So manche Oberengstringer mögen sich wohl daran erinnern, wie sie sich als Kind im Wald beim Weidtobelbach beim Spielen vergnügten. Aber so schön, wie Michel Brunner den Bach jetzt fotografierte, hat ihn wohl noch niemand gesehen.

Der 38-Jährige aus Zürich Wipkingen ist fasziniert von der unberührten Natur: Mit seinen Büchern wie zum Beispiel «Baumriesen der Schweiz» hat er vorher noch nicht da gewesene Inventare von oft eher unbekannten Naturwundern erschaffen. Sein neustes Werk könnte gar die Wahrnehmung Zürichs verändern: In der ganzen Schweiz hat Brunner mehrere hundert Tobel aufgesucht und rekognosziert. «Dabei ist mir aufgefallen, dass kein Kanton über so viele unbekannte Tobel verfügt wie der Kanton Zürich», sagt Brunner. So machte er sich ab 2010 auf die Socken, diese Tobel-Schönheiten festzuhalten: Er brachte Reliefs und Farben zum Vorschein, die das menschliche Auge sonst kaum wahrnimmt. Mehrminütige Belichtungszeit und die richtige Beleuchtung machten das möglich.

Das fotografische Kunstwerk vom Oberengstringer Weidtobelbach ziert nun die letzte Seite in seinem neuen Buch. Denn das Tobel mit dem «verwunschenen Giessen», wie Brunner den schönen Mini-Wasserfall darin beschreibt, wurde während der Recherche zu seinem Lieblingstobel – nicht nur, weil er als Wipkinger nicht allzu weit weg wohnt.

«Am Anfang hätte ich nicht gedacht, dass es auch hier so schöne Tobel gibt. Faszinierend ist vor allem, dass es sich um einen konstruktiven Wasserfall handelt», so Brunner. Damit ist gemeint, dass das Bachbett nicht erodiert, sondern an einzelnen Stellen in die Höhe wächst. Der Grund dafür ist der viele Kalk im kühlen Wasser des Weidtobelbachs, der sich an diversen Stellen absetzt und das Gestein so zum Wachsen bringt. Diesen Prozess nennt man Versinterung. «Ich finde das nicht nur auf der ästhetisch Ebene interessant, sondern will auch verstehen, was da vor meiner Linse abgeht», sagt Brunner.

Im Rahmen seiner Arbeit hat er sich darum in verschiedene Wissenschaftsbereiche wie Geologie und Hydrologie eingelesen. So weiss er zum Beispiel: «Beim Weidtobelbach hat es vor allem Sinterkalk, beim Rörlitobel in Winterthur ist es hingegen mehrheitlich Nagelfluh, also Geröll aus den Alpen.» Besonders das versinterte Gestein gefällt Brunner – nicht nur wegen des Aussehens: «Viele Leute mögen ja keinen Kalk und bevorzugen weiches Wasser. Persönlich schmeckt mir hartes Wasser viel besser, es ist erfrischender», erklärt Brunner.

Eine Viertelstunde für zehn Meter

Mit der Zeit erhielt Brunner dann auch ein Bauchgefühl dafür, welche Tobel spannender sein könnten als andere: «Ich kann jetzt keine konkreten Faustregeln nennen, aber es ist vor allem das Zusammenspiel von Wassertemperatur, der Form des Geländes und der vorhandenen Gesteinsarten, das darüber entscheidet, ob sich in Bachbetten interessante Formen entwickeln oder nicht», sagt Brunner.

Bei den rund 250 Tobeln, die er genau angeschaut und fotografiert hat, war er jeweils nicht alleine unterwegs, sondern mit seinem Vater Ueli Brunner – auch aus ganz praktischen Gründen: «Im Weidtobelbach ging es zwar noch, aber manche Tobel sind so unwegsam, dass man eine Viertelstunde braucht, um eine Strecke von zehn Metern emporzukraxeln. Da ist eine zweite Person eine grosse Hilfe», erklärt Brunner.

Schliesslich galt es auf der Jagd nach den besten Blickwinkeln jeweils zwei Kameras (Nikon D800 und Sony A7) und das künstliche Licht zu bedienen. «Manchmal waren wir für ein Bild vier Stunden unterwegs. Aber das hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich etwas pingelig bin», erzählt Brunner und lacht.

Das Ästhetische, die Freude am Schönen, verfolgt Brunner schon seit jeher: Den Einstieg ins Berufsleben absolvierte er mit einer Lehre als Grafiker, danach arbeitete er als Wissenschaftlicher Illustrator. Heute ist er Fotograf, schreibt für Fachzeitschriften und übernimmt immer wieder Gelegenheitsjobs.

«Ich arbeitete schon in einer Wald-Kinderkrippe, als Gärtner und in einer Bar. Ich mache alles, damit ich daneben das machen kann, was mir Spass macht», sagt Brunner, der sich viel Zeit lässt für seine Bücher, bis er sie mit perfektem Gewissen rausbringen kann: So war das neuste Buch «Wasserwunder» ursprünglich fürs Jahr 2013 geplant.

Brunners Begeisterung für das Wasser passt auch zu seinem Nachnamen, bezeichnete dieser doch früher jene, die bei einer Quelle wohnten («brunne» auf Mittelhochdeutsch). Aber nicht nur Wasserquellen, auch Brunners geliebte Tobel haben vielen Familien zum Namen verholfen. So ist Tobler ein in Zürich verbreiteter und bis weit ins Mittelalter zurück historisch verbürgter Name, der dank der Toblerone-Schokolade in die Welt hinausstrahlt.

Brunner hat Wurzeln in Höngg

Es ist eine kleine Welt: Denn Michel Brunners verstorbene Grossmutter wuchs in Zürich Höngg auf. «Es ist gut möglich, dass sie einst rund um den Weidtobelbach spazierte», sagt Brunner. Auf dem Weg dorthin kam sie wohl am Waldstück namens Hasennest vorbei. Dort soll mal ein Keltengrab existiert haben, erzählte man sich früher in Oberengstringen. Das trägt dazu bei, dass es sich um einen geheimnisvollen Ort handelt.

Kein Wunder also, bezeichnet Brunner den Weidtobelbach als «verwunschen». Vielleicht waren es ja keltische Sagengestalten, die die Schönheiten des Weidtobelbachs so versteckten, dass sie sich dem menschlichen Auge verschliessen und erst in der Nacht vor der Kameralinse zum Vorschein kommen.