Es ist nichts einzuwenden gegen Geschäfte, die sonntags geöffnet sind, solange man sie grossräumig umfahren kann. Doch es soll Leute geben, die Gefallen daran finden. Anders lassen sich die hohen Umsätze nicht erklären, die immer wieder verkündet werden. Wie schlimm ist so ein Sonntagsverkauf wirklich?

Ein böses Omen

3. Advent, vormittags, Glattzentrum, Wallisellen. Das umsatzstärkste Einkaufsparadies des Landes. Eine Kolonne von mehrheitlich kostenintensiven Geländefahrzeugen bahnt sich den Weg zum Parking - ein böses Omen. In der Tat, nach einer halben Stunde Parkhaus-Carving im Schritttempo und kurz vor dem Zusammenbruch tut sich erstmals ein Schleichweg zwischen Ebene 8 im Osten und Ebene 7 im Westen auf. Und er löst Glücksgefühle aus: Während sich drüben vierzig Autos einen erbitterten Kampf ums letzte freie Parkfeld liefern, hat man hier die Qual der Wahl.

Es kurz nach elf Uhr, vor etwas über einer Stunde hat das «Glatt» seine Türen geöffnet. Das prallvolle Parkhaus täuscht: Noch sind die Verkaufsflächen auf Einkaufsebene 2 gut zugänglich. Die Menschen schlendern gemütlich umher - und kaum jemand trägt eine Einkaufstasche. Nur vereinzelt sieht man da und dort einen Migros-Sack, aus dem meist ein Salat hervorguckt. Die Kundschaft, so scheints, erledigt nicht etwa Weihnachts-, sondern Wocheneinkäufe.

Ein bisschen Krise spürt man in der Papeterie, wo eine Frau mit einem Kugelschreiber auf einem Block herumkritzelt. «Und wie viel kostet der?», fragt sie die Verkäuferin. «70 Franken.» Die Vitrine mit den wirklich teuren Modellen bleibt zu. Einen Stock tiefer bei Swarovski lassen sich Frauen aufwendig gearbeitete Colliers aus geschliffenem Fensterglas zeigen. Doch auch in der nahen Bijouterie, wo die Stücke ein Vielfaches kosten, herrscht Hochbetrieb.

Zwischen zahlreichen Kinderwagen mäandriert ein schwules Pärchen Richtung Globus, einen kleinen Fernseher unter dem Arm. Aus den Lautsprechern sprudelt «Gloria in Excelsis Deo», das Atrium ist mit funkelnden Christbäumen behangen, sie schweben in der Luft. Darunter, auf einem eigens für die Weihnachtszeit errichteten Eisfeld, tummeln sich zahlreiche Väter mit ihren Kindern. Wo sind die Mütter, fragt man sich unweigerlich? Sie stehen im Unterwäschegeschäft und fummeln an Miederwaren herum. Ein paar Meter weiter dreht sich ein Karussell um einen gigantischen Christbaum. Die Kinder freuts, rings herum chillen Mamas und Papas.

Endlich: Die shoppende Masse

Vorbei am voll gestopften Apple-Laden betrete ich den Globus und erst hier finde ich, weswegen ich gekommen bin: shoppende Massen. Die Haushaltsabteilung gleicht einem Ameisenhaufen. Kaum ein Artikel, der heute hier nicht Absatz findet, vielleicht mit Ausnahme des «Schokoladebrunnens». Der Kreditkartenleser läuft heiss, die Verkäuferinnen greifen alle zwei Sekunden zum Seidenpapier und wickeln und wickeln.

Das Klischee stimmt übrigens, es werden zu Weihnachten wirklich Pyjamas gekauft. Ein Mann trägt einen Tannenbaum durch die Bettwarenabteilung und erwischt im Vorbeigehen eine Kuscheldecke aus Schwarzbärenfell. «Pass uf!», schreit seine Angetraute. Und während ich die Szene beobachte, kollidiert ein Kinderwagen mit meinem Schienbein.

Flucht in einen leeren Kleiderladen. Die Verkäuferin lässt mich wissen, dass ich sie bloss rufen solle, wenn ich was brauche. Mit ihren beiden Kolleginnen steht sie gelangweilt neben der Kasse. Keine Kundschaft. Und das, obwohl die drei extra eine kleine Apéro-Ecke mit Moscato und Chips eingerichtet haben. Doch man bietet mir nichts an, also ziehe ich beleidigt davon.

Noch mehr Menschen, noch mehr Geschrei. Und der Blutzuckerspiegel sinkt auf einen gefährlichen Tiefstand. Ab ins Migros-Restaurant, das heute auf der Leuchtschrift «Migr» heisst, O und S scheinen freizuhaben. Ein Alpenkräutertee soll mich wieder aufpäppeln. Doch bei der Sitzplatzsuche wiederholen sich die Szenen im Parkhaus. Das Pärchen neben mir isst gestaffelt: Erst hat er sich was geholt, dann geht sie, während er kaut. Einen Tisch, den man ergattert hat, setzt man eben nicht leichtfertig aufs Spiel.

Nach der körperlichen folgt ein Besuch bei der geistigen Nahrung: Bücher; unter einen Christbaum gehören Bücher. Ruhig blättert die Kundschaft in Kochbibeln oder stöbert in den Geschenkecken. Ein älteres Ehepaar scannt die Esotherik-Abteilung. Sie blättern in «Die Jahrtausendlüge». Doch das Buch wandert zurück ins Regal. So kurz vor dem Weltuntergang lohnt sich eine derartige Neuanschaffung nicht.

Aufgebrauchte Nerven

Zwei Stunden nach Ankunft sind die Nerven aufgebraucht. Kurz vor einem Panikanfall hole ich noch schnell im Globus einen Panettone für meine Redaktionskollegen. Ich bin ja, wie gesagt, gegen Sonntagseinkäufe, aber wenn man schon einmal hier ist . . .

Es soll übrigens keinesfalls der Eindruck entstehen, Sonntagseinkäufer seien ruchlose Egoisten. Sie haben durchaus ein Herz für das geschundene Verkaufspersonal. Ein Kunde demonstriert gar grösstmögliches Einfühlungsvermögen, als er zum Verkäufer an der Migros-Kasse sagt: «Es ist schon eine Sauerei, dass Sie am Sonntag arbeiten müssen.» Dann steckte er die Einkäufe in seine Tasche und zieht von dannen.