Man kann sich ihren Blicken nicht entziehen, schon gar nicht, wenn sie auf der Bühne stehen: In der jüngsten Bühnenadaption von «Matto regiert» des Schweizer Autors Friedrich Glauser sind viele der Akteure zwar lebensgross und ausdrucksstark, aber nicht menschlich: Es sind Puppen und sie sind in der Überzahl, dies dank der Theaterformation Dakar. Dahinter stehen die Bühnenkünstler Delia Dahinden, Anna Karger und Lukas Roth, die sich ganz dem Figurentheater verschrieben haben. Bei ihrer freien Interpretation des Wachtmeister-Studer-Klassikers teilen sie sich die Bühne mit verschiedenen Puppen. Und sie geben zu verstehen, dass sie dank dieser Figuren nicht alleine den verstörenden Geschehnissen innerhalb der psychiatrischen Klinik des Romans ausgeliefert sind.

Die Vorlage zeigt, dass Stücke mit Puppen und Menschen grösseren Spielraum haben, als gemeinhin angenommen wird. «Figurentheater kann auch für Erwachsene magisch sein», sagt Delia Dahinden, welche die treibende Kraft der Formation ist. Sie spielt nicht nur auf der Bühne mit, sondern kreiert ihre künstlichen Bühnenpartner gleich selbst. Die Liebe zu Puppen hatte sie schon als kleines Mädchen, als sie noch in Dietikon an der Bremgartnerstrasse wohnte. «Meine Puppen waren alle immer verschieden und bunt, deswegen hatte ich auch kein Interesse an den ausdruckslosen Barbies», so Dahinden.

Dass sie aber einmal mit Puppen auf der Bühne stehen sollte, hat sie damals nicht zu träumen gewagt. Aber die Bühnenkunst selbst faszinierte sie, sehr zum Unwillen der Eltern. «Ich dachte damals, dass ich kein Talent für die Bühne habe.» Also studierte sie zuerst Agronomie an der ETH Zürich. Es sollte aber nur ein Ausflug sein; Kunst und Kreativität machten schliesslich trotz Selbstzweifeln das Rennen – die Bühne hiess sie willkommen.

Wie Puppen funktionieren

Heute arbeitet die 58-Jährige als ausgebildete Schauspielerin, Regisseurin, Dozentin sowie als Theaterpädagogin. Ebenso ist der Flamenco ihre Leidenschaft, den sie unterrichtet. Und die Puppen spielen eine grosse Rolle: «Es war vor rund 30 Jahren, als ich mein erstes Puppentheater sah und ich war sofort hin und weg.» Es handelte sich dabei um eine Aufführung des australischen Künstlers Neville Tranter, einer Koryphäe der Szene. Es benötigte dennoch Jahre, bis sie sich der künstlichen Gestalten annahm. 2012 begann sie mit dem Bauen erster eigener Figuren; erste Produktionen folgten.

«Beim Gestalten meiner Figuren gehe ich sehr intuitiv vor, ich habe aber meist einen bestimmten Schauspieler als Vorbild im Kopf», sagt sie. Im Laufe des Prozesses entstehen dann neue Charakterzüge. Mit Schaumstoff kreiert sie die markanten Köpfe und für die Haut zieht sie Stoff darüber. Kleider und Perücken findet sie im Brockenhaus. Ebenso besuchte sie Kurse im Puppen- und Materialbau, denn eine Figur muss letztendlich funktionieren.

Dahindens Figuren sind sogenannte Klappmaul-Puppen – allein mit der Kieferbewegung lässt sich die Mimik erzeugen. Diese Art der Puppen stellt sie nicht nur für ihre eigenen Produktionen her, auch anderweitig sind sie gefragt: Für das Erfolgs-Musical «Mein Name ist Eugen» schuf Dahinden die «Erwachsenen», während die Kinder von realen Darstellern gespielt wurden. Publikum wie Kritiker waren begeistert.

Mit der Gründung von Dakar vor drei Jahren holte sie sich mit Anna Karger und Lukas Roth zwei Mitstreiter ins Boot, die ebenfalls von Puppen begeistert sind. «Ich hatte vorher zwar keine Erfahrung mit Figurentheater, aber ich habe immer Lust, etwas Neues auszuprobieren», sagt Roth, der ebenfalls als Schauspieler, Theaterpädagoge und Dozent arbeitet. Auch Anna Karger ist in ihrem Element. «Die neue Produktion ist ein totales Abenteuer», so die ausgebildete Tänzerin und Schauspielerin.

Sie erinnert sich gut an das erste Aufeinandertreffen mit Dahinden. «In der Theaterszene wird einem oft gesagt, dass man sich für ein Projekt unbedingt melden werde und dann hört man gar nichts. Bei Delia war das anders.» Gleich mit der ersten Produktion «Hin ist Hin», frei nach einem Roman von Ödön von Horváth, wusste das Trio zu begeistern. Sie erhielten den ersten Preis bei den Theatertagen Heidelberg und spielen das Stück bis heute – auch in Deutschland.

Geliebte Figuren

Das Trio ist ein eingespieltes Team, das sich gut in den Stoff von Glauser einleben konnte. Wer allerdings Klamauk erwartet, wird enttäuscht. Unter der Regie von Dorothee Metz werde man der Vorlage Rechnung tragen, so Dahinden. «Glausers Roman, 1935 geschrieben, hat Parallelen zu aktuellen Ereignissen und Personen, was auch in unser Spiel einfliesst, wenn auch nicht forciert», so Karger. Auf eine gewisse Leichtigkeit werde aber Wert gelegt.

Auf die Frage, ob man mit der Zeit auch Gefühle für die künstlichen Kolleginnen und Kollegen entwickle, antworten alle drei unisono mit Ja. «Man verliebt sich sogar in sie», so Karger. Dahinden selbst sagt freimütig, dass die Bindung zu den Puppen eng sei. Daher dürfen diese ihre «Theaterwelt» nicht verlassen. «Es sind keine Ausstellungsobjekte und auch keine Spielzeuge.» Mit Wehmut erinnert sie sich daran, als sie den männlichen Torso einer Puppe aus Versehen im Tram vergessen hatte – seither ist er verschollen. «Es macht mich traurig, dass er nie zurückgegeben wurde, denn es steckte viel Arbeit darin.» Heute wacht sie mit Argusaugen über ihre neuen Puppen, die schon bald das Licht der Bühne erblicken.