Das Limmattal wächst, und das scheinbar ungebremst. Und mit jedem Mehrfamilienhaus, das errichtet oder aufgestockt wird, mit jedem abendlichen Stau am Gubrist oder auf den Durchgangsstrassen, mit jedem neuen fremdländischen Gesicht, das einem im Bus und auf der Strasse begegnet, scheint bei Teilen der Bevölkerung auch das Unbehagen mit der Entwicklung einer Region, die immer weniger die altbekannte ist, zu wachsen.

Ausdruck verlieh das Limmattaler Stimmvolk diesem zuletzt am 9. Februar, als es ein deutliches Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP in die Urne legte. Aber schon frühere Abstimmungen wie etwa die Minarett-Initiative liessen vermuten, dass die gegenwärtige Entwicklung vielen widerstrebt. Wachstumskritiker sehen sich als Verlierer eines Spiels, von dem nur «die da oben» profitieren; das Gefühl, von der Entwicklung überrollt zu werden, schleicht sich ein. Die Forderungen der Ecopop-Initiative, über die die Schweiz am 30. November abstimmt, dürften so bei einigen Limmattalern wohl auf fruchtbaren Boden fallen. Die Initiative will die Nettozuwanderung auf jährlich nur noch 0,2 Prozent der Bevölkerung zu beschränken – zurzeit entspräche dies rund 16 000 Personen.

Ausländeranteil stieg stark an

Tatsächlich hatte das Limmattal in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einiges zu verdauen — vielleicht in zu kurzer Zeit. Die Zahlen, hinter denen die Menschen stehen, sprechen für sich: In den letzten 50 Jahren verzeichnete der Bezirk Dietikon laut dem Statistischen Amt des Kantons Zürich einen Bevölkerungszuwachs von rund 51 000 auf knapp 85 000 Einwohner. Es waren vor allem Ausländer, die hier ein neues Zuhause fanden: In den 36 Jahren, in denen die Statistik In- und Ausländer als eigene Kategorien anführt, wuchs der Bezirk unter dem Strich um 16 000 Personen ohne roten Pass, während 2000 Schweizer kamen. So stieg auch der Ausländeranteil von 18,3 auf 33,2 Prozent.

Auch gehen die Experten nicht davon aus, dass das Wachstum von sich aus so schnell abbrechen wird. Die Planung der Limmattalbahn etwa beruht auf Prognosen, wonach das Limmattal bis 2030 knapp 106 000 Einwohner zählen wird – wobei diese Zahl auch Gemeinden im Aargauer Einzugsgebiet beinhaltet. Derweil steht auch das Zürcher Limmattal noch längst nicht am Ende seiner geplanten Siedlungsentwicklung: So gibt es etwa noch Pläne für das Dietiker Niderfeld oder das Geroldswiler Werd-Gebiet.

All diese Zahlen und Pläne dürften erklären, wieso bei manchem Limmattaler allmählich ein «Jetzt ist genug»-Reflex aufkommt. Dabei ist der «Dichtestress» im Bezirk Dietikon mit rund 1400 Einwohnern pro Quadratkilometer beileibe nicht dramatisch. Klar, ein Bezirk Andelfingen lebt mit 181 Eiwohnern pro Quadratkilometer bedeutend luftiger. Doch bereits in der – im internationalen Städtevergleich selbst noch sehr locker besiedelten – Stadt Zürich wohnt es sich bei rund 4350 Bewohnern pro Quadratkilometer einiges dichter. Der Lebensqualität scheint dies keinen Abbruch zu tun: In Städterankings schneidet Zürich kontinuierlich gut bis hervorragend ab.

Doch wer entscheidet, die Zuwanderung nur als Problem wahrzunehmen, blendet auch aus, dass das Limmattal von den Zugewanderten profitiert. Der Dietiker Stadtpräsident Otto Müller sagt: «Das Wachstum hat bislang den Wohlstand erhöht und zur Sicherung der Sozialwerke beitragen. Davon profitieren alle.» Die Wirtschaftsverbände haben sich, anders als noch vor der Masseneinwanderungsinitiative, im Ecopop-Abstimmungskampf trotz klarer Nein-Parolen bisher zurückhaltend gezeigt – sie haben eingesehen, dass Wirtschaftsargumente bei einer breiten Wählerschaft auf taube Ohren stossen. Auch Rochus Burtscher, Dietiker SVP-Kantonsrat, musste dies feststellen: «‹Die Wirtschaft› ist leider in Teilen der Bevölkerung zum Feindbild geworden», gab er kürzlich zu Protokoll.

Dennoch ist auch das Limmattal auf eine gesunde Wirtschaft angewiesen. Dass nach einem Ja zu Ecopop Firmen einen Handlungsspielraum haben werden, der gegen null tendiert, ist bekannt: Der Grossteil der vorgesehenen Kontingente würde durch Flüchtlinge, aber auch etwa durch heimkehrende Auslandschweizer ausgefüllt. So erwartet Otto Müller auch, dass sich einige Firmen «die Standortfrage stellen müssten» – und ins Ausland abwandern könnten.

