Uitikon
Wieso eine Freiwilligen-Fahrerin von behinderten Fahrgästen profitiert

Der Verein Tixi Zürich bietet Fahrdienste für ältere und behinderte Menschen an. Die 437 meist männlichen Fahrer legten 2014 rund 1,3 Millionen Kilometer zurück.

Tobias Hänni
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Sylvie Kropf in einem der 28 Wagen der Fahrzeugflotte von Tixi Zürich – unter den freiwilligen Fahrern sind die Frauen allerdings noch in der Minderzahl.

Sylvie Kropf in einem der 28 Wagen der Fahrzeugflotte von Tixi Zürich – unter den freiwilligen Fahrern sind die Frauen allerdings noch in der Minderzahl.

Tobias Hänni

Noch bevor der weisse Minivan vor dem Alters- und Pflegeheim Triemli angehalten hat, hebt Robert Roth seine Arme, lächelt und winkt mit seinen knorrigen Händen. Der 91-Jährige, der seit ein paar Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, hat sichtlich Freude daran, dass er vom Tixi-Taxi abgeholt wird. Auch wenn der Grund dafür weniger erfreulich ist: Roth muss zum Arzt. Davon lässt sich der alte Mann mit der schnittigen Sonnenbrille aber nicht die Laune verderben. Freundlich und mit beiden Händen begrüsst er seine Chauffeuse, Tixi-Fahrerin Sylvie Kropf.

Begleitet wird Roth von seinem Sohn, selber bereits Pensionär. Während Sylvie Kropf mit geübten Handbewegungen seinen gehbehinderten Vater in den Fond des Taxis rollt und den Rollstuhl mit mehreren langen Sicherheitsgurten fixiert, lobt Roth junior den Fahrdienst von Tixi Zürich. «Das Personal ist sehr freundlich, der Service persönlicher als bei einem normalen Taxi.» Das scheint er tatsächlich zu sein: Sylvie Kropf plaudert mit den zwei älteren Herren, ungezwungen und mit einem herzlichen Lachen in der Kehle, das immer wieder mal hochkommt.

Kurze Zeit später, die Herren Roth sind schon beim Arzt, lenkt Kropf den Minivan durch den morgendlichen Zürcher Verkehr. Sie fährt ruhig und sicher, kennt sich in den Strassen aus. Nicht nur wegen des neuen GPS, in das die Route zum nächsten Klienten automatisch geladen wird: Die 53-Jährige fährt seit neun Jahren freiwillig behinderte und alte Menschen im Tixi-Taxi von A nach B. «In den Sommerferien ist es am besten, da hat es wenig Verkehr», sagt sie. Wenn nur die sommerlichen Grossbaustellen nicht wären. «Im Moment ist Zürich ...», setzt Kropf an und verdreht die Augen. Immerhin: Dank GPS muss sie nun jeweils nicht schon am Vorabend die Route planen, wie zu Beginn ihrer Engagements als Fahrerin.

Die zweifache Mutter, die zusammen mit ihrem Mann in Uitikon lebt, ist nicht nur in der Stadt, sondern im ganzen Kanton unterwegs. «Das ist das Schöne daran, man lernt viele Orte kennen», sagt Kropf, die mit ihrem Kleidungsstil und dem charmanten Dialekt mit französischem Einschlag eher wie eine Geschäftsfrau als eine Taxifahrerin wirkt. Sie sei schon nach Winterthur gefahren, nach Rapperswil und ins Zürcher Oberland. «Der abgelegenste Ort war Wald», erinnert sie sich. Dort habe sie jemanden in die Reha bringen müssen. Nach fast einem Jahrzehnt kennt Kropf inzwischen die meisten Therapiezentren, Pflege- und Behindertenheime im Kanton. «Es gibt für Menschen mit einer Behinderung viele Einrichtungen», sagt Kropf. Die Behinderten selber würden im Alltag aber kaum wahrgenommen. «Leider werden sie fast schon versteckt.»

Ihre eigene Wahrnehmung und ihr Umgang mit behinderten Menschen hat sich im Laufe der Zeit geändert. «Am Anfang war ich unsicher, wie ich mit ihnen umgehen soll», sagt Kropf und nennt als Beispiel falschen Verhaltens, dass viele Leute Rollstuhlfahrer von oben herab ansprechen würden, statt auf die Knie und damit auf Augenhöhe zu gehen. Inzwischen ist ihre eigene Unsicherheit im Umgang mit Behinderten der Freude am Kontakt mit ihnen gewichen. «Mit vielen Fahrgästen habe ich über die Jahre eine Beziehung aufgebaut», sagt Kropf, die jeden Dienstagmorgen für fünf Stunden im Einsatz ist. Bei den einen habe sie dabei gesundheitliche Fortschritte miterlebt, «bei anderen leider den Zerfall».

