nicht. Die Bekämpfung der Edelkastaniengallwespe ist schwierig, weil die winzigen Larven im Innern der Pflanze leben und der Befall erst bei der Gallenbildung erkennbar wird. Gemäss einer Broschüre des Eidgenössischen Pflanzenschutzdienstes und dem WSL wurde die Wespe erstmals 2009 im Tessin gefunden. Die Edelkastaniengallwespe zählt gemäss Pflanzenschutzverordnung zu den meldepflichtigen, besonders gefährlichen Schadorganismen. Um die Ausbreitung zu verhindern, dürfen Edelkastanienbäume aus den Befallsregionen (derzeit Tessin, Misox, Bergell und Chablais) nicht in befallsfreie Gebiete gebracht werden. (ksc)

Hoffnung auf Oktober

«Tessin und Italien werden im Herbst keine Marroni für den Export haben», schrieb eine Handelsfirma Ende Juni. Und auch die italienischen Produzenten bezeichnen die Situation als dramatisch. Ganz so schlimm schätzt Mersiovsky, der seit über 25 Jahren jährlich mehrere zig Tonnen Marroni für den Grossraum Zürich importiert, die Situation nicht ein: «Ab Mitte Oktober wird sich die Lage entspannen», sagt er und lacht. «Früher haben die Lieferanten mich angerufen, um mir Ware anzubieten. Heute muss ich nach Lieferanten suchen.»

Doch auch wenn Ware geliefert werden kann: Die hohen Preise bleiben. In den letzten zwei Jahren haben sie sich verdoppelt, von rund 150 Franken pro 25-Kilo-Sack auf 300 Franken. «Das kann man unmöglich auf die Kunden überwälzen», sagt Mersiovsky, «kein Marroni-Brätler kann fünf Franken für 100 Gramm verlangen.» Die Schmerzgrenze sei heute mit Fr. 3.50 bereits erreicht.

Nebst der Edelkastaniengallwespe machte den Marroni-Bauern auch das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die letzten zwei Sommer waren extrem heiss und trocken. «Diesen Sommer beispielsweise hat es in Italien drei Monate lang nicht geregnet», so Kurt Mersiovsky. Dabei brauchten die Edelkastanienbäume zwischendurch unbedingt mal ein kräftiges Gewitter.

Das milde Herbstwetter dieser Tage hingegen ist gut für Mersiovsky: «Solange es noch nicht richtig kalt ist, haben die Leute kein grosses Verlangen nach Marroni.»

Marroni bleiben wohl teuer

Ein Ende der Wespen-Plage ist laut Mersiovsky glücklicherweise absehbar. Man habe ein Gegeninsekt gefunden, das den Wespen auf den Pelz rückt. «Bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist, wird es aber sicher noch drei, vier Jahre dauern.» Teuer werden die Marroni wahrscheinlich aber bleiben. Die Nachfrage nach den braunen Leckerbissen steigt weltweit. «In den letzten Jahren sind auch Länder wie Deutschland und England auf den Geschmack gekommen», sagt Mersiovsky. Und solange die Produktion nicht mit der Nachfrage mitwächst, bleiben die Früchte extrem begehrt. «Marroni werden zum Luxusgut.»