Eigentlich hätte Winston Churchill am 20. September 1946 schon eine Stunde früher wieder in London sein müssen. Doch einer war es ihm wert, den geplanten Flug zu verschieben: Willy Sax, «Unternehmer aus Urdorf, privat in Dietikon zuhause und ein begabter Musiker, begeisterter Sportfischer und Modelleisenbahnbauer», wie ihn Philipp Gut im neuen Buch «Champagner mit Churchill» beschreibt. Darin geht der stellvertretende Chefredaktor der «Weltwoche» der Freundschaft zwischen dem britischen Staatsmann und dem Limmattaler Farbenfabrikanten nach: von der ersten nervösen Begegnung im Dolder Grand über den werbewirksamen gemeinsamen Auftritt in der Papeterie Scholl in der Zürcher Innenstadt bis zu Sax’ Tod im Jahr 1964.

Auch Maya Sax kann sich noch gut an diese Freundschaft erinnern. Die jüngere der beiden Sax-Töchter übernahm das Geschäft des Vaters, als dieser im Alter von 64 Jahren nach einem Herzinfarkt verstarb. Sie war damals 30, hochschwanger mit ihrer Tochter Jacqueline. Ihr Sohn André, der das Geschäft in Urdorf heute in vierter Generation führt, war damals erst acht Jahre alt.

Willy Sax und Winston Churchill

Willy Sax und Winston Churchill

«Das war ein Schock, obwohl mein Vater schon lange an Herzproblemen gelitten hatte», erinnert sich die 82-Jährige in der Stube ihrer Wohnung, die im selben Gebäude wie das Farbgeschäft liegt. «Doch irgendwie musste es dann halt einfach gehen», sagt sie und lacht. Und gegangen ist es: Scheinbar immun gegen Krisen steht die Sax Farben AG noch heute da, an ihrem Geschäftssitz gleich hinter dem Bahnhof Urdorf, beschäftigt 30 Angestellte und macht einen jährlichen Umsatz von 10 Millionen – und das trotz Frankenstärke und Billig-Konkurrenz.

Ein echter Churchill im Haus

Hinter Maya Sax hängen dicht an dicht Originale grosser Maler; Amiet, Gubler, Sadkowsky – und eben auch ein echter Churchill. Mit dem Gemälde, das die Römerbrücke bei Aix-en-Provence zeigt, wollte dieser sich bei Willy Sax für seine Dienste bedanken. Denn der Malerei ist es überhaupt erst zu verdanken, dass die beiden Männer zusammenfanden: Churchill, der als 40-Jähriger noch das Interesse am Malen entdeckt hatte, wurde von seinem Schweizer Mallehrer Charles Montag auf Willy Sax verwiesen. Sax konnte Churchill darauf drei Farbtöne mischen, die der Staatsmann im Nachkriegseuropa zuvor vergebens gesucht hatte. Einer davon, ein Königsblau, wurde in Freundeskreisen später «Churchill-Blau» genannt.

Im Limmattaler fand Churchill einen Mann vom Fach, einen, mit dem er gut über sein Hobby reden konnte. Willy Sax hatte nämlich – sozusagen als erste Amtshandlung nach der Übernahme des Geschäfts seines Vaters Jakob im Jahr 1935 – Künstler-Ölfarben nach eigenen Rezepturen ins Sortiment aufgenommen. Zuvor hatte sich die Firma auf die Baumalerei konzentriert, die auch heute noch der wichtigste Geschäftszweig ist. Die Sax-Farben machten sich schnell einen Namen, in der Schweiz wie auch darüber hinaus. Auch vom Krieg konnte die Firma später profitieren: Mit ihren Mineralfarben wurden am Flugplatz Dübendorf die Pisten bemalt, ebenso die Bunkeranlage in der Bergfestung um Sargans. «Uns ging es gut», erinnert sich Maya Sax, die damals noch ein Kind war. Nach dem Krieg stand die Familie mit einem florierenden Geschäft da. Und mit einem Europa in Trümmern war die Nachfrage nach Farben gross.

Winston Churchill (sitzend), Willy Sax (mit schwarzem Hut) und Charles Montag (hinter der Staffelei) auf einem Malausflug bei Aix-en-Provence

Winston Churchill (sitzend), Willy Sax (mit schwarzem Hut) und Charles Montag (hinter der Staffelei) auf einem Malausflug bei Aix-en-Provence

1946 gewann Willy Sax mit Churchill einen weiteren prominenten Kunden – und, später, auch einen Freund. Das Kennenlernen war zwar noch vergleichsweise ruppig: «Welcher ist Sax?», soll der ein Jahr zuvor abgewählte Premier in die Runde gefragt haben, als er aus dem Badezimmer im Dolder trat. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Immerhin hatte er am Nachmittag in seiner berühmten Europa-Rede an der Universität Zürich gerade die Schaffung der «Vereinigten Staaten von Europa» vorgeschlagen; die Rede hatte er überdies erst tief in der Nacht zuvor fertiggeschrieben. Und dann servierte man ihm zum Znacht in Herrliberg «aus lokalpatriotischen Gründen» auch noch «einen Zürcher Wein der herberen Sorte, was ihm buchstäblich sauer aufstiess», wie dem Buch zu entnehmen ist. Für einen, der sonst fast nur Champagner trank, eine Zumutung.

«Eine andere Welt»

Churchills Alkohol-Präferenzen haben sich in Guts Buch sogar zum Titel gemausert. Oder besser gesagt: Der Umstand, dass Maya Sax, damals zarte 15 Jahre alt, auf Churchills Anwesen Chartwell in Kent 1948 zum ersten Mal Alkohol trank – weil dieser darauf bestand. «Ich war so nervös, ich habe mich doch nicht getraut, Nein zu sagen», sagt sie heute. Sowieso: «Es kam mir so vor, als wäre ich in einer anderen Welt gelandet.» Sie erinnert sich noch lebhaft an Churchills Auftreten beim Lunch: Im gemütlichen Overall und Pantoffeln trat er an den Tisch – nicht gerade das Bild, das sie von diesem «Retter Europas» gekannt hatte. «Das war auch nur möglich, weil seine Frau Clementine an diesem Tag nicht zu Hause war. Die hätte schon geschaut, dass er anständig gekleidet ist», sagt Sax und lacht.

Später erzählt Sax vom bevorstehenden Umzug nach Meilen, wo sie künftig mit ihrer Tochter und deren Mann leben wird. Sie schaut etwas sorgenvoller drein als noch beim Gespräch über alte Erinnerungen: All ihre schönen Bilder werde sie dort nicht mehr aufhängen können, sagt sie. Für eines wird sie aber bestimmt noch ein Plätzchen finden: für die Römerbrücke, signiert von einem gewissen Winston Churchill.

Philipp Gut «Champagner mit Churchill»

176 Seiten, Stämpfli Verlag. Das Buch feiert heute um 19.30 Uhr im Zunfthaus zur Meisen in Zürich Premiere.