Endrit sieht besorgt aus. Gemäss der Ansage «Alle Kinder sind auf dem Tisch» müsste er eigentlich auf den einzigen Tisch im Raum klettern. Doch dieser ist bereits voll besetzt. Erst nachdem ein Knabe zur Seite rutscht, findet auch Endrit noch ein Plätzchen, das er strahlend einnimmt. «Ist der Tisch hart oder weich?», fragt nun Logopädin Deborah Meier und klopft mit der Hand auf den Tisch. «Hart!», jubeln die Kinder im Chor, bevor sie jauchzend vom Tisch klettern und zu Musik durchs Zimmer rennen.

Synergien nutzen

«Das Schöne an unserer Stunde ist, dass Kinder, die sonst eher zurückhaltend sind und im Kindergarten manchmal untergehen, hier ihren Platz finden», sagt Psychomotorik-Therapeutin Claudia Wittmann. Sie hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Deborah Meier das Projekt «Sprach- und Bewegungsförderung» ins Leben gerufen, das die Arbeit der beiden Frauen kombiniert. «Aufgrund unserer Erfahrungen und Gespräche miteinander haben wir realisiert, dass wir den Zusammenhang zwischen der Sprach- und Bewegungsentwicklung nützen können», sagt Deborah Meier. So habe man schliesslich beschlossen, in einer Art Pilotprojekt Kindergartenkinder zu fördern, die Schwierigkeiten in beiden Bereichen hätten.

Eine Pionierleistung

Diese Kombination ist nicht nur für die Logopädin und die Psychomotorik-Therapeutin Neuland: In der Wissenschaft sind die positiven Effekte der Verknüpfung von Sprache und Bewegung zwar bekannt. Doch bisher kennen die beiden Frauen keine andere Schule, welche die Theorie auch in einem konkreten Projekt umsetzt. «Die Dietiker Schule war sehr offen für die Idee und bringt uns ein grosses Vertrauen entgegen», sagt Claudia Wittmann. «Das schätzen wir sehr.»

Dass die Idee nicht nur gut ist, sondern auch funktioniert, zeigt sich an jenem Nachmittag im Schulhaus Zentral. Von der von den Therapeutinnen erwähnten Zurückhaltung ist bei den acht Kindergartenkindern wenig zu spüren. Sie tanzen, sie lachen, sie rennen, sie reden, sie klettern und turnen. Und sie lassen sich leicht für eine neue Idee begeistern. Als ihnen eröffnet wird, dass sie an diesem Nachmittag Feuerwehr spielen dürfen, bricht lauter Jubel aus. Bald schon ist der Raum mit emsiger Aktivität gefüllt.

Auf ihrem Parcours rutschen die Kinder eine Stange hinunter, ziehen sich einem Seil entlang, schlüpfen durch eine Stoffrolle und balancieren über eine Brücke. Dass einige dieser Kinder noch vor ein paar Monaten nur mit Überwindung einen Sprung von einer Matte schafften, kann man kaum glauben.

Prävention statt Therapie

«Die Kinder haben enorm viele Fortschritte gemacht», sagt Claudia Wittmann. Sicher dürfe man dies zumindest teilweise als Erfolg der gezielten Sprach- und Bewegungsförderung verbuchen, ergänzt Deborah Meier. Erstaunt sei sie darüber aber nicht: «Es macht enorm viel Sinn, die beiden Themen zu kombinieren, da sie so nahe beieinanderliegen.» In beiden Bereichen gehe es hauptsächlich darum, etwas auszuprobieren, erklärt Claudia Wittmann. So würden die Kinder in einem geschützten Umfeld Bewegungsabläufe testen und dann darüber sprechen. «Damit eignen sie sich schnell mehr Selbstvertrauen an und durchlaufen teilweise eine steile Lernkurve», erzählt Claudia Wittmann. Nicht zuletzt könne man damit in manchen Fällen eine spätere Therapie vermeiden.