Gleich zwei heisse Eisen hat Dietikon im Feuer, wenn am kommenden Mittwoch bei der SVA Zürich ein Preis verliehen wird. Die Jeune Primeur AG und die Acer Computer Switzerland AG, beide in Dietikon ansässig, sind zwei von fünf Firmen, die es ins Finale für die Verleihung des This-Priis geschafft haben. Insgesamt nahmen 80 Unternehmen teil. Der This-Priis wird seit 2006 Zürcher KMU-Betrieben überreicht, die sich für die berufliche Eingliederung von Menschen mit Krankheit oder Behinderung einsetzen.

Gestiftet wurde die Auszeichnung von Hansueli Widmer. Er ist Vater von Mathias (This) Widmer, der an zerebraler Lähmung leidet. Dessen zwei Brüder gründeten einen Verein, der den Preis zunächst verlieh. Seit 2016 ist die SVA Zürich Trägerin des This-Priis. Nominiert werden können Unternehmen, die mindestens eine beeinträchtigte Person unbefristet angestellt haben und keine subventionierten Arbeitsplätze für beeinträchtigte Personen haben. Bisher wurden 26 Firmen mit dem Preis ausgezeichnet. Im Jahr 2015 war auch das Schlieremer Unternehmen Louis Widmer SA darunter.

Kein Risiko

Wer lange Zeit eine IV-Rente bezogen hat und wieder (teilzeit-)arbeitsfähig geschrieben wird, dessen Bewerbungen landen in den Personalbüros meist direkt in der Ablage Papierkorb. Das Ziel, die Betroffenen schrittweise zurück ins Erwerbsleben zu führen, wird daher oft nicht erreicht. Zum einen liegt das an den Stellenprofilen, denen die Einzugliedernden nicht entsprechen, zum anderen aber auch am fehlenden sozialen Engagement geeigneter Betriebe. Dabei gehen die Firmen kein grosses Risiko ein. Der IV-Arbeitsversuch gibt dem Arbeitgeber die Möglichkeit, den Bewerber während bis zu sechs Monaten zu testen und eingehend kennenzulernen. Während des Versuchs bezahlt die IV weiterhin Taggelder oder eine IV-Rente, und das Unternehmen erhält einen Zuschuss. Eingliederungsspezialisten betreuen vor Ort Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Es besteht kein Arbeitsverhältnis, sodass der Arbeitsversuch jederzeit abgebrochen werden kann. Wenn der Arbeitsversuch erfolgreich verläuft, folgt im Idealfall eine Anstellung.

Die This-Priis-Jury und die SVA haben starke Argumente für ein betriebliches Engagement in dieser Frage. Auf der Internetseite des This-Priis heisst es, dass die berufliche Wiedereingliederung nicht nur den Umgang und die Kommunikation im Team und damit das Betriebsklima verbessert, sondern dass sie auch den Zusammenhalt im und die Identifikation mit dem Betrieb fördert. Nicht zuletzt sei sie Merkmal einer Unternehmenskultur mit sozialer Verantwortung. (GAH)

Pedro Zambrano war ohne Chance – jetzt hat er wieder Arbeit

Ein IV-Bezüger wollte arbeiten, und der Dietiker Betrieb Jeune Primeur war bereit, zu helfen. Jetzt ist er in Lohn und Brot, und die Firma hat Aussicht auf einen Preis für ihr soziales Engagement.

Eveline Jungen von der Firma Jeune Primeur mit Pedro Zambrano Muñoz, der als IV-Rentner wieder eingegliedert werden konnte. Aufgenommen am 29. März 2017 an der Silbernstrasse 10 in Dietikon.

Eveline Jungen von der Firma Jeune Primeur mit Pedro Zambrano Muñoz, der als IV-Rentner wieder eingegliedert werden konnte.

Eveline Jungen von der Firma Jeune Primeur mit Pedro Zambrano Muñoz, der als IV-Rentner wieder eingegliedert werden konnte. Aufgenommen am 29. März 2017 an der Silbernstrasse 10 in Dietikon.

Man sieht ihm die Freude an seiner Arbeit an. Pedro Zambrano (53) trägt ein weisses Haarnetz und eine blaue Kunststoffschürze. Vor ihm stapeln sich Obst- und Gemüsekisten unterschiedlicher Grössen. Er entlädt sie aus den Lastwägen, die an der Rampe parkieren, legt sie mit frischem Papier aus und sortiert sie in fein säuberlichen Stapeln der Grösse nach. Keine sehr herausfordernde Arbeit, aber Pedro Zambrano lächelt die ganze Zeit vor sich hin. Arbeit zu haben, einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen und von der Gesellschaft gebraucht zu werden, ist für ihn nichts Selbstverständliches.