Inländervorrang schon heute

Wer sich die Standortfrage hingegen nicht stellen kann, sind Akteure im Gesundheitswesen, die im Zuge einer älter werdenden Bevölkerung immer stärker gefordert sind. Doch die gegenwärtig hohe Versorgungsqualität wäre ohne ausländisches Personal schlicht nicht aufrechtzuerhalten. Bereits heute hat etwa das Spital Limmattal Mühe, in bestimmten Bereichen geeignetes Fachpersonal im Inland zu rekrutieren, wie Personalchef Matthias Gehring erklärt. Schon die kommende Umsetzung der SVP-Initiative bereitet dem grössten Arbeitgeber im Bezirk Kopfzerbrechen, und ein Ja zu Ecopop «würde die Situation mit Sicherheit noch gravierend verschlechtern», so Gehring: Ein mit der Kontingentierung einhergehender hoher Administrativaufwand wird zu zeitlichen Verzögerungen und Mehrkosten führen.

Ausländervorrang und Lohndumping gäbe es im «Limmi» zudem auch im heute noch kontingentfreien System nicht. «Wir rekrutieren überhaupt nicht systematisch im Ausland», so Gehring. Zurzeit sind rund zwei Drittel der Angestellten Schweizer, der Inländervorrang gilt schon heute. Doch für gewisse Fachbereiche, zum Beispiel im Fall onkologischer Fachärzte, sei es «extrem wichtig», dass der inländische Personalmangel mit ausländischen Angestellten kompensieren werden könne. Dies werde aber ohnehin zusehends schwieriger, so Gehring: Schon heute gebe es immer wieder Wunschkandidaten aus dem Ausland, die über ihre berufliche Zukunft in der Schweiz stark verunsichert seien. Auch ihnen sind die wiederholten ausländerkritischen Voten der Schweizer Bevölkerung in den letzten Jahren nicht entgangen.

Fachpersonal-Aufstockung braucht Zeit

Langfristig, ist Gehring überzeugt, werden die Schweizer Spitäler weniger ausländisches Personal brauchen. Man habe längst erkannt, dass bei der Ausbildung von medizinischem Fachpersonal Nachholbedarf besteht. «Schon seit Jahren laufen enorme Anstrengungen auf allen Ebenen – doch so eine Entwicklung braucht Zeit.» Dazu kommt: Während die Schweiz bemüht ist, mehr eigenes Personal zu produzieren, steigt der Bedarf dank rapider medizinischer Fortschritte munter weiter an. «Immer mehr erfolgreiche Therapien führen zu immer höheren Ansprüchen an die medizinische Versorgung – eine an sich sehr erfreuliche Entwicklung, die aber auch mit einer steigenden Ressourcennachfrage einhergeht.» So ist es denn auch eine stetig wachsende Dienstleistungspalette und nicht die Anzahl Patienten, die Gehring als Haupttreiber für einen stetig steigenden Personalbedarf ausmacht.

Eine weitere regional verankerte Branche, die stark auf internationalen Austausch angewiesen ist, zittert dem Abstimmungsresultat entgegen: die Life Sciences, die mit dem Bio-Technopark in Schlieren mittlerweile einen festen Platz im Limmattal haben. Ein Ja zu den radikalen Ecopop-Kontingenten wäre für Direktor Mario Jenni aus zwei Gründen «eine Katastrophe»: Einerseits sind die im Bio-Technopark angesiedelten Firmen auf einen prosperierenden Forschungsstandort – sprich: handlungsfreie Hochschulen ETH und Uni Zürich –, andererseits auf ausländisches Fachpersonal für die Produkteentwicklung und -herstellung angewiesen.

Innovation als Imageverbesserer

«Der Wissenschaftsmarkt ist ein globaler Markt», betont Jenni, und von ihm profitiere die noch innovationsstarke Schweiz enorm. Wenig könne das besser illustrieren, als dass es ein Ausländer war, der damals die Entwicklung vorantrieb, dank der Schlieren sich heute Life-
Science-Standort nennen darf: der amerikanische ETH-Professor und Spin-off-Pionier James E. Bailey. Die Ansiedlung des Bio-Technoparks sei zumindest mitverantwortlich dafür, dass «Schlieren sich innert kurzer Zeit in der äusseren Wahrnehmung von einer Occasionshandelsdrehscheibe mit schlechter sozialer Durchmischung zum Innovationsstandort schlechthin» mauserte.

Jenni hat gewisses Verständnis für das Unbehagen, das schnelles Wachstum in der Bevölkerung auslöst. Ihn stört aber, dass Initiativen wie Ecopop, aber auch schon diejenige «gegen Masseneinwanderung», die Entwicklung nur als Problem darstellen. «Das ist nur ein Teil der Wahrheit», sagt er. Allzu schnell gehe vergessen, was Branchen wie die seine, die stark unter Zuwanderungsbeschränkungen leiden werden, vor Ort leisten: Sie können das Image einer Region massiv aufwerten, Arbeitsplätze für Reinigungspersonal bis Spitzenforscher generieren und mit dem hoch qualifizierten Personal, das sich in der Region niederlässt, auch finanzstarke Steuerzahler in die Gemeinden holen, so Jenni. «Und genau das ist doch ökologisch nachhaltig: wenn Arbeits- und Wohnort möglichst nah beisammen sind. Das entschärft Verkehrsprobleme mehr als Kontingente.»

Apropos Verkehrsprobleme: Vergessen haben die Ecopop-Initianten die Grenzgängerfrage. Dass der Stau am Gubrist verschwinden wird, wenn Schweizer Firmen ihr ausländisches Personal einfach als Grenzgänger rekrutieren, das will man dann erst einmal gesehen haben.