Kräutersegnung
Wie man mit Kräutern den Blitz abwehrt

Warum am Wochenende die Katholiken mit Sträussen in den Gottesdienst gehen.

Gabriele Heigl
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Die Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr und ihre Schwestern tun sich besonders leicht beim Sammeln der Pflanzen für die Sträusschen: Die Klostergärten halten alle nur erdenklichen Heilkräuter bereit. Fotos: Katja Landolt, GettyImages, Keystone

Die Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr und ihre Schwestern tun sich besonders leicht beim Sammeln der Pflanzen für die Sträusschen: Die Klostergärten halten alle nur erdenklichen Heilkräuter bereit. Fotos: Katja Landolt, GettyImages, Keystone

Katja Landolt

Es müssen sieben sein oder auch neun, Eifrige verlegen sich auf 12, 24, 72 oder gar 99 verschiedene Sorten. Die Rede ist von der Anzahl der typischen Kräuter, Blumen und Getreidesorten, die für die Kräutersegnungen anlässlich des Kirchenfests Mariä Himmelfahrt vom 15. August gesammelt, zum Strauss gebunden und zur Segnung in den Gottesdienst getragen werden.

Katholische Bräuche umgibt stets viel Magisches. Ob Engelamt oder Frauentragen im Advent, Haussegnung an Epiphanie oder Blasiussegen gegen Halskrankheiten im Februar, ob Palmprozessionen oder Flurumgänge an Ostern – für Aussenstehende klingen sie geheimnisvoll und ein wenig weltfremd. Einer der schönsten Bräuche ist die Kräutersegnung an «Maria Würzweih» oder dem «Büschelfrauentag», wie Maria Himmelfahrt früher genannt wurde. Denn zur Feier des Festes stehen Gärten und Felder in voller Blüte, man muss nur rausgehen und aus der Fülle sammeln. Nur: Die richtige Anzahl muss es sein, damit sich der Strauss als segensreich erweisen kann, und dabei spielt eben auch die Zahl Sieben als alte heilige Zahl eine Rolle

Blumenduft aus dem Grab

Wie alle katholischen Traditionen ist auch diese sehr alt. Seit dem 10. Jahrhundert sind die ersten Kräutersegnungen überliefert. Entwickelt hat sich der Brauch aus ursprünglich heidnischen Anfängen und aufgrund mehrerer Legenden, die sich rund um die Gottesmutter ranken. Eine besagt, dass Maria von den Aposteln vor den Toren Jerusalems begraben wurde. Als diese das Grab später besuchten, fanden sie aber keinen Leichnam, sondern an der Stelle des Grabes wuchsen duftende Blumen und Kräuter, die einen intensiven Duft verströmten.

Für jene, die sich ihren Glauben bewahrt haben, verspricht der Strauss mit seinen starken Heilkräften für Schutz und Segen in Haus und Hof zu sorgen. Unter dem Dachboden aufgehängt soll er vor Blitzschlag schützen, unter dem Kopfkissen das Eheglück und die Fruchtbarkeit, im Viehfutter die Gesundheit der Tiere und im Kochtopf die des Menschen fördern. An besonderen Tagen oder Anlässen wie Neujahr, bei Krankheit oder Gewitter kann ein Teil der Buschen geräuchert oder ins Herdfeuer geworfen werden. Man kann einen Teil aber auch als besonders heilsamen Tee trinken.

Gelebter Brauch

Eine Umfrage in den katholischen Pfarreien der Region hat ergeben, dass auch die hiesigen Gläubigen diesen Brauch gerne leben. Aus der Kirche St. Josef in Schlieren etwa ist die Kräutersegnung nicht wegzudenken. Pfarrer Kurt Vogt: «Das ist eine alte Tradition in Schlieren, die die Leute sehr gerne haben. Ich weiss, dass sie sie vermissen würden, wenn es sie nicht mehr gäbe.» Und auch Pfarrer Max Kroiss von der Kirche Hl. Bruder Klaus in Urdorf setzt auf den Brauch: «In unserer Pfarrei gibt es jedes Jahr eine Kräutersegnung. Am Samstag vor Mariä Himmelfahrt treffen sich Frauen aus unserer Pfarrei und binden kleine Kräuterbüschel, die am Sonntag in der Messe gesegnet und nach dem Gottesdienst an die Gläubigen verteilt werden. Man sagt den gesegneten Kräutern besondere Wirkungen nach, sie sollen heilen und beschützen.»