Der Ecuadorianer, der kaum mehr auf Deutsch über seine Arbeit sagen kann, als dass sie ihm «sehr gut» gefällt, zügelte vor drei Monaten vonNussbaumen nach Dietikon. Er war vor vier Jahren mit seiner Familie von Spanien in die Schweiz gekommen und arbeitete auf dem Bau. Seine Frau und die beiden Kinder mussten wegen einer medizinischen Behandlung zurück nach Spanien. Nach einem Arbeitsunfall und einer misslungenen Knieoperation war er lange Zeit arbeitsunfähig und bezog eine IV-Rente. Als ihm schliesslich eine 50-prozentige Teilarbeitsfähigkeit bescheinigt wurde, begannen seine Probleme erst richtig. Wer sollte ihn schon einstellen? Nicht hundert Prozent einsetzbar, nicht mehr jung, ohne Deutschkenntnisse und ohne Ausbildung. Chancenlos.

Gute Zusammenarbeit mit der IV

«Ich kann die Arbeitgeber schon verstehen. Wenn sie wie wir auf eine Stelle bis zu 300 Bewerbungen bekommen, warum sollten sie ausgerechnet denjenigen Bewerber nehmen, der beispielsweise seit Monaten Rückenschmerzen hat?», so Eveline Jungen, eine von sechs Inhabern der Firma Jeune Primeur in Dietikon und zuständig für Human Ressources und Administration. Dennoch hat sie Pedro Zambrano ermöglicht, einen sechsmonatigen Arbeitsversuch in ihrem Betrieb zu machen. Sie wisse von einer früheren Arbeit im medizinischen Bereich, wie schnell Leute arbeitsunfähig werden und später daran scheitern, sich wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren. «Ich wollte diesen Menschen eine Chance geben.»
Ende 2015 begann sie daher die Zusammenarbeit mit der IV – ein Schritt, den Jungen nie bereut hat. «Die Kooperation läuft sehr gut. Letztlich handelt es sich um eine Win-win-Situation.» Der Arbeitgeber müsse die finanziellen Risiken nicht tragen (siehe Text links), übernehme dafür aber einen gewissen Mehraufwand im Vergleich zu anderen Mitarbeitern. Und der neue Mitarbeiter bekomme eine Chance zur Wiedereingliederung.
Die Jeune Primeur AG («En gros für die feine Küche») eignet sich für diese Aufgabe sehr gut. Das Familienunternehmen gehört zu den etablierten Gemüse- und Fruchthändlern in der Schlen zum Unternehmen.

«Effektivität ist nicht alles»

«Wir sind stetig am Wachsen und haben daher Arbeit zu vergeben. Für Pedro haben wir allerdings eine neue Arbeit kreiert», meint Eveline Jungen. Sie scheint sich an die Devise zu halten: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Aber sie gibt zu, dass nicht alle der sechs Arbeitsversuche, die in ihrer Firma unternommen wurden, erfolgreich verliefen; ein paar mussten abgebrochen werden. Manchmal reichten die körperlichen Kräfte nicht für die Arbeit, die häufig im Stehen geleistet werden muss, manchmal scheiterte es auch an Lustlosigkeit.

«Man merkt recht schnell, ob jemand arbeitswillig ist», so Jungen. Von Anfang an sei ihr auch klar gewesen, dass es nicht reicht, wenn nur sie dieses soziale Engagement der Firma gut findet. «Ich habe mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen und ihnen vermittelt, wie wichtig es ist, diese Menschen zu integrieren.» So hat sie versucht, Verständnis dafür zu wecken, dass es vielleicht nicht immer so schnell oder effektiv geht wie bei anderen Kollegen. «Aber Effektivität ist nicht alles. Oft ist das Emotionale ebenso wichtig.» Es freut sie, dass Pedro Zambrano sich von Anfang an über seine eigentlichen Aufgaben hinaus selbstständig im Betrieb nützlich gemacht hat. «Er hat ein freundliches, angenehmes Wesen. Ich habe ihm gerne diese Chance gegeben.»

Am 31. Oktober letzten Jahres hat Zambrano seinen Arbeitsversuch beendet und ist seither fest angestellt bei der Jeune Primeur AG. Er nennt sie «meine zweite Familie».weiz. Es ist bekannt für seine hauseigene Rüsterei, in der jedes Produkt handverlesen, gewaschen, gerüstet und arrangiert wird, ausserdem für seine hohe Qualität und Pünktlichkeit sowie für die Erfüllung von Sonderwünschen. Zu seinen Kunden zählen unter anderen das The Dolder Grand, der Privatclub Haute und das Restaurant Schlüssel in Zürich sowie das Restaurant Schöngrün im Zentrum Paul Klee in Bern. 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zäh

Einen Sonderstatus gibt es nicht

Für einen erfolgreichen Wiedereinstieg müssen eine Reihe von Regeln beachtet werden, sagt
Personalfachfrau Hildegard Haas von Acer.

