Manchmal sei es eine Gratwanderung, den Bedürfnissen der verschiedenen Gäste im Hotel Hottingen zu entsprechen, sagt Hoteldirektor Roger Giger. In den 32 Zimmern übernachten nicht nur Geschäftsreisende, Städtetouristen und Theaterbesucher, sondern auch Menschen, die in eine Notlage geraten sind und vorübergehend eine günstige Unterkunft brauchen.

Etwa eine Frau, die von häuslicher Gewalt betroffen ist und zuvor im Frauenhaus lebte, oder ein Mann, der aus einer psychiatrischen Klinik kommt und auf Jobsuche ist. Aber auch Obdachlose oder Eltern, deren Kinder im Spital behandelt werden, und Auslandschweizer, die nach Zürich zurückkehren und auf Wohnungssuche sind.

Eine Zwischenstation

Die Sozialen Dienste der Stadt Zürich haben eine Leistungsvereinbarung mit dem Hotel Hottingen und übernehmen die reduzierten Preise der Hotelzimmer, welche die Gäste durchschnittlich zwei Monate bewohnen. Bis Ende Oktober haben die Sozialen Dienste im vergangenen Jahr 21 Personen für 1384 Übernachtungen im Hotel untergebracht.

«Wir sind eine Zwischenstation», sagt Roger Giger. Zurzeit wohnen sechs Gäste der Sozialen Dienste im Hotel. Von einigen weiss das Hotelpersonal, was sie hierher geführt hat, andere erzählen nichts. «Wir fragen nicht nach», sagt Giger. «Für uns sind das Gäste wie alle anderen auch.»

Schliesslich wisse man auch bei Gästen, die etwa an die Street Parade gehen, nicht, in welchem Zustand sie wieder ins Hotel zurückkehrten. «Wir pflegen Toleranz gegenüber allen.»

Nicht aufgenommen werden Menschen mit akuten Alkohol-, Drogen- oder psychischen Problemen. Denn im Hotel gibt es kein Fachpersonal, das solche Fälle betreuen könnte.

Dennoch finde da und dort ein tieferes Gespräch statt zwischen den Gästen und dem Personal, bei einem Kaffee am Abend oder einer Rauchpause. «Meist findet man irgendwo ein offenes Ohr», sagt Roger Giger. Aber privaten Kontakt soll es nicht geben. Schliesslich findet rundherum der Betrieb eines 2-Sterne-Hotels statt. Reisegruppen checken ein und aus, Geschäftsreisende benutzen die Computerstation und die Raumpflegerinnen bringen die Zimmer auf Vordermann.

«Wir konkurrieren wie alle anderen auch auf Online-Portalen und leben von guten Kritiken», sagt Hoteldirektor Giger. Obwohl das Hotel wirtschaftlich rentabel sein muss, sei der Druck, Profit zu machen, kleiner als bei anderen Tourismusbetrieben. Denn das Hotel Hottingen gehört dem Pro Filia Kantonalverein Zürich, der es vor 50 Jahren – als der Verein noch Mädchenschutzverein hiess – an der Hottingerstrasse 31 eröffnete.

Das damalige Foyer Hottingen war ein Passantinnenhaus für Mädchen und Frauen, die zum Arbeiten alleine in die Stadt Zürich kamen und in der fremden Stadt mit mangelnden finanziellen Mitteln und Unkenntnis eine geschützte, günstige Unterkunft brauchten. Von 1965 bis 1998 führten Nonnen aus dem Wallis das Foyer.

Aber nicht nur junge Frauen auf Arbeitssuche übernachteten in den Schlafsälen mit insgesamt 95 Betten, sondern auch Mütter mit Kindern, Rucksacktouristinnen und Flüchtlinge etwa aus Ungarn, Chile, Vietnam und Afghanistan.

«Obwohl Pro Filia katholische Ursprünge hat, achtete im Foyer niemand auf Konfession oder Herkunft», sagt Irène Rée-Bonomo, heutige Präsidentin des Pro-Filia-Kantonalvereins. «Die damalige Präsidentin und die Vorstandsmitglieder, die das Foyer gründeten und leiteten, stellten eine wichtige soziale Einrichtung auf die Beine, die sich stets den Bedürfnissen der Gäste anpasste.»

Schlafsaal bleibt – wird aber neu

Das Foyer wandelte sich immer mehr zum Hotel und nahm bald auch Männer auf. 2011 wurden drei der fünf Etagen und der Frühstücksraum renoviert. Moderne Hotelzimmer mit Badezimmern und W-LAN entstanden und das Haus nannte sich neu Hotel Hottingen.

Seit dem 3. Januar 2016 ist das Hotel nun für sechs Wochen geschlossen: Der Eingangsbereich und alle Zimmer in den obersten Etagen werden saniert. Einige Zimmer werden grösser und mit Arbeitstischen bestückt.

Und die Rezeption erhält eine Lounge. Bestehen bleiben die kleinen Etagenküchen mit abschliessbaren Fächern im Kühlschrank, die von den Langzeitgästen geschätzt werden, und der Schlafsaal nur für Frauen im obersten Stock. Dort werden statt neun kleinen fünf grössere Einzelkabinen eingebaut. «Wir wollen allen Gästen eine solide, moderne Übernachtungsmöglichkeit bieten, aber nicht zum Boutique-Hotel werden», sagt Giger.

Dem Pro Filia Kantonalverein sei es wichtig, dass das Hotel Hottingen den Spagat schaffe, zwischen selbst finanziertem Betrieb und sozialer Institution, sagt Irène Rée. So wurde etwa 2012 eine Stelle für einen Attestlehrling geschaffen und im Herbst haben zwei aufgenommene Flüchtlinge für einige Wochen im Hotel gearbeitet. «Eine wunderbare Erfahrung», sagt Giger. «Das passt auch bestens in unser Konzept.»