Schlieren
Wie Kurt Breitenmoser 1963 mit einem Wal die Deutschen entzückte

Mit einem präparierten Finnwal reiste Kurt Breitenmoser im Sommer 1963 durch Deutschland. Die Wal-Tour, welche heute womöglich lautstarke Proteste hervorrufen würde, war damals eine echte Sensation.

Daniel Diriwächter
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Der Mann, der mit dem Wal reiste
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Kurt Breitenmoser half beim Einlass.
Auch ein grosses Plakat machte auf Jonas aufmerksam.
So sah die Wanderausstellung 1963 aus.

Der Mann, der mit dem Wal reiste

ZVG

«Grüezi, ich fuhr mit einem Wal durch Deutschland», sagte die Stimme am Radio und die Moderatorin, die sich bei der Hörerschaft nach speziellen Tier- und Zirkuserlebnissen erkundigte, musste schon genauer nachfragen, was der Herr am Telefon genau meint. Am anderen Ende der Leitung sprach Kurt Breitenmoser aus Schlieren, der sich durch den Aufruf von Radio SRF wieder im Sommer 1963 wähnte und seine Erinnerung kurz preisgab.

«Ich arbeitete damals als Chauffeur, suchte aber auch etwas Freiheit und meldete mich auf ein Inserat einer Konzertagentur, in dem stand «Gesucht: Chauffeur in Schausteller-Unternehmen in Deutschland», sagt Breitenmoser später gegenüber der Limmattaler Zeitung.

Doch es war nicht etwa ein Karussell oder ein Riesenrad, das auf ihn wartete, sondern Jonas, der Finnwal. Kein lebender, sondern ein mit rund 7000 Litern Formalinlösung präparierter Kadaver, der damals in zahlreichen europäischen Städten zur Schau gestellt wurde.
Der 20 Meter lange Wal wurde 1952 ausschliesslich zu diesem Zweck im Meer bei Norwegen erlegt und bezog daraufhin sein für ihn konstruiertes Sattelfahrzeug, dem damals längsten der Welt. Entsprechend wurde der Wal als «grösstes Tier der Welt» und als «einmalige naturkundliche Sehenswürdigkeit» angepriesen.
Und Breitenmoser hatte im Sommer 1963 die Aufgabe, eines der Fahrzeuge aus dem Tross von Jonas zu fahren.

Ein eingespieltes Team

Für Breitenmoser, der in Zürich Seebach aufgewachsen ist und die landwirtschaftliche Schule absolvierte, begann eine aufregende Zeit. «Wir waren etwa ein Dutzend Mitarbeiter, darunter zwei Frauen, und die meisten wurden wie ich nur für eine Saison angestellt», sagt er. Vom Fleck weg waren sie ein eingespieltes Team, auf das ein intensiver Tourneeplan wartete. «Es war eine tolle Zeit mit diesen Leuten und wir haben viel miteinander gelacht», sagt Breitenmoser.

Und das Publikum war fasziniert vom Wal und der Inszenierung, die mittels einem Tonband über die Geschichte von Jonas informierte. Dabei blickten sie im Prinzip nur auf eine leere Hülle, denn die Eingeweide und Organe wurden bei der Präparation entfernt. Stattdessen befand sich im Innern des Wals ein stählernes Traggestell, um die gewaltige Masse aufrecht zu halten. Durch eine Bodentür im Sattelfahrzeug konnten die Angestellten in das Walinnere gelangen, wo acht grosse Verdampfer einer Kältemaschine bei Bedarf dafür sorgten, dass der Körper auch bei hohen Temperaturen kühl blieb.

«Es war eine tolle Zeit mit diesen Leuten und wir haben viel miteinander gelacht.» Kurt Breitenmoser

«Es war eine tolle Zeit mit diesen Leuten und wir haben viel miteinander gelacht.» Kurt Breitenmoser

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Die Schausteller-Truppe besuchte in diesem Sommer eher kleinere Städte wie Heidelberg oder Kassel und war sich so der vollen Aufmerksamkeit sicher. «Wir blieben meistens nur einen Tag, und nachts, nach dem Abbau, sind wir zum nächsten Ort gefahren», sagt Breitenmoser. Wegen der Länge des Sattelfahrzeugs wurde das Gefolge zusätzlich von der Polizei begleitet. Breitenmoser selbst fuhr ein umfunktioniertes Postauto, das Kojen, eine Küche, das Kassenhäuschen und sogar ein Büro beherbergte. «Ich musste aber nicht nur fahren, sondern half auch beim Postkartenverkauf und bei der Kartenkontrolle am Eingang.»

