Dietikon

Wintermantelzulage: Mit der Kürzung droht die Verschuldung

Oft zählt jeder Franken: Altersarmut gibt es auch in der Schweiz — sie ist für die Betroffenen oft ein Stigma. KEYSTONE

Oft zählt jeder Franken: Altersarmut gibt es auch in der Schweiz — sie ist für die Betroffenen oft ein Stigma. KEYSTONE

Der Stadtrat möchte die Wintermantelzulage kürzen — für Betroffene hätte das nicht nur finanzielle Folgen.

Es tönt nach wenig Geld: Zwischen 50 und 60 Franken hätten Betroffene monatlich weniger im Portemonnaie, sollte der Dietiker Gemeinderat morgen die Kürzung der Wintermantelzulage beschliessen. Doch Jörg Stüdeli, Leiter des Dienstleistungscenters von Pro Senectute Kanton Zürich in Schlieren, sagt: «Die Kürzung würde für die Betroffenen eine spürbare Einschränkung bedeuten.» Das Dienstleistungscenter bietet unter anderem finanzielle Beratungsgespräche für Rentnerinnen und Rentner mit einem knappen Budget an — jene Gruppe, die am stärksten von den Kürzungen betroffen wäre.

Wie ein finanzieller Einschnitt verkraftet werde und wo der Einzelne spare, sei individuell, sagt Stüdeli. Doch klar sei: «Häufig geht es bei unseren Klienten um jeden Franken.» Aus fachlicher Sicht — in die politische Debatte um die Zuschüsse will sich Pro Senectute nicht einmischen — hat die Wintermantelzulage für Stüdeli deshalb durchaus ihre Berechtigung, zumindest im Grossraum Zürich. «Das Hauptproblem sind die hohen Mieten», sagt er.

«Das Hauptproblem sind die hohen Mieten.» Jörg Stüdeli Bereichsleiter Pro Senectute Limmattal/Knonaueramt

«Das Hauptproblem sind die hohen Mieten.» Jörg Stüdeli Bereichsleiter Pro Senectute Limmattal/Knonaueramt

Während Lebenshaltungskosten und Krankenkassenprämien für die Berechnung des Existenzminimums — und damit der Zusatzleistungen — regelmässig angepasst werden, sei dies bei der Maximalmiete schon lange nicht mehr geschehen. «In den 14 Jahren, die ich hier tätig bin, wurde sie nie angehoben», sagt Stüdeli. Anhand anonymisierter Budgets zeigt er auf, was das für die Betroffenen bedeutet: Bei einer alleinstehenden Person beträgt die gesetzlich festgelegte Maximalmiete zur Berechnung des Existenzminimums 1100 Franken, bei einem Ehepaar 1250.

«Dieser Maximalwert ist für den Raum Zürich zu tief», erklärt Stüdeli. In seinen Budgetbeispielen rechnet er mit — immer noch bescheidenen —  Mietkosten von 1300 Franken für eine alleinstehende Person, mit 1450 für ein Ehepaar. «Faktisch liegen die Mietkosten damit um 200 Franken höher als für die Berechnung des gesetzlichen Existenzminimums.» Bei einem monatlichen Budget zwischen 2500 bis 3000 Franken sind Rentnerinnen und Rentner laut Stüdeli zwar oftmals bereit, in eine günstigere Wohnung umzuziehen. «Doch das ist im Grossraum Zürich bekanntlich nicht so einfach.»

Teilhabe kostet Geld

Eine Kürzung der Zuschüsse erhöhe deshalb das Risiko der Verschuldung. Und dies könne letztlich auch das Gemeinwesen teuer zu stehen kommen. Denn: «AHV-Rente und Zusatzleistungen können nicht gepfändet werden.» So müsse letztlich etwa bei nicht bezahlten Krankenkassenprämien die öffentliche Hand einspringen. Verliere der Betroffene seine Bleibe, müsse die Gemeinde eine Notwohnung zur Verfügung stellen oder «im schlimmsten Fall» einen Heimplatz finanzieren. «Dann wird es richtig teuer», sagt Stüdeli. Auch nicht bezahlte Steuerrechnungen könnten die Gemeinde finanziell belasten. Etliche Klienten hätten Schuldenprobleme und Pro Senectute helfe den Betroffenen teilweise finanziell, in Ausnahmefällen etwa mit einem zeitlich beschränkten Beitrag an die Miete.

Neben der Verschuldung sieht Stüdeli in tieferen Zusatzleistungen noch ein anderes Problem: die Vereinsamung der Bezüger und damit verbunden ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. «Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wirkt Einsamkeit und Demenz entgegen, kostet aber auch Geld.» Sei es für das öV-Ticket, sei es für Kaffee und Kuchen bei einem Ausflug mit anderen Menschen. «Man kann sich ja nicht immer einladen lassen», sagt Stüdeli und verweist auf den sozialen Druck, der beispielsweise beim Bezahlen einer Getränkerunde bestehe.

Sollte die Kürzung vom Gemeinderat angenommen werden, rechnet der Sozialberater künftig mit mehr Klienten aus der Bezirkshauptstadt. «Es nehmen schon jetzt viele Menschen aus Dietikon unser Angebot in Anspruch.» Die Kapazitäten in der Beratung wie auch die finanziellen Mittel seien jedoch weitestgehend ausgeschöpft. Alle von Altersarmut Betroffenen würde Pro Senectute aber wohl auch mit einem grösseren Angebot nicht erreichen. Denn, so Stüdeli: «Armut ist ein Stigma. Die Scham, die sie mit sich bringt, ist oft zu gross, um Hilfe in Anspruch zu nehmen.»

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