Dieses Vertrauen in die Heilkraft ist so verwunderlich nicht, sind doch Kräuter vertreten, deren Heilwirkung allesamt von der Naturwissenschaft nachgewiesen ist, etwa Alant, Johanniskraut, Wermut, Beifuss, Schafgarbe, Kamille, Baldrian, Spitzwegerich, Rainfarn, Frauenmantel, Minze und Eisenkraut. In dem Wunsch, Böses von Haus und Hof abzuwenden, wurden früher in manchen Regionen in die Kräuterbuschen so viele Alantblüten eingebunden, wie Menschen, Kühe und Pferde auf dem Hof lebten. Krankem Vieh wurden sie ins Futter gemischt, oder man warf zum Schutz vor Blitzschlag bei Gewitter Kräuter ins offene Feuer. Mit ihnen aufgebrühter Tee soll besonders heilsam sein. Und wem der Glaube an all das fehlt, den können die Sträusse an die Heilkraft erinnern, die Gott den Pflanzen verliehen hat.

Besondere Bedeutung hat der Brauch für das Kloster Fahr. Priorin Irene Gassmann: «Seit ein paar Jahren bereiten die Schwestern Kräutersträusse zu, welche im Gottesdienst gesegnet werden, und die die Leute dann mit nach Hause nehmen können. Die Gottesdienstbesucher schätzen dies sehr.» Da der 15. August in der Region kein Feiertag sei, sei es schwierig, zu sagen, wie viele Leute kommen werden. Da aber die Gottesdienste in Kloster Fahr immer gut besucht seien, werde man vorbereitet sein: «Die Gartenschwestern werden rund 50 Sträusse binden», so die Priorin.

Glaube an segensreiche Wirkung

Auch für sie persönlich hat der Brauch einen Stellenwert: «Ich selber hänge jeweils dann auch ein gesegnetes Kräutersträusschen in meinem Zimmer auf. Es ist für mich vor allem eine Erinnerung an diesen Festtag und die vielen Heilkräuter, die während des Frühjahrs und Sommers in unserem Garten wachsen.»

Damit hält sie es wie die meisten anderen Gläubigen auch, die die gesegneten Kräutersträusse in ihren Häusern meist im «Herrgottswinkel» aufhängen oder zum Kreuz stecken, auf dass diese dort ihre segensreiche Wirkung entfalten.

Wer weder mit Herrgottswinkel noch mit gesegneten Kräutersträussen etwas anfangen kann, dessen Herz erwärmt sich vielleicht bei anderen «Kräutern» aus dem Hause Gottes. Priorin Irene: «Für uns hat die Kräutersegnung eine lange Tradition, schon von daher, weil wir Kräuter in unseren Gärten anpflanzen, aus denen wir auch Produkte für die Apotheke herstellen. So werden seit je her immer auch Kräuter gesegnet, die dann für unsere Kräuterbrände wie Goldwasser, Rotgeist und Schlagwasser verwendet werden.»

Wo gibt es Kräutersegnungen?

Urdorf Zwei Mal Kräutersegnung vor Mariä Himmelfahrt: zu den Eucharistiefeiern am Samstag, 13. August, 18.30 Uhr und am Sonntag, 14. August, 9.30 Uhr.

Schlieren Findet statt zur Eucharistiefeier am Sonntag, 14. August um 11 Uhr.

Kloster Fahr Die Kräutersegnung findet am eigentlichen katholischen Feiertag, Montag, 15. August, um 9.30 Uhr im Rahmen einer Eucharistiefeier in der Klosterkirche statt.