Limmattal
Wie im Limmattal im Kriegsfall Patienten behandelt werden

Die geschützte Operationsstelle unter dem «Limmi» ist eines von 13 geschützten Spitälern im Kanton Zürich. Die Anlage ist «inaktiv» und kommt nur im Kriegsfall zum Einsatz - ein Blick hinter die Kulissen.

Nicole Emmenegger
Merken
Drucken
Teilen
Die Generatoren (Fotos: Nicole Emmenegger)
9 Bilder
Die Maschinen
Kriegsbetrieb
Das Nottelefon
Feldbetten
Die Küche
Ein Spitalbett
Impressionen vom Untergrund-Spital in Schlieren
Puppen zum Üben

Die Generatoren (Fotos: Nicole Emmenegger)

Limmattaler Zeitung

«Kriegsbetrieb – nicht berühren» steht auf einem roten Schild, das an einem Diesel-Generator befestigt ist. Die kühle Bunkerluft und die in militärischen Grau- und Grüntönen gehaltenen Böden, Wände und Metallschränke wirken bedrückend. Wir befinden uns im Kalten Krieg – genauer: in der geschützten Operationsstelle (GOPS) unter dem Spital Limmattal, die Zeugin dieser Zeit ist.

Die 1380 Quadratmeter grosse Anlage wurde 1987 zusammen mit dem Pflegezentrum erbaut. Im Kriegsfall oder bei einer Katastrophe könnten hier in zwei Operationssälen Verletzte und Kranke behandelt werden. 250 Betten stehen für Patienten bereit, 36 Betten für das medizinische Personal. Drei Pflegerinnen müssten sich je eine Liegestelle teilen – so steht es auf einem mit Schreibmaschine getippten Informationsblatt beim Eingang der GOPS.

Ein Labyrinth aus Gängen

Von dort aus führt eine lange Betonrampe nach draussen in den Spitalpark. Falls das oberirdische Spitalgebäude zerbombt wäre, würden die Patienten mit Rollstühlen oder Tragen über die Rampe in das unterirdische Spital transportiert. «Die Anlage könnte völlig autonom vom restlichen Gebäudekomplex funktionieren», sagt René Halbherr, Sicherheitsbeauftragter und Leiter Technischer Dienst des Spitals Limmattal. Er führt die Besucherin durch ein Labyrinth von Räumen und Gängen zur Küche, zum Röntgenraum, ins Labor und später zum Technikbereich der GOPS. Hier stehen blau gestrichene Tanks, die 200000 Liter Wasser speichern können. 13000 Liter Öl stehen für den Betrieb des Diesel-Generators bereit. Ohne Öl-Nachschub liefert dieser 14 Tage lang Strom für Licht, für medizinische Geräte oder für die Lüftung. Breite Kupferrohre schützen die elektrischen Leitungen und Geräte vor einem möglichen Atomblitz.

«Das letzte Szenario»

Eine Katastrophe von ähnlichem Ausmass wäre Voraussetzung, damit die geschützte Operationsstelle überhaupt zum Einsatz käme. «Es müsste schon etwas ganz Verrücktes passieren. Die Benutzung der GOPS ist un-ser letztes Szenario», sagt Halbherr. Bei einer zivilen Katastrophe – etwa bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe oder bei einer Zugkollision – würden vorerst die sechs regulären Operationssäle des Spitals auf Hochtouren laufen.

Zusätzliches Personal würde über einen Alarmserver aufgeboten, zeitlich weniger dringende Operationen würden verschoben. «Solche Szenarien haben wir zum Beispiel vor der Fussball-EM im Jahr 2008 geübt», erzählt Halbherr.

Die notfallmässige Verlegung des Spitals in die GOPS, die laut Vorschriften innert 60 Stunden komplett einsatzbereit sein müsste, sei hingegen noch nie geprobt worden. «Eine solche Katastrophen-Übung würde den Spitalbetrieb zu stark beeinträchtigen. Zudem ist die politische Lage heute total anders als in den 80er-Jahren», sagt Halbherr.

«Hier geht es um Kriegsmedizin»

«Glücklicherweise», denkt die Besucherin beim Anblick der Liegeplätze für die Patienten. Je vier 60 Zentimeter breite Betten werden von einem weissen Metallgerüst zusammengehalten – zwei Betten oben, zwei unten. Die Gerüste stehen dicht an dicht, kein Platz für Nachttische, kein Platz für Blumenvasen.

Im nächsten Raum bilden nur je zwei Betten eine Einheit: «Die Abteilung für Privatversicherte», scherzt René Halbherr und fährt in ernstem Ton fort: «Hier unten geht es um Kriegsmedizin, um Notversorgung.» Beim Blick ins sauber geputzte Labor und in die Apotheke, wo leere Schubladen und Kühlschränke darauf warten, mit Medikamenten und medizinischen Instrumenten gefüllt zu werden, fügt er an: «Auf Haiti oder in Afghanistan würden sich manche Spitäler solche Umstände wünschen.»

Reanimations-Kurs im Bunker

Obwohl man es aufgrund des alten Telefons mit Gabelhörer in einem der Räume vermuten könnte: Zu einem leblosen Museum ist die GOPS des «Limmi» nicht verkommen. Im Nebenzimmer eines Operationssaals liegen Gusti und Anna am Boden – zwei von mehreren Plastikpuppen. «Hier werden regelmässig Reanimations-Kurse für das Spitalpersonal durchgeführt», sagt Halbherr, während er schon die nächste Türe aufstösst.

In weiteren Zimmern zeugen rote Gartentische, Kartonschachteln und Rollstühle davon, dass Teile des Spitalbunkers auch als Materialzwischenlager dienen. «Ich kontrolliere, dass die Dinge nicht zu lange liegen bleiben», so Halbherr. Für interessierte Spitalangestellte macht der Sicherheitsbeauftragte sogar ab und zu Führungen durch die GOPS. «Auf diese Weise lernen die Angestellten die Anlage kennen. Das ist besser, als wenn man sie abschliessen und vergessen würde.»

Auch wenn heute grosse Teile der geschützten Operationsstelle ungenutzt vor sich hin dämmern: Am Tag X könnten Ärzte, Pflegende und Patienten hier Schutz suchen müssen. Damit die Anlage im Ernstfall technisch funktioniert, wird sie von Experten des Kantons alle sieben Jahre kontrolliert. Für die Wartung ist der Technische Dienst des «Limmi» zuständig: den Diesel-Generator laufen lassen, die Kalkspuren in den Ausgussbecken reinigen, aufgeplatzte Fugen reparieren. Laut Halbherr benötigt sein Team für diese Arbeiten durchschnittlich einen Tag pro Monat.

Kurz vor der Jahrtausendwende wurde ein Teil der GOPS für den Notfall gerüstet, wie Halbherr erzählt: «Ich füllte die beiden Wassertanks – als Notreserve für das Spital, falls der befürchtete Millennium-Computer-Crash die Wasserversorgung lahmgelegt hätte.» Die Zeiten, als die Bedrohung für die Zivilisation zwingend aus dem kommunistischen Osten kam, sind im 21. Jahrhundert vorbei.