Sie hat Beeren-, Obst- und Weinbauern letztes Jahr an den Rand der Verzweiflung gebracht: die Kirschessigfliege. Ihr Name kommt nicht von ungefähr: Der aus Ostasien stammende Schädling legt seine Eier in Beeren, Trauben und weitere Früchte, worauf die Larven sich im Fruchtfleisch vollfressen und dieses in eine nach Essig stinkende, matschige Masse verwandeln. Und nach einem milden Winter steht die Drosophila suzukii — so ihr wissenschaftlicher Name — bereits wieder in den Startlöchern.

Hanspeter Haug, Winzer in Weiningen.

Hanspeter Haug, Winzer in Weiningen.

Obst- und Rebbauern sind alarmiert

Das versetzt Obst- und Rebbauern in Alarmbereitschaft. Denn die Schäden, welche die Kirschessigfliege 2014 verursachte, waren verheerend. So konnte etwa das Kloster Fahr nur rund halb so viel Wein herstellen, wie es in einem wettertechnisch vergleichbaren Jahr der Fall gewesen wäre. Weiningen war 2014 gemäss Auskünften des Strickhofs — einer Abteilung des kantonalen Amts für Landwirtschaft und Natur — im Bereich Rebbau eine der stärksten betroffenen Gemeinden im Kanton. Im dort herrschenden Mikroklima mit ausreichend Feuchtigkeit und gemässigten Temperaturen fühlt sich die Kirschessigfliege pudelwohl. Und dort fand sie offenbar auch diejenigen Rebsorten vor, die sie am liebsten hat; Traube ist für sie nämlich nicht einfach Traube.

Kleines Insekt, grosser Ärger: die nur 3 Millimeter grosse Kirschessigfliege

Kleines Insekt, grosser Ärger: die nur 3 Millimeter grosse Kirschessigfliege

Auch die Reben des Weininger Gemeindepräsidenten und alt Kantonsrats Hanspeter Haug (SVP) wurden nicht verschont. Vor allem die Sorte Cabernet Dorsa schmeckte den Fliegen: «Zwei Drittel der Trauben konnten wir gleich wegwerfen, aus dem Rest versuchten wir noch rauszuholen, was ging — vergeblich.» Nicht einmal zum Schnapsen habe man die beschädigten Früchte noch brauchen können; «den Essiggeschmack bringt man einfach nicht raus.»

Angesichts der akuten Bedrohung durch die Drosophila suzukii wollte Haug im vergangenen Jahr vom Regierungsrat wissen, was der Kanton in dieser Sache zu unternehmen gedenke. «Die Dringlichkeit ist hoch», schrieb er in der gemeinsamen Anfrage mit dem Kantonsratskollegen Martin Farner (FDP, Oberstammheim). Denn alle bisher bekannten Massnahmen wie etwa der Massenfang per Lockstoff-Falle seien mit erheblichem Mehraufwand für die Produzenten verbunden und «gefährden in den betroffenen Branchen den Aufschwung der letzten Jahre».

Regierungsrat weist Vorwurf zurück

Doch auch der Regierungsrat kann sich kein Wundermittel aus dem Ärmel schütteln: «Zurzeit liegen für das Problem Kirschessigfliege keine Patentlösungen vor, weder im Inland noch im Ausland», erklärt er in einer mittlerweile vorliegenden Antwort. Generell will der Kanton in Sachen Kirschessigfliege so verfahren wie bisher. Das heisst: Informieren, Beraten, die Ausbreitung beobachten, Sonderbewilligungen für Pflanzenschutzmittel ausstellen, sich mit Fachstellen im In- und Ausland austauschen. Die Zusammenarbeit im agronomischen Bereich nennt der Regierungsrat «über alle Ebenen beispielhaft, intensiv und fruchtbar».

Ein «Verschlafen» der Bedrohung durch die Drosophila suzukii, wie den Behörden letztes Jahr von Obstproduzenten wie etwa auch dem Kellermeister des Klosters Fahr unterstellt wurde, will der Regierungsrat nicht auf sich sitzen lassen. Auf die Frage der Kantonsräte, ob der Kanton die Lage unterschätzt habe, antwortet er: «Angesichts dieses umfassenden und adäquaten Massnahmenbündels kann nicht von einer Unterschätzung der Kirschessigfliegen-Gefahr gesprochen werden.» Zudem gibt er zu bedenken, dass die Forschung «Sache des Bundes» sei. Die kantonalen Fachstellen könnten lediglich bei der praktischen Umsetzung helfen — und hätten dies bisher auch getan.

Haug ist mit der Arbeit des Kantons soweit zufrieden: «Wir Produzenten fühlen uns auf jeden Fall nicht allein gelassen», sagt er. Einerseits stünden nun «Feuerwehrmittel» zur Verfügung — etwa mit der im März erteilten generellen Sonderbewilligung für den Einsatz von chemischen Mitteln. Doch diese sollten nur im äussersten Notfall benützt werden, gibt Haug zu bedenken: Mit den Schädlingen tilge man schliesslich auch die Nützlinge. Andererseits hätten die Fachstellen, etwa mit Merkblättern oder Artikeln in Fachzeitschriften, insgesamt gut kommuniziert. Dennoch sagt er: «Zurücklehnen können wir uns noch lange nicht.»

Winziger Schädling: Schon 2014 erklärte ein Winzer die Folgen des Befalls der Kirschessigfliege.

Winziger Schädling: Schon 2014 erklärte ein Winzer die Folgen des Befalls der Kirschessigfliege.

Die Witterung ist entscheidend

Das bestätigt Hagen Thoss, der beim Strickhof für die Causa Kirschessigfliege zuständig ist. Zwar sei der vergangene Winter etwas kälter gewesen als der vorletzte; auch der trockene April mit einigen Nachtfrösten dürfe hoffen lassen, dass sich die Fliege dieses Jahr weniger stark ausbreitet. Bis jetzt sind laut Thoss erst in drei Betrieben im Kanton Zürich Schäden an Kirschen-Frühsorten registriert worden. Auch in die stichprobenartig aufgestellten Kontrollfallen seien seit Februar kaum noch Kirschessigfliegen getappt. «Entwarnung können wir aber trotzdem nicht geben», sagt Thoss.

Denn auch letztes Jahr habe es um diese Zeit noch praktisch keine Schäden gegeben. Und wenn auch kälter als im Jahr zuvor, sei der letzte Winter immer noch warm genug für ein Überleben des Schädlings gewesen. «Erst die nächsten Wochen werden zeigen, woran wir sind», sagt Thoss. Denn wie fest sich die Drosophila suzukii heuer ausbreiten kann, hängt stark von der Witterung ab. Thoss erwartet mit Spannung die nahende Ernte der Kirschenkulturen; wie der Name des Tiers nahelegt, sind diese neben Himbeeren, Holunder und Brombeeren nämlich besonders gefährdet. Thoss zeigt sich generell aber zuversichtlich: «Ich gehe davon aus, dass der Befall dieses Jahr zumindest sicher nicht schlimmer ausfällt als letztes.»