Sie kamen zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Rollator. Zahlreich sind die Mitglieder des Dietiker Seniorenrats zum gestrigen Vortrag der Historikerin und Buchautorin Heidi Witzig im Stadthaus erschienen. Die Mitgründerin des Netzwerks Grossmütterrevolution sprach frei über das Alter. So sprach sie zum Beispiel über das aktuelle und frühere Verhältnis zwischen Alt und Jung. Oder über die gestiegene Lebenserwartung und was diese in einem reichen Land wie die Schweiz für Konsequenzen mit sich bringt.

«Heute sind wir im Alter selbstbestimmter. Wir haben öfter die Wahl und die Macht, über unsere eigene Zukunft zu entscheiden. Wir sind in einer Pioniersituation! Früher, im 19. und anfangs des 20. Jahrhundert war man abhängig vom Familienverband – es gab ja keine andere Wahl», sagte Witzig. Sie erinnerte die Hörerschaft daran, dass die AHV relativ spät eingeführt worden sei – erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mit der finanziellen Unabhängigkeit veränderte sich das Leitbild der Senioren. «Das war eine Zäsur. Ab den 1950er- und 1960er-Jahren hatten Senioren Recht auf einen Lebensabend und wurden in den Ruhestand geschickt.» Mit den AHV-Renten nach der Pensionierung kam die Möglichkeit, ein Erbe zu hinterlassen – und mit dem Kontostand stieg die Souveränität der Alten gegenüber den Jungen.

Heutzutage werden Senioren in Kategorien wie AHV-Teenager – Damen und Herren zwischen 65 und 73 Jahren – und Golden-Ager, die sogenannten fitten jungen Alten ab 50 Jahren, eingeteilt. Sie seien als kaufkräftige Konsumentengruppe entdeckt worden. «Wir sind für die Kosmetika- sowie für die Versicherungsbranche attraktiv», sagte die Winterthurerin. «Der grösste Teil des Vermögens in der Schweiz liegt in der Hand der über 60-Jährigen.»

Gleichzeitig sei die Altersarmut hierzulande ebenfalls sehr hoch. «Vor allem ledige alte Frauen schämen sich, Ergänzungsleistungen zu beziehen», so Witzig. Damit kam sie zu einem politischen Thema. Und stellte unter anderem klar: «Diese Theorie, dass die Alten die Jungen verdrücken, stimmt nicht. Möglichkeiten, um unsere Sozialwerke zu finanzieren, sind da.» Aber allzu lange sprach sie nicht über die Politik.

Stattdessen munterte sie die Dietiker Damen und Herren auf, sich genau zu überlegen, was man will. Selbstbestimmt bleiben, im Leben und auch kurz vor dem Tod. Doch bevor es so weit ist, solle man nicht jammern und das Leben so gut wie möglich geniessen. Zum Abschluss sagte Witzig: «Es ist wichtig, das innere Feuer zu behalten – vor allem in unserem Alter. Ich wünsche Ihnen viel Freude.»