Limmattal
Wie ein Wirt seine gutgläubige Serviertochter um ihren Lohn bringt – und sie nichts dagegen tun kann

Eine gutgläubige Serviertochter wird von ihrem Chef um den Lohn gebracht und kann nichts dagegen tun.

Gabriele Heigl
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Zweieinhalb Monate hat die junge Frau fast umsonst in dem Restaurant gearbeitet. Gut 10000 Franken Lohn wurden ihr vorenthalten.Symbolbild/Colourbox

Zweieinhalb Monate hat die junge Frau fast umsonst in dem Restaurant gearbeitet. Gut 10000 Franken Lohn wurden ihr vorenthalten.Symbolbild/Colourbox

Eine junge Frau fängt in einem Restaurant im Limmattal als Serviertochter an, arbeitet dort zweieinhalb Monate und erhält dafür ausser einer Anzahlung von 500 Franken keinen Lohn. Nicht mal der Weg einer Klage gegen ihren früheren Arbeitgeber bleibt ihr. Wie ist das möglich?

Die 25 Jahre alte Italienerin Simona M. (es handelt sich um einen fiktiven Namen, der richtige Name ist der Redaktion bekannt) ist im Frühjahr auf der Suche nach Arbeit. Sie bewirbt sich auf verschiedene Stellen, unter anderen bei besagtem Restaurant. Simona M. lebt seit zwei Jahren in der Schweiz und hat schon verschiedentlich in der Gastronomie gearbeitet. Über eine abgeschlossene Berufsausbildung in diesem Gewerbe verfügt sie nicht, aber sie besitzt eine Aufenthaltsbewilligung B. Sie spricht kein Deutsch, und da der Restaurant-Wirt F. G. (auch hier handelt es sich um ein fiktives Kürzel) der Einzige ist, den das nicht stört, fängt sie am 13. Mai bei ihm an.

Er begründet ihre Anstellung so: «Ich nehme keine Schweizerinnen, die können nicht so arbeiten, wie ich das will.» Einen schriftlichen Arbeitsvertrag will er nachreichen, und sie vertraut ihrem neuen Chef. Sie übergibt ihm ihre Papiere, den B-Ausweis und ihre Kontonummer.

Nur Ausflüchte und Lügen

Simona M., eine schüchterne, gutgläubige Frau, ist froh, dass sie überhaupt einen Job gefunden hat, und beginnt ohne Vertrag zu arbeiten. Nach einer Woche traut sie sich erstmals, nach dem ausstehenden Vertrag und auch nach der Höhe ihres Verdienstes zu fragen. Mitte Juni hakt sie nach und möchte wissen, wann sie ihren Lohn ausbezahlt bekommt, Anfang Juli noch einmal. Als Antworten erntet sie jedes Mal Ausflüchte oder Lügen. Mal ist der Treuhänder krank, mal müsse er, F. G., zuerst die Überweisungen tätigen, mal bleibt er eine Antwort komplett schuldig. Der Redaktion liegen schriftliche Unterlagen vor, die die Aussagen von Simona M. belegen.

In der Zwischenzeit erfährt sie von einem Kollegen, dem es ähnlich erging wie ihr; auch er ist Italiener und des Deutschen nicht mächtig. F. G. stellte ihn als Hilfskoch ein, obwohl dieser keine Aufenthaltsbewilligung besass; der Kollege hat gleich resigniert, gar nicht lange um seinen Lohn gekämpft und ist mittlerweile nach Italien zurückgekehrt.

In der zweiten Juliwoche gibt F. G. Simona 500 Franken in bar als Akonto-Zahlung mit der Beteuerung, den Rest demnächst auf ihr Konto zu überweisen. Das geschieht nicht. Als sie nach 14 Tagen Ferien Ende Juli wieder an ihrem Arbeitsplatz erscheint, verkündet F. G., dass er sie nicht mehr bezahlen könne, weil es zu wenig Arbeit gebe, und sprach ihr die mündliche Kündigung aus.

