Mit Tränen in den Augen steht eine Anwohnerin im Pensionsalter auf der Badenerstrasse und traut ihren Augen nicht. «Es kann doch nicht sein, dass die Buche einfach so gefällt wird», sagt sie schluchzend. Genau in diesem Moment kreuzt Passantin Yolanda Bächtiger die Strasse und erblickt die Geschehnisse, bleibt stehen und schaut zum berühmtesten Baum Schlierens, dessen Äste gerade abgesägt werden. Sie sei auf dem Weg zur Arbeit, müsse nun aber kurz innehalten. «Der Baum gehört zu Schlieren und es tut mir im Herzen weh, dass er nun wegkommt», sagt Bächtiger und tröstet die Anwohnerin, die noch immer weinend neben ihr steht.

Damit nimmt die Geschichte um den Baum, dessen Schicksal weit über die Grenzen des Limmattals interessierte, ein emotionales Ende. Gestern Vormittag um 7 Uhr machten sich die Angestellten der Baum und Garten AG und des Grünunterhaltes der Stadt Schlieren ans Werk. Mithilfe von Gerätschaften, die mit grossen Säge-Greifarmen bestückt waren, wurden erst die dünnen Äste, dann die dickeren abgebrochen. Widerstandslos ergab sich das Gehölz der Maschine. Mit einer Handsäge wurde das gefallene Holz weiter zerkleinert. Nachdem sich die Maschine den Baum emporgearbeitet hatte, fiel um kurz vor 8 Uhr der oberste Teil der Baumkrone.

Nur ein kleiner Kreis von Angestellten aus der Verwaltung und Akteuren aus der Politik war über die Fällung informiert, da grosser Widerstand zu erwarten gewesen war. Vier Stadtpolizisten schauten bei der Fällung zum Rechten.

Die rund 70- bis 80-jährige Blutbuche auf dem Schlieremer Zentrumsplatz wurde im Februar 2018 für rund 160'000 Franken umgepflanzt. Sie stand dem Bau der Limmattalbahn im Weg. Schweizweit wurde über die Verpflanzung um rund 170 Meter in den Stadtpark berichtet. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der Baum die Reise nicht überlebt hat und absterben wird. Weil morsche Äste Passanten gefährden könnten, entschied der Stadtrat, den Baum zu fällen.

«Da sieht man, wie krank der Baum wirklich ist. Würde es sich um eine gesunde Buche handeln, hätte die Säge härter zu kämpfen», kommentiert ein Zuschauer, der sich auf der Badenerstrasse installierte, um dem Spektakel beizuwohnen. «Wie Streichhölzer knicken die Äste ein», fährt er fort. Die weinende Anwohnerin kann es noch immer nicht fassen und spricht mittlerweile mit Stadtangestellten, während unter leisem Knacken der Baum nach und nach verschwindet.

Strunk gibt kein gutes Bild ab

Das sogenannte Fällmobil musste gestern tatsächlich nicht seine ganze Kraft zeigen. Die Maschine, die bis zu sieben Tonnen heben kann, transportierte nicht nur die grossen Äste, sondern auch den Baumstamm spielend vom Boden hin auf die betonierte Badenerstrasse. «Der Baum ist stark ausgetrocknet, was das Holz sehr viel leichter macht. Der Baumstamm wiegt wohl zwischen 2,5 und 3,5 Tonnen», sagt Curdin Moder, der das Fällmobil bedient. Auch er hatte den Trubel um die Blutbuche im Vorfeld mitbekommen. Dennoch sei es ein normaler Arbeitstag für ihn. «Besonders in urbanen Gebieten lehnen sich die Menschen oft gegen die Fällung von Bäumen auf. Daher überrascht mich die Polizeipräsenz keineswegs.» Viel eher habe er in Schlieren einen grossen Protest erwartet. Andernorts seien die Arbeiter schon mit Steinen beworfen worden, sagt er.

Bauvorstand Stefano Kunz (CVP) ist sichtlich erleichtert ob der reibungslosen Fäll-Aktion. Dennoch ist es kein einfacher Tag für ihn, der vom Stadtrat mit der Kommunikation des Blutbuche-Geschäfts betraut ist. «Natürlich stimmt es mich traurig, dass der Baum nun gefällt wird.» Ehrlicherweise erleichtere es ihn aber auch, dass das Thema Blutbuche nun abgeschlossen und nach vorne geschaut werden könne, wie er sagt. Dass sich die Äste derart leicht abknicken liessen und die Säge wie Butter durch das Holz drang, bestätige den Stadtratsentscheid. «Das ist kein gesunder Baum, der noch lange überlebt hätte.» Auch das Bild, das der Strunk abgibt, lasse diesen Rückschluss zu. So sehe man, wie die inneren Schichten des Baums komplett ausgetrocknet seien.

Für die weinende Anwohnerin, die sich zu den Zuschauern gesellt hat, findet er tröstende Worte. «Sterben bedeutet ja immer auch, dass es Platz für etwas Neues gibt. Wir pflanzen an dieser Stelle neue und mehr Bäume, die ebenfalls irgendwann gross und schön sein werden.»

Nur wenige Minuten nachdem der untere Teil des Stamms abgesägt worden war, tauchte Figen Oezkizilirmak auf. Sie hat durch einen Gruppenchat, den die Baumschützer unterhalten, von der Aktion erfahren. Die Schlieremerin setzt sich an der Seite der beiden Schwestern Susanne Porchet und Liliane Hagen seit rund anderthalb Jahren für die Erhaltung der Blutbuche ein. «Gestern um 23 Uhr war ich noch hier und nun ist er einfach weg. Ich kann es kaum fassen», sagt sie. Auch sie hat Tränen in den Augen und ist sichtlich wütend auf die Stadt. Dass man den Baum ohne Vorankündigung fällen würde, enttäuscht Oezkizilirmak. Hätte sie von der Aktion gewusst, gibt sie zu, wäre sie sicher dagegen vorgegangen. «Ich hätte Greenpeace um Unterstützung gebeten.»

Nacht-und-Nebel-Aktion?

Erst am Montag wurde öffentlich, dass der Stadtzürcher André Schäppi rund 10'000 Franken für einen weiteren Rettungsversuch spenden wollte. Nach Absprache mit einem Baumexperten sah dieser eine reelle Chance, den Baum wieder gesund zu pflegen. So hätten die abgestorbenen Baumteile wie auch grosse Teile der Krone rigoros zurückgeschnitten werden müssen. Der Gesamtstadtrat lehnte dieses Angebot ab, da der Baum durch das Entfernen grosser Teile der Krone seinen ursprünglichen Charakter verloren hätte. Darüber hinaus wäre der Eindruck entstanden, der Stadtrat ändere Entscheide, sobald ein Privater das Portemonnaie zückt, wie er verlauten liess. Schäppi ist schockiert. «Dieses Vorgehen ist eines Stadtrates nicht würdig, sondern nur hinterhältig und feige. Die Exekutive hätte offen und ehrlich kommunizieren und nicht eine Nacht-und-Nebel-Aktion planen müssen», sagt er.

Was mit dem Holz nun geschieht, ist offen. Der Stamm und die dicken Äste werden bis auf weiteres im Werkhof der Stadt gelagert, bis sich die Verantwortlichen für eine künftige Nutzung entschieden haben.