Schlieren
Wikipedias kleine Schwester: Er erklärt Kindern das Reh und den Schmied

Der Schlieremer Beat Rüst schreibt Artikel für das Online-Nachschlagewerk «Klexikon». Das feiert nicht nur bald Geburtstag, sondern auch den 3000. Beitrag.

Sibylle Egloff
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Im Büro seines Schlieremer Heims verfasste Beat Rüst 400 Artikel für das Kinderlexikon «Klexikon». Dies Woche erscheint der 3000. Beitrag.

Im Büro seines Schlieremer Heims verfasste Beat Rüst 400 Artikel für das Kinderlexikon «Klexikon». Dies Woche erscheint der 3000. Beitrag.

Sandra Ardizzone

Die Eule auf dem Bildschirm blickt Beat Rüst entgegen. Der 64-Jährige sitzt an seinem Schreibtisch und tippt in die Tasten des Computers. Gerade entsteht ein Entwurf zum Thema Stamm. «53 Artikel enthalten dieses Wort. Deshalb ist es nun an der Zeit, dass der Stamm auch einen eigenen Eintrag erhält», sagt Rüst.

Der Schlieremer ist seit vier Jahren als freiwilliger Autor für das Online-Nachschlagewerk «Klexikon», das Kinder-Pendant von Wikipedia, tätig. Die braune Eule mit den grossen Augen ist ein bekanntes Symbol für Weisheit und Wissen und dient als Logo der Internetplattform. Im «Klexikon», das die gleiche Software wie die Enzyklopädie Wikipedia hat und optisch ähnlich daher kommt, können sich Acht- bis Zwölfjährige schlau machen. Es bietet kindgerechte Informationen zu verschiedensten Themen.

Der November ist ein wichtiger Monat für Rüst und seine Autoren-Kollegen. «Wir veröffentlichen diese Woche unseren 3000. Beitrag», sagt der ehemalige Präsident der Grünen Schlieren. Der Jubiläums-Artikel widmet sich dem Polarlicht. «Wir dachten, dass das etwas Geheimnisvolles und Spannendes für unsere kleinen Benutzerinnen und Benutzer wäre. Zudem macht das Thema auch optisch etwas her, man kann es schön bebildern», erklärt Rüst. Er freut sich auf diesen Moment. «Es steckt sehr viel Arbeit darin. Wenn man bedenkt, dass ein gedrucktes Lexikon maximal 700 bis 800 Artikel enthält, sind 3000 Beiträge schon sehr viel.» Am 24. November folgt bereits das zweite Jubiläum. Das Nachschlagewerk wird dann sechs Jahre alt.

Der erste Artikel war dem Zahn gewidmet

Die drei Deutschen Uwe Rohwedder, Michael Schulte und Ziko van Dijk riefen die kleine Schwester von Wikipedia ins Leben. «Sie alle haben beruflich mit Kindern zu tun und waren der Meinung, dass es ein einfaches Online-Lexikon für Kinder braucht», erzählt Rüst. Der erste Artikel beschäftigte sich mit dem Thema Zahn. Mittlerweile sind weitere 2998 Beiträge hinzugekommen – sie liefern Informationen zu Tieren, Pflanzen, bekannten Persönlichkeiten, Ländern aber auch wichtigen Begriffen aus der Schule wie dem Adjektiv, der Addition oder dem Römischen Reich.

Rüst stiess vor vier Jahren zum Team. Aufmerksam auf das Projekt wurde er durch eine Schülerin. «Als ich noch als Schulleiter tätig war, besuchte ich den Unterricht eines Lehrers. Es ging um Vorträge zu Planeten. Der Lehrer versuchte mit Wikipedia zu arbeiten, doch die Erklärungen waren zu kompliziert. Plötzlich rief eine Schülerin, dass man doch einen Blick ins Kinderlexikon werfen solle», erzählt Rüst. Tatsächlich habe sich der Beitrag zum Pluto im «Klexikon» als viel einfacher erwiesen. Der Artikel sei eineinhalb Word-Seiten lang gewesen statt 60 Seiten lang wie auf Wikipedia. Rüst war davon so begeistert, dass er nach seiner Frühpensionierung 2016 sofort als Autor startete. «Die Arbeit war prädestiniert für mich. Ich bin ein guter Schreiber. Als ehemaliger Primarschullehrer, Schulleiter und Schulbeurteiler weiss ich zudem, welche Themen Schülerinnen und Schüler beschäftigen.»