Ihre Frage nach dem Lohn beantwortet er wie gehabt: Er müsse zuerst die Abrechnung machen und werde ihr das Geld dann innerhalb zweier Wochen überweisen. Nachrichten, die sie ihm im Laufe des Augusts schickt, bleiben alle unbeantwortet. Ende des Monats geht sie noch einmal ins Lokal: Bis 2. September solle sie ihr Geld erhalten, so der Wirt. Als sie bei dieser Gelegenheit ihre Nachfolgerin sieht, meint F. G.: «Ich habe nun wieder mehr Arbeit.» Am 9. September sendet sie ihm einen eingeschriebenen Brief, in dem sie ihm ihre Lohnforderungen auflistet. Ohne Erfolg.

GmbH gelöscht

In ihrer Not wendet sie sich an die Kontrollstelle des Landes-Gesamtarbeitsvertrags des Gastgewerbes (L-GAV) in Basel mit der Bitte, eine Kontrolle im Restaurant durchzuführen. Diese findet statt, bringt Simona aber keinen Schritt weiter in ihrem Kampf um ihr erarbeitetes Geld. Bei der Kontrollstelle handelt es sich um eine neutrale Instanz, die bei einer allfälligen Klage höchstens die protokollierten Fakten von beiden Seiten beisteuert. Im Kontrollbericht heisst es: «Bei Widersprüchen ist nur der Richter befugt, diese zu beurteilen.» Auch dem Kontrolleur gegenüber beteuert F. G., dass er den ausstehenden Lohn demnächst überweisen werde.

Es läuft also alles auf eine Klage hinaus. Simona reicht im November ein Schlichtungsgesuch beim zuständigen Arbeitsgericht ein und fordert darin den ihr vorenthaltenen Lohn. Gemäss den Berechnungen der L-GAV-Kontrollstelle beträgt er 10 171 Franken. Aber dieses Gefecht hat sie schon lange vorher verloren. Denn am 20. September hat die Restaurant GmbH Konkurs angemeldet und wurde aus dem Handelsregister gelöscht. Im Umfeld des Wirtes werden als Gründe Scheidungsprobleme genannt; seine Frau besass die Hälfte der Stammanteile.

Im Bescheid des Arbeitsgerichts muss dann Simona lesen, dass die GmbH nicht mehr existiere und daher auch niemand mehr eingeklagt werden könne: «Das heisst mit anderen Worten, dass Ihr Schlichtungsgesuch aussichtslos ist.» Und man empfiehlt ihr, das Gesuch zurückzuziehen. Von der GmbH wusste sie bis zu diesem Zeitpunkt nichts.

Auf Nachfrage erklärte das Gericht, dass nicht der fehlende Arbeitsvertrag das Problem war – es gelten auch mündliche Arbeitsverträge. Aber die GmbH sei nun einmal die juristische Person gewesen, die das Restaurant geführt habe. Eine private Betreibung des Wirtes ist daher für Simona M. nicht möglich. Unabhängig davon gehe ein Arbeitnehmer ohne schriftlichen Vertrag ein Risiko ein, bei dem er das Nachsehen haben könne, meinte die zuständige Gerichtsschreiberin.

Fragt man den Wirt nach Simona M., tut er zunächst so, als kenne er sie nicht. Dann sagt er zögernd und sich selbst unterbrechend: «Ach so, die hat mal hier . . ., die war nur zur Aushilfe hier.» Ihren Aufenthaltsort wisse er nicht und meint ungehalten: «Ich bin schliesslich nicht mit ihr verheiratet.»

Simona M. sucht seit ihrer Kündigung wieder Arbeit – nach Möglichkeit in einem Gastronomiebetrieb mit guter Verkehrsanbindung, einem vertrauenswürdigen Chef – und einem Arbeitsvertrag.