Ein faszinierender Gegenstand

Heute wäre eine solche Wanderausstellung undenkbar und würde eine ganze Reihe von Gegnern auf den Plan rufen. Aber damals war sie eine Sensation und Jonas war nicht der einzige seiner Art. Laut einer Sonderedition der Zeitschrift «Fluke», einem Wal-Magazin für Sammler und Historiker, waren zwischen den 1950er- und den 1970er-Jahren neben Jonas noch zwei weitere Wale zu besichtigen: Goliath und Mrs. Haroy, deren Weg auch in die Schweiz führte. Und bereits um die Jahrhundertwende gab es laut Fluke einige Wal-Schaustellungen oder auch Wal-Zirkusse.

Was aus dem Tier geworden ist, weiss Breitenmoser nicht genau. «Obwohl Jonas unseren Alltag dominierte, hatte ich mit dem Wal keine persönliche Beziehung oder etwas in der Art. Für mich war Jonas einfach ein faszinierender Gegenstand», sagt er. Als sein Vertrag Ende des Sommers auslief, zog es ihn wieder zurück in die Schweiz und andere Jobs und Aufträge warteten, die schliesslich zu seinem eigenen Unternehmen führten, der Breitenmoser Transport AG.

Eine lange Tournee

Sicher ist, dass die Tournee für den Wal weiterging und ihn bis nach Japan und Afrika führte, wie das Magazin «Fluke» weiter verrät. Ende der 1970er Jahre wurde Jonas dann eingelagert. 2008 soll er für ein paar Tage wieder in London ausgestellt worden sein und zwei Jahre darauf konnte der präparierte Kadaver auf Ebay ersteigert werden, wie «Fluke» schreibt.

Für Breitenmoser, der seine Firma verkaufte und heute einen Getränkehandel führt, ist das nicht von Interesse, er erinnert sich aber gerne an das damalige Abenteuer und insbesondere an sein Team. «Leider ist der Kontakt zu den Leuten schon lange abgebrochen», sagt er. Auf die Suche nach seinen Mitstreitern macht er sich nicht, denn was den Sommer damals wirklich ausmachte, sei nicht eine bestimmte Person gewesen, sondern die Konstellation aller Beteiligten, wie der heute 76-Jährige sagt. So steht für Breitenmoser der Wal Jonas, das «grösste Tier der Welt», für eine unvergessene Schicksalsgemeinschaft, die es so nicht mehr geben wird.

Finnwale sind eine gefährdete Art

Der Finnwal ist eine Art der Furchenwale und nächster Verwandter des Blauwals, heisst es auf Wikipedia. Finnwale sind in allen Ozeanen verbreitet. Erwachsene Männchen werden auf der Nordhalbkugel 18 bis 24 Meter und auf der Südhalbkugel 20 bis 27 Meter lang. Weibliche Tiere sind etwas grösser, aber dafür mit ungefähr 40 bis 70 Tonnen gleich schwer.

Dass der 1952 präparierte Finnwal mit dem Namen Jonas bei seinen damaligen Besitzern auch ernste Gedanken zuliess, lässt die damals verteilte Broschüre «Jonas, der Riesenwal» erahnen. Zum Schluss des mit Zeichnungen illustrierten Textes wird kurz auf die Ausrottung der Finnwale eingegangen, mit dem Hinweis, dass die hohen Kosten für eine Jagd den Wal schliesslich vor dem Aussterben schützen würden.
Das Gegenteil traf ein, der Walfang nahm zu, bis die Bestände des Finnwals nahezu geplündert waren. 1986 stellte die internationale Walfangkommission den

kommerziellen Fang ein.
Die American Cetacean Society ging 2003 von etwa 15 000 Finnwalen auf der Südhalbkugel und 40 000 Finnwalen auf der Nordhalbkugel aus.
Im Oktober 2006 wurde die Jagd von der isländischen Regierung wieder aufgenommen. Finnwale gelten heute als stark gefährdete Art. (ddi)