Die Arbeit als Tixi-Taxi-Fahrerin gebe ihr sehr viel, sagt Kropf, die zuvor bereits acht Jahre ehrenamtlich in der Uitiker Schulpflege tätig war. «Das tönt jetzt vielleicht egoistisch, aber die teilweise schweren Schicksale – etwa von jungen Menschen mit multipler Sklerose – relativieren die eigenen Probleme sehr.» Ebenfalls erweitere die Lebenserfahrung der älteren Klienten den eigenen Horizont. «Die Fahrgäste sind oft interessante Gesprächspartner.»

Ein angeregtes Gespräch über ein abgerissenes Haus und Pflegeheimplätze entwickelt sich auch mit dem Ehepaar Hafner. Dieses wird von Sylvie Kropf am Vormittag von einem Zahnarztbesuch in Zürich zurück nach Bergdietikon chauffiert. «Wir sind froh, gibt es das Angebot», sagt Frau Hafner. Im öV würden die Türen zu schnell schliessen. «Da muss man vor dem Halt schon aufstehen.» Keine Option für ihren Mann, der am Stock geht. Zudem sei es interessant, die Tixi-Fahrer kennen zu lernen. «So eine junge Fahrerin hatten wir noch nie», sagen die Hafners.

Frauen, nicht nur junge, sind im Tixi-Taxi-Fahrerpool ohnehin in der Minderheit (siehe Kasten). Neue Klienten seien deshalb oft überrascht, wenn sie von ihr abgeholt würden, erzählt Kropf. «Witze über die weibliche Fahrkunst musste ich mir aber bislang keine anhören.» Hin und wieder gebe es einen anrüchigen Spruch von älteren Herren, sagt Kropf, lacht und zuckt mit den Schultern. Ihre Freude am Fahrdienst scheint dadurch nicht geschmälert zu werden.

Tixi-Taxi hat 30 Mal die Erde umrundet

Im Jahr 2014 beförderte Tixi Zürich rund 70'000 Personen, wie aus dem Leistungsausweis des gemeinnützigen Vereins hervorgeht. Die 437 Fahrer legten dabei 1,3 Millionen Kilometer zurück – und haben damit theoretisch 30 Mal die Erde umrundet. Von den rund 62'000 Fahrten führten auch viele aus dem oder ins Limmattal. Laut Christian Roth, Geschäftsleiter von Tixi Zürich, wurde aus Schlieren rund 1800 Mal der Fahrdienst in Anspruch genommen, in Dietikon und in Oberengstringen waren es jeweils etwa 1100. Meistens werden die 28 Fahrzeuge von Tixi Zürich von pensionierten Männern gefahren. Pensionäre machen rund 70 Prozent der Fahrerpools aus, sagt Roth. Und: «Der Frauenanteil liegt bei 20 Prozent.» Wie andere Vereine ist auch Tixi Zürich stets um die Rekrutierung neuer freiwilliger Mitarbeiter bemüht. «Um den aktuellen Stand zu halten, brauchen wir jedes Jahr 80 neue Fahrer», sagt der Geschäftsleiter. Denn auch wenn diese mit durchschnittlich sechs bis acht Jahren vergleichsweise lange beim Fahrdienst arbeiten, herrsche eine ständige Rotation. «Wir haben deshalb einen Freiwilligenkoordinator eingestellt.» Derzeit harze es etwas bei der Rekrutierung neuer Fahrer. «Möglicherweise eine gesellschaftliche Entwicklung», mutmasst Roth. Deshalb werde momentan mit einer grösseren Kampagne nach neuen Fahrern gesucht. Die beste Werbung seien aber Fahrer, die Spass an ihrer Arbeit haben. «Die mobilisieren dann ihr Umfeld.» Gerade für Pensionäre seien die Fahreinsätze ein Gewinn. «Sie erhalten dadurch eine neue Aufgabe und einen Tagesrhythmus», sagt Roth. Wer sich fürs Tixi-Taxi als Fahrer zur Verfügung stellen will, kann sich auf der Homepage des Vereins für eine Schulung anmelden. Dort können sich Interessierte auch für die Infoveranstaltung anmelden, die jeweils an einem Samstag pro Monat in der Tixi-Zentrale stattfindet. (hae)