Gleichstellung
Wie eine alt Kantonsrätin ihrer Tochter die Kunst des Ellbögelns lehrte

Alt Kantonsrätin Barbara Angelsberger hat ihrer Tochter Sarah Heldner die Kunst des Ellbögelns und die Selbstständigkeit mit auf den Weg gegeben. Am Tag der Frau äussern sie sich zu Durchsetzungsvermögen, Neotraditionalimus und Lohnungleichheit. Und sie sagen, wo es in Sachen Gleichstellung noch hapert.

Sophie Rüesch
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Sarah Heldner lebt Sohn Neel vor, dass Mami neben der Kinderbetreuung auch arbeitet. Schon ihre Mutter hat das getan.

Sarah Heldner lebt Sohn Neel vor, dass Mami neben der Kinderbetreuung auch arbeitet. Schon ihre Mutter hat das getan.

Die Generationenkluft geht gleich ganz zu Beginn auf: Auf ein zögerliches «Ja» der Tochter verneint die Mutter die Frage, ob sie sich als Feministin bezeichnen würde, vehement. Sie verwirft die Hände. «Nein, auf keinen Fall», sagt sie. Eine Feministin sei für sie eine Frau, «die Männer ablehnt, die will, dass es nur noch für die Frauen stimmt. So bin ich gar nicht.»

Doch es wird schnell klar: Es geht hier rein um die Begrifflichkeit — eine, die heute genau so belastet scheint wie damals, als Frauen noch ihre Männer unterschreiben lassen mussten, wenn sie arbeiten oder ein Konto eröffnen wollten, als Frauen noch nicht abstimmen durften. Als die meisten Frauen – die es sich leisten konnten – ihr Leben Haus und Familie widmeten und Abweichlerinnen als Emanzen beschimpft wurden. Oder als «Blaustrümpfe», wie sich Angelsberger erinnert. Als unweiblich wurden diese frühen Frauenrechtlerinnen taxiert, als extrem. Ihre Forderungen waren es aus heutiger Sicht nicht: Sie verlangten den Zugang zu Hochschulen und das Stimmrecht – heute Selbstverständlichkeiten.

Sarah Heldner versteht unter Feminismus etwas anderes: Wenn sie sagt, sie sei eine Feministin, meint sie, dass sie es befürwortet, Frauenanliegen auch mal in den Vordergrund zu rücken, um ein Gleichgewicht herzustellen, das heute noch nicht erreicht ist. Dort eingreifen, wo ein Korrektiv nötig ist. Ihre Mutter ist immer noch nicht überzeugt. «Dieser Begriff ist einfach falsch», sagt sie. Sie kämpft zwar, wie wohl die Mehrzahl der heutigen Feministinnen von sich behaupten würde, für die Gleichstellung der Geschlechter. Dennoch betont sie sehr eindringlich, dass ihr das auf keinen Fall als «Rachefeldzug gegen Männer» auszulegen sei – wie sie es im Wort «Feministin» noch mitschwingen hört.

Barbara Angelsberger, heute 63, war 20 Jahre alt, als sie zum ersten Mal an die Urne treten durfte – nicht viel älter also, als es junge Frauen heute sind. Vom Kampf ums Stimmrecht hat sie als Heranwachsende in der tiefen Aargauer Provinz nicht viel mitbekommen. «Das war eine urbane Sache.» Politisiert wurde sie später, genauer: mit den Kindern. Auf Sarah, die 1982 zur Welt kam, folgten zwei Söhne. Als die Familie nach Schlieren zog, musste sich Angelsberger die Augen reiben. «Das kann ja nicht sein, hier gibts ja nichts», habe sie sich gedacht.

Angelsberger wurde aktiv. Zusammen mit Nachbarinnen aus dem Spitalquartier, unter anderem der später heftig umstrittenen Schlieremer Schulpräsidentin Bea Capaul, fing sie vor rund 30 Jahren klein an: Sie gründete einen Elternverein, der die Frauen aus dem Haus holen sollte. Von «Vereinbarkeit von Beruf und Familie» war damals noch keine Rede. Es war schon ein Riesenerfolg, als sich ein Vereinsmitglied dem Abstaub-Befehl des Ehemanns – «eine völlig unauffällige Sache damals» – widersetzte. «Sie sagte ihm: ‹Ich muss jetzt an eine Sitzung. Wenns dich stört, dann staub doch selber ab.› Wir waren alle hell begeistert», erinnert sich die Präsidentin der FDP Schlieren.

Auch in Urdorf, wo die Familie später hinzog, fand Angelsberger ungenügende Strukturen vor. Sie beteiligte sich am Aufbau des Mittagstischs. Denn ihr war schnell klar: So privilegiert wie ihre Familie, in der die Mutter zuhause für die Kinder sorgen kann, sind nicht alle. «Das gilt für alle Frauenanliegen: Denken wir bitte auch an die Hunderttausenden von Frauen, die arbeiten müssen, weil schlicht und ergreifend das Geld nicht ausreicht, wenn sie es nicht tun. Denen ist mit schlechtem Gewissen nicht geholfen.» Wie es Frauenorganisationen zu Zeiten der Industrialisierung schon getan hatten, setzte sie sich dafür ein, dass diese Frauen ihre Kinder – zumindest am Mittag – gut versorgt wissen.