Hildegard Haas findet es wichtig, den Menschen direkt zu helfen.

Hildegard Haas findet es wichtig, den Menschen direkt zu helfen.

Nach einem Arbeitsunfall konnte der italienische Polier nicht mehr auf der Baustelle arbeiten. Seine zertrümmerte Hand liess dies nicht zu. Beim weltweit tätigen Hardwarehersteller Acer, dessen Schweizer Vertretung im Industriequartier Silbern ihren Sitz hat, erhielt er die Chance für einen beruflichen Neustart. Diesen hat er gepackt. Heute repariert der Polier, der sich vorher nur in seiner Freizeit mit Computern beschäftigt hatte, hauptberuflich Geräte im hauseigenen Servicecenter. Intern ist er die erste Adresse, wenn es um die neusten Technologietrends geht.

Hildegard Haas, die als Geschäftsleitungsmitglied der Acer Computer Switzerland AG auch das Personalwesen führt, ist überzeugt, dass gehandicapte und ausgesteuerte Personen mit einfachen Massnahmen wieder in den Arbeitsprozess integriert werden können. «Gerade für Menschen mit Handicaps ist die Arbeit ein wichtiger Bestandteil und die Sinnfrage sehr zentral», sagt sie. Seit 2006 hat sie einem Dutzend Personen eine zweite Chance gegeben. Ihr Geheimrezept für die erfolgreiche Wiedereingliederung ist, dass die Betroffenen keine Sonderbehandlung erhalten. Sie müssen den normalen Bewerbungsprozess durchlaufen. «Wenn ein Mensch ins Unternehmen passt, stelle ich ihn ein», sagt Haas. Auch der interne Status hebt sich nicht von den anderen Mitarbeitern ab. Neulinge stellt Haas stets als Praktikanten vor.

Bewusst Stärken hervorheben

Die Tätigkeiten der Betroffenen sind auf das Handicap zugeschnitten. Bei Acer werden die meisten zu Hardware-Technikern weitergebildet, andere übernehmen Büro- und Lagerarbeiten. Für den Neuanfang brauche es ein individuelles Training, denn viele verstünden anfangs noch nichts von der Branche. «Nach einem Jahr sind die neu eingegliederten Mitarbeiter in der Regel voll in die Arbeitsprozesse integriert», sagt die Personalfachfrau. Hilfsmittel wie eine Übersetzungstabelle erleichtern zum Beispiel die Arbeit jener Personen, die wenig Kenntnisse der deutschen Sprache mitbringen.

Beim Eintritt in das Unternehmen seien die Betroffenen häufig psychisch am Boden. «Deshalb hebe ich bewusst zuerst ihre Stärken hervor. Dadurch gewinnen sie schnell an Selbstvertrauen zurück», so Haas. Diese Veränderungen seien physisch gut sichtbar. Plötzlich sehe man die Betroffenen wieder lachen. «Sie werden Teil des Ganzen. Dadurch vergessen sie teilweise sogar ihre Schmerzen», sagt die Kaderfrau, die sich berufsbegleitend zum Coach ausbilden liess. Die einzelnen Schwächen könnten auch später noch ausgebügelt werden.
Die Freude, die den Betroffenen ins Gesicht geschrieben steht, ist das, was Haas motiviert. «Ich habe auch schon einen Kuchen von einer Ehefrau erhalten, weil ich dem Leben ihres Mannes wieder Sinn gegeben habe», sagt sie. Es ist ihr deshalb wichtig, dass die Betroffenen eine echte Chance erhalten und nicht nur als billige Arbeitskraft eingestellt werden. «Durch das soziale Engagement sind wir viel näher am Menschen und können direkt etwas bewirken», sagt Haas.

Wertschätzung zahlt sich aus

Sie kann vier von fünf Mitarbeitern, die im Rahmen der Wiedereingliederung einen Arbeitsversuch machen, eine neue Perspektive geben. Ein Angestellter habe sogar bereits die Firma gewechselt. Anfänglich musste Haas für das soziale Engagement des Unternehmens kämpfen. Nach den guten Erfahrungen lasse ihr die Geschäftsleitung heute freie Hand. Unterstützung erhalte sie dabei vom taiwanesischen Mutterhaus, das sich die Übernahme von sozialer Verantwortung auf die Fahne geschrieben hat.

Auch bei den Mitarbeitern stosse das Engagement auf grossen Zuspruch, weil sie wissen, dass ihr Unternehmen sie in einer Notsituation nicht fallen lässt. «Die gute Energie, die durch die Wertschätzung erzeugt wird, kommt in Form von Treue und Leistung zurück», so Haas. Dennoch will sie die Mitarbeiter nicht mit Samthandschuhen anfassen: «Trotz allem haben wir hohe Anforderungen, wiedereingegliederten wie auch anderen Mitarbeitern gegenüber.» (Tam)

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