Urdorf
Wie zwei Frauen das Atelier Glas-Dreams gerettet haben: «Es durfte auf keinen Fall sterben»

Das bekannte Atelier Glas-Dreams steht vor der Schliessung – da schreiten zwei Zentralschweizerinnen ein.

Fabienne Eisenring
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Glas Atelier
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In Urdorf macht es schon länger die Runde: Hinter den Türen des Ateliers Glas-Dreams an der Birmensdorferstrasse 32 tut sich etwas. Der Grund dafür ist nicht allen bekannt. Die renommierte Glasmanufaktur hat zwei neue Besitzerinnen. Heute, an der Eröffnungsausstellung, zeigen sie sich erstmals. Andrea Teufer (42) und Barbara Steiner (60) aus der Zentralschweiz haben das Atelier vom Glaskünstler Ernst «Aschi» Mosimann gekauft. Gemeinsam mit seiner Partnerin Monika Gmür hat er Glas-Dreams über Jahrzehnte hinweg geführt. Mit seinem Ruhestand im Alter von 66 Jahren stand dem Atelier die Schliessung bevor.

Steiner, eine Kundin, erfuhr davon im letzten April in einer Mail. «Fünf vor zwölf» sei es da schon gestanden, sagt Mosimann im Gespräch. Viele Skulpturen seien schon verkauft worden, die Örtlichkeiten aufgekündet. Dass Steiner und Teufer aufkreuzten, war laut Mosimann «das Beste, was passieren konnte».

Zwei Frauen, eine Leidenschaft

Barbara Steiner zieht es damit zurück zu ihren Ursprüngen. Die Ennetbürgerin ist in Urdorf geboren. Zunächst lernte sie Augenoptikerin, machte dann eine Fotografenausbildung und war schliesslich jahrelang Ausbildnerin in der Armee. Das «Glasen» hat sie sich in Kursen in Amerika, Holland, Deutschland und der Schweiz beigebracht. Der Kontakt mit dem Material, das Schleifen von Hand habe für sie etwas Meditatives.

Das Spiel mit Farben, Strukturen, Licht und Schatten ist Andrea Teufers Metier. Davon erzählen die Acryl-Bilder, die neu die Wände des Ateliers schmücken. Die Baarerin hat einen kaufmännischen Hintergrund, arbeitet Teilzeit in einem Büro. Das Malen sei ein guter Ausgleich, sagt sie. Kennen gelernt hat sich das Gespann bei einem Fest von gemeinsamen Freunden. Wie lange das zurückliegt, haben sie nicht mehr im Kopf. Aus der gemeinsamen Begeisterung für Kunsthandwerk habe sich eine tiefe Freundschaft ergeben. Das kleine Atelier, das sie bisher in Beckenried am Vierwaldstättersee hobbymässig betrieben, wollen sie beibehalten – und zu ihrem «Maiensäss» machen.

Der Wunsch, ein grösseres Atelier mit einem Eventbereich zu realisieren, sei schon immer da gewesen. Entsprechend rasch habe man im Februar dieses Jahres die Entscheidung gefällt. Steiner: «Wir waren uns schnell einig, dass Glas-Dreams auf keinen Fall sterben darf.» Im März folgte die Übergabe, bereits im April der erste Event im Lokal unter der Werkstatt. «Die Hauptprobe haben sie bestanden», sagt Mosimann lachend und klopft Teufer auf die Schulter.

Auch wenn sie «relativ viel investierten», ständen ihre Familien hinter ihrem Entscheid. Steiner bemerkt: «Im Freundeskreis haben uns zwar manche den Vogel gezeigt.» Wäre sie alleine gewesen, hätte sie das Projekt altershalber wahrscheinlich nicht angepackt, sagt Steiner. Das Ziel ist jedoch, dass Teufer einst das Atelier übernimmt.

Treffpunkt für Kunstbegeisterte

Den neuen Besitzerinnen liegt am Herzen, dass die Glaskunst in der Schweiz nicht einfach «sang und klanglos» untergeht. Darum soll «art & glas dreams», wie sie das Atelier nun nennen, auch in Kindern die Freude am Handwerk wecken. Eine offene Werkstatt sei das Ziel, ein Schmelztiegel für von Glas- und Malerhandwerk begeisterte Menschen. «Es soll eine Begegnungsstätte entstehen, wo Hobby-Künstler zusammenarbeiten, Ideen austauschen und ihr Werkzeug lagern können», so Steiner. Ein grosses Vorhaben. Deshalb sei man momentan dabei, das Personal aufzustocken. «Wir suchen Menschen, die sich hier gerne ausbilden lassen wollen – gegen Zeit im Laden.» Geld hin und herschieben wolle man nicht.

Eine neue Linie fahren die beiden Frauen im Atelier nicht. In den letzten Jahren habe der Fokus auf Perlen, Glaskugeln und Skulpturen gelegen. Nun wollen sie einige Herstellungsarten in Kursen wieder aufleben lassen, so zum Beispiel die Sandstrahltechnik. Auch will Steiner vermehrt Kurse in Glas-Fusing und Dickglasverarbeitung anbieten. Das Projekt «Mutperlen» für krebskranke Kinder wird ebenfalls weitergeführt. Und ab Herbst sollen internationale Künstler, ob Glashandwerker oder Maler, im Ausstellungsraum eine Plattform finden.

Auch Mosimann ist willkommen. Steiner sagt im Militärjargon: «Das Atelier ist Aschis Homebase. Hierher kann er immer zurück – sofern er das will.» Man merkt, die Chemie stimmt zwischen dem Glaskünstler und seinen Nachfolgerinnen. Sie sind sich einig: Glas sei das ehrlichste Material. Es verberge nichts, verzeihe keine Fehler.

Und: Kein Werkstoff mache so ein schönes Geräusch, wenn man ihn in eine Ecke schmeisse. «24 Stunden am Tag habe ich das Glas gelebt», so Mosimann. Ein Anflug von Wehmut? «Nicht wirklich», meint er nach einigem Zögern, «ich geniesse es, mal nicht zu müssen.» Der Betrieb sei sehr aufwendig. «Andrea und Barbara haben viel vor sich.» Darum hat er für jede eine Glücksperle gefertigt. Dass diese wirklich wirken, zeige die Geschichte vom HC-Davos-Spieler, dem Mosimann einst eben so eine Perle schenkte. Im selben Jahr gewann er mit seinem Club den Spengler Cup.

Die Eröffnungsausstellung im Atelier «art & glas dreams» findet am Freitag, 19. Mai, 18 - 21 Uhr, Samstag, 20. Mai, 12 - 18 Uhr und Sonntag, 21. Mai, 10 - 16 Uhr statt.