Mit biblischer Wucht fegte der Sturm Lothar am zweiten Weihnachtstag 1999 über West- und Mitteleuropa hinweg und sorgte auch in der Schweiz für eine Spur der Verwüstung. Selbst Todesopfer galt es zu beklagen. In Lothars Schneise befand sich auch der Honeret-Wald. «Bei 150 Hektaren waren rund 50 betroffen», sagt Felix Holenstein, Revierförster und Leiter des kommunalen Forstdiensts der Stadt Dietikon. «Die Bäume lagen kreuz und quer herum und ich benötigte einen Tag, um mir einen groben Überblick zu verschaffen», so Holenstein, der bereits vor 20 Jahren für den Dietiker Wald zuständig war. Die betroffenen Waldgebiete werden heute allgemein als Sturmflächen bezeichnet. Lothar war in jeder Beziehung eine Herausforderung – und das ist er bis heute. Die Sturmflächen sorgen für lebendige Erinnerungen an das Orkantief sowie für eine vielseitige Forstwirtschaft.

Wie das Eidgenössische Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) kürzlich mitteilte, sind laut einer Studie rund doppelt so viele Insektenarten auf Sturmflächen beheimatet wie in unversehrten Wäldern (siehe Interview rechts). Dies, weil Windwürfe schattige Plätze öffnen und damit das lokale Klima und die Vegetation verändern. Das Totholz ist nach Stürmen im Übermass vorhanden und bietet auch eine neue Heimat für gefährdete Arten. Im Honeret war und ist diese Artenvielfalt zu erleben. Es sind aber auch die unterschiedlichen Stadien der Regeneration, die sichtbar sind. Denn so verheerend es im Dietiker Wald einst aussah, so war der Schaden quasi «nur» in Franken zu beziffern. Der Wert des Holzes, vor vielen Jahren einst als Anlage geplant, war verflogen. Aber für die Natur und die Förster eröffneten sich buchstäblich neue Felder: «Der Wald ist immer im Prozess und die Folgen von Lothar boten auch viele Chancen», sagt Holenstein.

Die Vielfalt der Sturmflächen

Der Revierförster kennt sich im Honeret aus wie kein Zweiter und dank seinen Hinweisen wird ein Spaziergang im Dietiker Wald zum spannenden Streifzug. Ob an Pfaden oder im Dickicht, Holenstein führt zielstrebig an jene Orte, an denen Lothar einst wütete. Manche Sturmflächen sind sofort zu erkennen, andere weniger; die Plätze wurden teilweise auch bewusst unterschiedlich behandelt. So trifft man auf Gehölz, bei welchem das Echo des Sturms beinahe noch zu hören ist. Mächtige Wurzelstöcke und liegende Baumstämme dominieren das Bild. «Wir haben zwei Hektar des Sturmgebiets so belassen, um der Natur ihren Lauf zu lassen», erklärt Holenstein. Einzig die angrenzenden Waldwege wurden wegen der Sicherheit geräumt.

An anderen Stellen wurden neue Bäume gepflanzt, auch solche, die vorher nicht im Honeret anzutreffen waren. So hielten etwa die Vogel- und die Elsbeere Einzug. Und es wurde eine neue Generation von Eichen gesetzt. «Sie wird allen Ansprüchen, die der Wald erfüllen muss, gerecht.» Die Eiche gehört zudem zu den sogenannten Lichtbaumarten; Bäume, die für das Wachstum mehr Licht benötigen als beispielsweise Tannen. Daher bot sich die Eiche geradezu an, um auf den freigesetzten Flächen gepflanzt zu werden. Sie entwickle sich im Honeret prächtig, sagt Holenstein.

Wieder andere Sturmflächen bieten trotz dem Setzen neuer Bäume ein verhaltenes Bild. Dies hat mit dem Standort zu tun; Faktoren wie das Bodenwasser spielen dabei eine Rolle. «Das Wachstum ist nicht überall gleich schnell und flächendeckend.» Es sei zudem wichtig zu erwähnen, dass trotz der Arbeiten immer noch der Wald selbst für etwa 90 Prozent der Herstellung sorge.

Alle Sturmflächen eint, dass sie nach Lothar – wie die Studie des WSL darlegt – nicht nur zu einer grossen Artenvielfalt von Insekten beitrugen, sondern auch zu deren absoluter Menge. Neben dem vielen Holz, das kurz nach dem Sturm ein wahres Festmahl für Borkenkäfer war, spielten Licht und Wärme eine grosse Rolle. «Pflanzen, die sonst nur im Feld oder am Waldrand gedeihen, blühten plötzlich mitten im Wald und zogen deshalb viele Insekten an», so Holenstein. Und ebenso ziehen viele Insekten weiter, wenn es nach Jahren wieder vermehrt Schattenwurf auf den Flächen gibt.

Unerwünschte Besucher

Freilandähnliche Flächen sind auch für sogenannte Neophyten attraktiv; invasive und gebietsfremdartige Pflanzen. Vögel – auf der Jagd nach Insekten – bringen Samen in die Sturmflächen, die sonst heimischen Gärten vorbehalten sind. So ist an einer Stelle im Honeret, nahe der Bernstrasse, eine wahre Armada von Sommerfliedern zu entdecken. «Fremdartige Pflanzen müssen eingedämmt werden, damit sie sich nicht noch mehr ausbreiten und die einheimischen beeinträchtigen», sagt Holenstein. Solche Pflanzen gibt es zuhauf. Weiter im Waldesinneren wuchert etwa die asiatische Schlingpflanze namens Henrys Geissblatt. Sie verbreitet sich schnell und muss immer wieder ausgerissen werden. Ein ungebetener Waldgast ist auch die Lorbeerkirsche. Eigentlich für Ziersträucher in Parks und Gärten bekannt, möchte sie sich liebend gerne im Honeret heimisch machen. Nichts scheint unmöglich: «Vor einiger Zeit habe ich sogar eine Kiwipflanze entdeckt», sagt Holenstein besorgt.

Der Wald hält seinen Revierförster daher ständig auf Trab und bietet regelmässig Überraschungen, auch wenn diese nicht immer willkommen sind. Entsprechende Arbeiten orientieren sich generell am Kreislauf der Natur. «Wir wollen den Wald heute natürlich beforsten», erklärt Holenstein. Dieser wachse, breche stellenweise ein, werde dürr und Neues entstehe. Daran orientiere man sich in der Forstarbeit. Nur so können die Hauptaufgaben des Waldes – Holz, Erholung und Biodiversität – erhalten und gefördert werden.

So war Lothar mit seinen Sturmflächen schliesslich Teil eines natürlichen Wandels, wie er von Menschenhand gar nicht geschaffen werden dürfte. Solch grosse freie Flächen im Wald zu roden, ist von Gesetzes wegen verboten. «Erst ein nächster Sturm wie Lothar könnte wahrscheinlich wieder für einen Kahlschlag dieser Art sorgen», so Holenstein. Aber die Natur und somit der Wald finden immer wieder Möglichkeiten, um sich neu zu erfinden.