Eiskunstlauf
Wie eine Schlieremerin ihren Olympia-Traum begraben musste – und dennoch nicht aufgab

Enikö Vasas gehörte einst zur Eiskunstlauf-Elite der Schweiz, den Traum von der Olympiateilnahme musste sie aber begraben. Vom Eiskunstlaufen ist sie trotzdem nicht losgekommen: Heute ist sie Trainerin beim Schlittschuhclub Winterthur.

Christian Tschümperlin
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Enikö Vasas erweckt bei «Kids on Ice» Fräulein Rottenmeier zum Leben.

Enikö Vasas erweckt bei «Kids on Ice» Fräulein Rottenmeier zum Leben.

Christian Tschümperlin

Enikö Vasas ist eine von rund 30 Eiskunstläuferinnen, die an diesem Morgen ihre Bahnen in der Eishalle Winterthur ziehen. Aus den grossen, schweren Musikboxen an der Decke wimmern abwechslungsreiche Kinderlieder von Andrew Bond. Mit viel Taktgefühl reagieren die Athletinnen auf die abrupten Stimmungswechsel.

Die Vorbereitungen für das Eiskunstlauf-Spektakel «Kids on Ice» laufen auf Hochtouren. Am 8. April werden Vasas und das Kader des Schlittschuhclubs Winterthur im Hallenstadion die Heidi-Geschichte inszenieren, gemeinsam mit 200 weiteren Eiskunstläuferinnen des Vereins und ebenso vielen Stepptänzerinnen aus der ganzen Schweiz. Seit Ende Januar schlüpft die Schlierenerin deshalb dreimal die Woche in ihre Schlittschuhe und in ihre Rollen als Eisläuferin und Trainerin.

Es erklingt der Refrain und eine Frauenstimme singt: «Komm zeigt eure Hände, die Fingernägel auch, steht schön gerade, spannt euren Bauch.» Vasas tanzt vor, eine Gruppe ihrer Schützlinge macht es nach. «Sie hat einen Soloauftritt als Fräulein Rottenmeier», kommentiert eine Läuferin. Es handle sich um die Szene, wo Heidi in Frankfurt bei Klara ist und nicht weiss, wie sie sich am Tisch benehmen muss.

Später wird Vasas gestehen, dass ihr die Rolle anfänglich komisch vorkam. «Die gebieterische Art von Fräulein Rottenmeier drückt sich in harten Gesten aus», sagt sie. Ihr Naturell liege eher in geschmeidigen Bewegungen. «Aber ich versuche, mich mit der Rolle und der Musik zu verbinden, völlig darin aufzugehen und das Publikum mitzuziehen», sagt sie.

Vasas schert aus der Gruppe aus. Ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht. Dann dreht sie. Sie dreht und dreht und dreht. Rings um sie herum flitzen nun die Heidis und die Hühner. Bereits die kleinen Wirbelwinde stehen selbstsicher auf den Beinen. Ab und zu fällt ein Kind hin und rappelt sich blitzschnell wieder auf.

«Ich freue mich auf die Hauptprobe», sagt Vasas nach dem Training. Die Choreografie sitzt. «Für uns Einzelläuferinnen besteht jetzt die Herausforderung noch darin, synchron zu bleiben.»

Die 26-Jährige trägt einen goldenen Schlittschuh um den Hals. «Das ist der goldene Heuried-Schlittschuh», sagt sie. Den habe sie als Zwölfjährige an der Meisterschaft des Eislaufclubs Heuried gewonnen. «Ich trage ihn seither Tag und Nacht. Das war meine Saison», sagt sie. In jenem Jahr rangierte sie an den Schweizer Meisterschaften in der Kategorie Mini auf dem dritten Platz. Als sie später das Sportgymnasium absolvierte, fuhr sie sogar bei den Eliten immer in die Top 10.

Bis an die eigenen Grenzen

Vasas grosser Traum war es, eines Tages an die Olympischen Spiele zu fahren. Als sie ins Nationalkader aufgenommen wurde, schien der Traum zum Greifen nah. «Von allen im Nationalkader durfte aber jeweils nur die Erstplatzierte an die EM, die WM und zu den Olympischen Spielen», sagt Vasas. Anfänglich machte sie grosse Fortschritte. «Irgendwann war eine Stufe erreicht, die vom Körper vorbestimmt ist», sagt sie. Dann brauche es unglaublich viel Kraft, um noch ein bisschen weiter zu kommen. «Diese Kraft hatte ich nicht mehr», sagt sie.

Mit 21 schloss sie ihre Karriere mit einem sehr guten Wettkampf ab und kehrte dann dem Eiskunstlaufen für ein Jahr den Rücken. «Damals sagte ich mir: Trainerin werde ich niemals», so Vasas. Heute könne sie sich ein Leben nicht mehr vorstellen, in dem sie keine Trainings leite. «Die Arbeit mit dem Nachwuchs macht mir sehr viel Spass», sagt sie und fügt mit einem Augenzwinkern an: «Ich bin aber viel netter als Fräulein Rottenmeier, zumindest meine ich das.»