In zahlreichen Schlieremer Geschäften liegt sie auf und in vielen Arztpraxen kann sie unterschrieben werden. Die Rede ist von der Petition der Schwestern Susanne Porchet und Liliane Hagen, welche die Rettung der Blutbuche auf dem Zentrumsplatz verlangt. Auch diese Woche war für die Unterschriftensammler eine erfolgreiche, nähert man sich doch bereits der eindrücklichen Zahl von 3200 Signaturen. Warum der Baum im Stadtzentrum die Emotionen derart hochkochen lässt und daher zum Politikum heranwächst, hat drei Gründe.

Erstens sind Bäume ein hochemotionales Thema. Für viele stellen sie einen Kraftort mit mystischer Energie dar. Sie erinnern uns an Kletterspiele unserer Kindheit und sind ein Ort, wo viele ihre letzte Ruhe finden wollen – die Baumbestattungen boomen. Hinzu kommt, dass die Blutbuche im Stadtzentrum viele alteingesessene Schlieremer an ihr Dorf von früher erinnert. Als Schlieren noch überschaubar und familiär war. Dass sie in einem Dorf geboren wurden, nun aber in einer Stadt leben, sorgt bei einigen Einwohnern für Unbehagen.

Die Limmattalbahn, die für das Ende des Baums verantwortlich ist, steht für viele auch für die negativen Aspekte des Stadtwerdens wie etwa Dichte, Anonymität und Verkehr. Nach dem dörflichen Charakter nimmt uns die Bahn also auch noch die Blutbuche, so der Tenor. Mit dem Aufbäumen für den Erhalt der Buche schlägt ein Stück Hoffnung mit, das kleine Dorf – das es nicht mehr gibt – zurückzugewinnen. So wird in Leserbriefen und Online-Kommentaren eifrig darauf verwiesen, dass auch weitere Bäume der Limmattalbahn zum Opfer fallen werden und dass auch diesen eine Stimme gegeben werden muss. Ob solche Aussagen aber tatsächlich von wahren Baumfreunden gemacht werden, oder aber von Gegnern der Limmattalbahn stammen, ist offen.

Zweitens ist der Unmut in der Bevölkerung nicht über Nacht gewachsen, sondern staute sich seit einer Weile auf. Die beiden Schwestern Porchet/ Hagen setzen sich bereits seit zwei Jahren für den Erhalt des Baums ein, an diversen Infoveranstaltungen wurde die Fällung thematisiert. Auch GLP-Gemeinderat Andreas Kriesi unternahm im vergangenen Jahr mittels Vorstoss einen Rettungsversuch – erfolglos.

Doch bereits vor rund einer Dekade wurde der Baum aus dem Schutzinventar der Stadt entlassen, im Wissen darum, dass das Generationenprojekt Limmattalbahn dereinst das Gebiet kreuzen würde. Doch damals störte sich niemand daran, niemand erhob die Stimme dagegen. Der Zorn vieler Baumschützer dürfte auch gegen sich selber gerichtet sein. Sie sind wütend, dass sie nicht früher bemerkten, dass der Baum über kurz oder lang weichen muss und sie nichts dagegen unternommen haben.

Dass im kommenden Jahr Gesamterneuerungswahlen stattfinden, ist der dritte Faktor, der den Initiantinnen der Petition in die Hand spielt. So finden sich fast in allen politischen Lagern plötzlich grosse Baumfreunde. Gemeindepolitiker setzen sich in den Sozialen Medien lautstark für den Erhalt der Blutbuche ein, zeigen ihre Gesichter an den Kundgebungen oder planen politische Vorstösse. Auf diese Weise multipliziert sich das Interesse für den Baum. Wo blieben diese vielen Baumfreunde beim Vorstoss Kriesi? Warum wurde dieser nicht auf Facebook geteilt? Warum löste die stadträtliche Antwort, wonach der Baum nicht zu retten sei und aus seinem Holz allenfalls Sitzmöbel hergestellt werden sollten, keinen Aufschrei aus? Es gilt Acht zu geben, nicht den Anschein zu machen, opportunistisch zu agieren. Denn Opportunismus kommt bei den Wählern nicht gut an.

Für die Stadt ist die Causa Blutbuche – gelinde gesagt – ein Desaster. Dies, obwohl sie sich aus rechtlicher Sicht nichts zu Schulden hat kommen lassen. Doch unterschätzte man die Überzeugungskraft und Ausdauer der Baumfreunde. Was nun? Für eine Anpassung der Linienführung ist es nach langen Jahren der Planung, zwei kantonalen Abstimmungen und einer Baubewilligung des Bundes zu spät. Einzig eine Verpflanzung könnte die Blutbuche am Leben erhalten. Dass sich der Baum als gesund und robust und somit zur Verpflanzung bereit herausstellt und diese auch tatsächlich umgesetzt werden kann, bleibt nicht nur den Baumfreunden, sondern auch den Vertretern der Stadt zu wünschen.