Das Schaufenster des Optikers Auer in der Schlieremer Innenstadt ist ein über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Blickfang. Seit dieser Woche sticht den Passanten, welche die Uitikonerstrasse entlangflanieren, Mercedes Auers jüngstes Werk ins Auge. Drei Holzbäume, umrahmt von Ästen, umrahmen wiederum ein Bild der Blutbuche auf dem Zentrumsplatz.

Mit seiner Liebe für die Buche ist der Optiker keine Ausnahme: Seit rund einem Monat beschäftigt die drohende Fällung des Baums die Stadt wie kaum ein anderes Thema. Wie viele andere Läden fordert auch der Optiker seine Kunden dazu auf, die Petition gegen die Fällung des rund 100 Jahre alten Baums zu unterzeichnen. Auch in mehreren Arztpraxen und Geschäften liegt die Petition derzeit auf. Bereits 2500 Unterschriften sind so zusammengekommen. «Dieser Zusammenhalt ist unglaublich», sagt Susanne Porchet, Initiantin der Rettungsaktion. Ihre Schwester Liliane Hagen fügt an, dass die Bewegung ohne die zahlreichen Helferinnen und Helfer nicht innert so kurzer Zeit so gross geworden wäre.

«Seit die Öffentlichkeit hinter uns steht, ist viel bewegt worden»

«Seit die Öffentlichkeit hinter uns steht, ist viel bewegt worden»

Liliane Hagen kämpft seit zwei Jahren für den Erhalt der Schlieremer Blutbuche.


Obwohl die Unterschriftensammlung erst vor einem Monat begonnen hat, dauert der Kampf der beiden Schwestern schon viel länger an. Vor etwa zwei Jahren trat Hagen bereits an die Stadt heran. «Man vermittelte mich an verschiedene Personen, die sich jedoch alle nicht verantwortlich fühlten», sagt sie. Stets habe man darauf verwiesen, dass eine Rettung des Baumes schlichtweg nicht möglich sei.

«Er hat Lothar überlebt»

Doch dann änderte sich etwas. Nachdem Porchet und ihr Sohn laminierte Schilder am Baum anbrachten, auf denen auf die baldige Fällung hingewiesen wurde, wurde die Blutbuche in der Öffentlichkeit wahrgenommen: «Die Entrüstung in der Bevölkerung war gross», sagt Porchet.

«Ich wollte diesem Baum eine Stimme geben – auch weil mein Sohn sich das gewünscht hat»

«Ich wollte diesem Baum eine Stimme geben – auch weil mein Sohn sich das gewünscht hat»

Susanne Porchet lancierte die Petition gegen die Fällung des Baums.


Das kann Thomas Reckziegel bestätigen. Er arbeitet im Bioladen im Lilienuzentrum, einem der ersten Geschäfte, in dem die Petition unterzeichnet werden konnte. Es seien öfters auch Menschen, die gar nichts einkaufen wollten, eigens in den Laden gekommen, um zu unterschreiben, erzählt er. «Es entstehen zahlreiche Gespräche über den Baum», sagt er. «Vor allem ältere Schlieremer haben lebhafte Erinnerungen an die Blutbuche.» Seine Kollegin Christina Asani lebt zwar nicht in Schlieren, arbeitet jedoch seit acht Jahren in der Stadt und hat noch nie etwas Vergleichbares erlebt: «Ich bin völlig überwältigt von der Begeisterung der Leute.» Kundin Edith Gallati betritt das Biogeschäft, um Besorgungen zu erledigten. Auch sie habe schon längst unterzeichnet, sagt sie. «Der Baum hat Jahrhundertsturm Lothar überlebt, da sollte man ihn stehenlassen», sagt sie.

Auch auf der anderen Seite der Uitikonerstrasse weisen kleine Plakate auf die Blutbuche und die Petition zu deren Rettung hin. So auch in Christine Rohrers Bastelgeschäft «Just look in». Alle Kunden fragt sie, ob sie die Rettung des Baums unterstützen wollen. «Rund 150 Personen haben bei mir schon unterschrieben, nur zwei oder drei, die ich fragte, lehnten ab – die Schlieremer wollen den Baum behalten», sagt Rohrer.

Mit Margrit geschmust

Einer der älteren Schlieremer, der eine spezielle Erinnerung mit dem Baum verbindet, ist Heiri Lüthi, pensionierter Metzgermeister. «Hier habe ich mich in meiner Jugendzeit jeweils mit meinem Schätzeli Margrit getroffen», verrät er. Es sei geschmust worden und man habe sich über die kleinen Sorgen des Alltags ausgetauscht: «Mehr erzähle ich aber nicht», sagt er schmunzelnd. Es sorge ihn, dass in jüngster Zeit viele Bäume gefällt würden. Daher setzt er alles daran, dass dieser gerettet werde. Am Freitag kochte Lüthi Kürbissuppe für die Baumfreunde, die sich bei der Blutbuche versammelten.

«Schmüsele mit Margrit»

«Schmüsele mit Margrit»

Heiri Lüthi über seine erste Liebe und die Treffen unter der Blutbuche.

Was Lüthi erzählt, kann Porchet nur bestätigen: «Viele Schlieremer verbinden grosse Emotionen mit dem Baum. Von der ersten Liebe, mit der man sich hier getroffen hat, über Hochzeits- und anderen Feste, die man hier feierte», sagt sie.


Bereits vor über einem Jahrzehnt wurde der Baum aus dem städtischen Inventar entlassen. In den kommenden Wochen hätte er eigentlich wegen dem Bau der Limmattalbahn gefällt werden sollen, doch die Verantwortlichen von der Stadt und der Limmattalbahn AG waren zu erneuten Gesprächen bereit. So wird derzeit abgeklärt, wie teuer eine Verschiebung des Baums wäre. Auch zeichnete ein Geomatiker jüngst den Verlauf der Bahngleise und das Ausmass des geplanten Flügeldaches auf dem Boden aus. «Wir hoffen noch immer, dass man mit geringfügigen Anpassungen an der Linienführung den Baum an seinem jetzigen Ort belassen kann», sagt Hagen.