Fritz möchte gerne Sandalen anziehen für den bevorstehenden Einkauf in der Stadt. Als ihm seine Frau Rita erklärt, dass dies nicht geht, weil draussen eisige Temperaturen herrschen, verliert er die Fassung und wird wütend. Fritz ist an Alzheimer erkrankt und Rita ist eine der schweizweit rund 170 000 Angehörigen, die Menschen mit dieser erkrankung zuhause betreuen und pflegen. Die Schweizerische Alzheimervereinigung rief mit den ALZ-Cafés Veranstaltungen ins Leben, an denen Fritz und Rita sich mit Menschen austauschen können, die in derselben Situation sind. Am kommenden Dienstag findet die erste Ausgabe dieses Angebots im Kanton Zürich statt. Als Austragungsort wurde die Trattoria Italia Schlieren bestimmt.

Ziel sei es, im ganzen Kanton drei bis vier solcher Angebote einzuführen, sagt Christina Krebs, Geschäftsführerin der Zürcher Alzheimervereinigung. Dass das erste Alzheimer-Café in Schlieren stattfinden wird, komme einerseits daher, dass die Stadt verkehrstechnisch gut erschlossen sei; die Trattoria Italiana befindet sich unweit des Kesslerplatzes. Doch habe man auch von regionalen Organisationen viel Begeisterung für das Projekt erfahren, so Krebs. Der Verein Wabe, die Pro Senectute und die Beratungsstelle Memory des Spitals Limmattal treten gemeinsam mit der Alzheimervereinigung als Gastgeber auf.

Fachperson ist anwesend

Im ALZ-Café sollen sich die von der Krankheit Betroffenen in einem ungezwungenen Rahmen austauschen können, sagt Krebs. Ein kurzer Vortrag zu Themen wie Vorsorge, Pflege oder Integration von Menschen mit Demenz diene dabei als Input. Im Anschluss gibt es Musik. Zudem ist eine Fachperson anwesend, die Fragen zur Krankheit beantwortet. Dazu gibt es Kaffee und Kuchen. «Das Angebot ist niederschwellig, jeder ist eingeladen, vorbeizuschauen.»

In den Kantonen Graubünden, Bern und Aargau werden solche Alzheimer-Cafés bereits durchgeführt und stossen auf viel Interesse. Verbreitet sei das Konzept in der Schweiz jedoch noch nicht, so Krebs. «In Frankreich und Deutschland gibt es eindeutig mehr solche Angebote.»

Mit der Alterung der Gesellschaft rücken auch zunehmend Alterserkrankungen in den Fokus. Doch das Thema werde noch immer ein Stück weit stigmatisiert. «Heute leben wir in einer Multitasking-Gesellschaft», sagt Krebs. «Schafft man das Erledigen von scheinbar simplen Aufgaben nicht mehr parallel, beispielsweise aufgrund von Alzheimer, fühlt man sich schnell isoliert, was zu einer gewissen Frustration führt.» Doch der Umgang mit dem Thema Alzheimer habe sich in den letzten Jahren ein wenig entspannt. «Mit den jungen Älteren aus der Babyboomer-Generation wurde das Thema präsenter», so Krebs. Denn diese würden vermehrt öffentlich über ihren Zustand sprechen.

Darin liege auch der Symbolcharakter des neuen Treffs. So werde dieser nicht an einem abgeschotteten Privatort abgehalten, sondern in einem öffentlichen Restaurant. «Hier können auch nicht Betroffene den Vorträgen lauschen oder mit Alzheimerpatienten oder deren Angehörigen ins Gespräch kommen.»

Zentral sei jedoch, dass die Partner und Angehörigen, welche die Erkrankten teils bis an die Belastungsgrenze pflegen, ein Netzwerk aufbauen können. «Teilweise bieten sich nämlich simple Tricks an, mithilfe derer der Alltag besser gemeistert werden kann», so Krebs – wie im Fall der eingangs erwähnten Rita, die Krebs an einem Alzheimer-Café im Aargau kennen gelernt habe. «Wutausbrüche, weil den Erkrankten etwas nicht in den Kram passt, das kennen alle Angehörigen», sagt Krebs. Eine andere Teilnehmerin habe Rita dann geraten, die Sandalen zu verstecken und Fritz anstelle zwei verschiedene Winterschuhpaare zur Auswahl zu stellen. «So könne er noch immer selbst aussuchen, doch fällt die Option, die schlichtweg nicht geht, weg», sagt Krebs.