Ein komplexes Erwachsenenthema wird runtergebrochen. Was bleibt, muss richtig und sprachlich gut verständlich sein. Das ist die Herausforderung unserer Arbeit.

(Quelle: Beat Rüst, Autor «Klexikon»)

Sein erster Artikel behandelte den Beruf des Schmieds. «Mein Grossvater war Schmied, deshalb lag mir dieses Thema am Herzen.» Natürlich spiele immer auch das eigene Interesse für die Auswahl der Themen eine Rolle. Doch das halbe Dutzend Autoren lege Wert darauf, nur Artikel zu veröffentlichen, die für Kinder auch relevant sind. «Das ‹Kap der Guten Hoffnung› müssen wir zum Beispiel nicht erklären. Das geht über das Interesse der meisten Kinder hinaus», so Rüst. Wenn er ein Wort noch nie im Schulzimmer gehört habe, bearbeite er es auch nicht. Das ist sein Auswahlkriterium. Zudem müssten die anderen Kollegen mit den vorgeschlagenen Themen und Begriffen einverstanden sein. «Wir tragen die Vorschläge auf einer Wunschliste ein. Die gehen wir durch und entscheiden gemeinsam, zu welchem Thema man einen Entwurf schreibt. Erst wenn drei Personen diesen für gut befunden haben, wird er publiziert», erklärt Rüst.

Er und seine Kollegen betreiben beim Verfassen der Beiträge didaktische Reduktion. «Ein komplexes Erwachsenenthema wird runtergebrochen. Was bleibt, muss richtig und sprachlich gut verständlich sein. Das ist die Herausforderung unserer Arbeit», sagt Rüst.

Im Lockdown-Monat April gab es 1,4 Millionen Aufrufe

Besonders stolz sei er auf seinen Beitrag zum Reh: «Der Artikel wurde über 133000 Mal aufgerufen und ist auf Rang zehn der meist angeklickten Beiträge. Es macht mich stolz, dass ein Artikel, der nicht aus der Anfangszeit stammt, noch so viele Aufrufe generiert.» Das Kinderlexikon wird im deutschsprachigen Raum und von deutschen Schulen auf der ganzen Welt rege genutzt. «Die Besucher-Zahlen haben sich jedes Jahr verdoppelt. 2015 starteten wir mit 227'000 Besuchern, 2016 waren es 644000, 2017 zählten wir 1,07 Millionen, 2018 waren es 3 Millionen und Ende 2019 hatten wir 4,6 Millionen Besucher mit 8,7 Millionen Seitenaufrufen», so Rüst. Vor allem während des Lockdowns machten Kinder davon Gebrauch. «Im April zählten wir 1,4 Millionen Seitenaufrufe. Der 20. bis 26. April war mit 411000Aufrufen eine Rekordwoche.» Die Zahlen sind der Lohn für Rüsts freiwilligen Einsatz. «Ich freue mich sehr, dass das Lexikon so gut ankommt und dass Kinder so gratis gutes Material für den Präsenz- oder Fernunterricht haben.» Seine Arbeit sei ein Dienst an der Allgemeinheit. «Ich bin nicht der, der Kranke im Spital besuchen geht. Doch das hier ist genau mein Ding.»

Ich freue mich sehr, dass das Lexikon so gut ankommt und dass Kinder so gratis gutes Material für den Präsenz- oder Fernunterricht haben.

(Quelle: Beat Rüst, «Autor Klexikon»)

Weil es immer schwieriger wird, neue Themen für das «Klexikon» zu finden, haben Rüst und sein Kollege Michael Schulte ein neues Projekt gestartet: das «Einfach Lexikon». «Es ist eine noch simplere Version des Kinderlexikons und für Leseanfänger und Fremdsprachige gedacht. Die Texte sind kurz gehalten, pro Linie steht ein Satz», so Rüst. Bereits 700 Artikel gibt es. Das Angebot ist mit dem «Klexikon» verlinkt. «Doch wir müssen uns vielleicht einen besseren Namen überlegen und mehr dafür werben.» Rüst hat sich für 2021 zum Ziel gesetzt, das «Einfach Lexikon» bekannter zu machen. «Damit noch mehr Kinder und Fremdsprachige von unserer Arbeit profitieren können.»