Selbst lebte Angelsberger, solange ihre Kinder klein waren, ein traditionelles Mittelstandsfamilienbild. Sie hatte zwar «das Glück, immer einen Fuss im Arbeitsleben behalten zu können». Doch sie kochte auch, putzte, schaute zu den Kindern – wie ihre Tochter heute. «Wir sind eigentlich ziemlich altmodisch» sagt Heldner. «Alles, was Technik und Auto betrifft, macht mein Mann, den Rest ich.» Für sie sei von Beginn an klar gewesen, dass sie nach der Geburt ihres ersten Sohnes Gil vor vier Jahren nicht an ihre alte Stelle im Bereich Investor Relations bei einer grossen Versicherung zurückkehren wollte – und auch nicht konnte. Ihr Wunsch nach einer Pensumsreduktion wurde abgelehnt. Als eine von wenigen Frauen im Team habe sie in einem Bereich, in dem ohnehin ein 150-prozentiger Einsatz erwartet werde, schon immer mehr leisten müssen, um sich zu behaupten. «Und ich wusste, dass ich in erster Linie Mutter sein wollte.»

Was nicht heisst, dass sie ihren Kindern das Bild der Mutter am Herd vermittle. Denn mit derselben Selbstverständlichkeit sagt sie auch: «Ich könnte nicht nur Mutter sein. Da würde mir etwas fehlen.» Als Inhaberin der Tanzfabrik Urdorf und Eventmanagerin lebe sie den beiden Söhnen vor, dass es normal ist, wenn auch die Mutter arbeitet. Zwischen Beruf und Familie wählen zu müssen, wäre ihr ein Graus. «Die Selbstständigkeit bietet mir zum Glück die nötige Flexibilität, um beides unter einen Hut zu bringen: Ich habe den Fünfer und das Weggli» – auch wenn die grossen Weggli ihr Mann nach Hause trägt.

Heldner gibt auch unumwunden zu, dass ihr der intellektuelle Austausch mit den alten Kolleginnen und Kollegen «immer wieder mal sehr» fehle. Ihre Mutter schaltet sich ein – als Vorstandsmitglied der FDP-Frauen Schweiz sind wir mitten in ihrem Fachgebiet gelandet. Die freisinnigen Frauen zeigen sich gerne kämpferisch, wenn es darum geht, dass es heute fast unmöglich ist, auch in höheren Chargen Arbeitszeiten auf die private Situation anzupassen. Dass Lohnungleichheit unter den Geschlechtern sowie Lohndiskriminierung weiterhin Realität sind – und sich die Schere trotz vermeintlich stetem Fortschritt gar noch weiter öffnet. Vor drei Jahren machten die FDP-Frauen Furore, als sie sich zum linken Anliegen einer Frauenquote in Chefetagen bekannten. «Meine Güte!», sagt Angelsberger, als sie sich an den folgenden parteiinternen Streit erinnert. «Da merkte man so richtig: Bei den Männern kommt die pure Angst auf.» Ernüchternder sei für sie aber gewesen, mit der Zeit zu merken: «Es gibt leider immer noch genug Frauen, die den Aufstieg gar nicht wollen.»

Mutter und Tochter sind sich einig: Es gibt noch viel zu tun, bis sich unsere Gesellschaft wirklich der Gleichstellung der Geschlechter rühmen kann. Sie sehen Firmen dabei genauso in der Pflicht wie den Staat, das Umdenken – «das stattfindet, das merkt man» – in die richtigen Bahnen zu lenken. «Jetzt muss einfach endlich etwas gehen», sagt Angelsberger. «Denn die Männer mögen ja auch nicht mehr.» Vollzeit arbeiten, die Last des Ernährers alleine tragen, meint sie damit. Ihre Tochter wirft ein: «Dafür müssen die Männer aber auch flexibler werden – so wie wir Frauen es heute auch sein müssen.» Auch die Rahmenbedingungen für berufstätige Mütter, vor allem in der externen Kinderbetreuung, müssen noch besser werden, findet Angelsberger. «Es ist zwar viel passiert in den letzten Jahren, aber nicht genug.»

Was Angelsberger ebenfalls beunruhigt: Dass Frauen in der Politik untervertreten bleiben und nichts auf einen Umschwung hinweist. Sie höre immer mal wieder Sätze wie: «Ich weiss nicht, wie du das machst, ich könnte das nicht.» Damit sei sie nicht einmal die politische Arbeit an sich gemeint, sondern «dieses ständige Sich-wehren-Müssen». Sie habe stets «gewaltig ellbögeln» müssen, um gehört zu werden – und findet, schlechte Reaktionen darauf seien einfach auszuhalten.

Sarah Heldner pflichtet ihr bei. Sie habe eine forsche Art, sagt sie von sich selbst, «ich weiss, was ich will». Das komme nicht überall gut an, vor allem bei Männern, von denen sie auch immer wieder mal in die Ecke der netten Blonden gestellt werde. «Es liegt aber auch an uns Frauen, zu zeigen: Das geht einfach nicht. Natürlich ist das anstrengend», fügt sie hinzu. «Aber es führt kein Weg daran vorbei.»