Dietikon
Wie ein Mondbär das Deutsch an der Multikulti-Schule verbessert

Das Programm für Qualität in Multikulti-Schulen wird 20 Jahre alt. Nun entfaltet es doch noch Wirksamkeit.

David Egger
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Bilderbuch: "Die Monsterschule"
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Die Monsterschule
Es war einmal ein Mädchen. Es hiess Molly. Molly wurde immer gemobbt, doch sie wusste nicht wieso. Sie war immer nett und hilfsbereit. Sie hatte drei Geschwister. Die älteste hiess Maja, die zweite hiess Paula und der Bruder hiess Justus. Ihre Geschwister wurden nie gemobbt. Ganz im Gegenteil: Die Geschwister waren sehr beliebt in der Schule.
Doch was sehr schade war, ist, dass die Geschwister auf die Schreckschule gingen und dass Molly auf die Monsterschule ging. Eines Tages als Molly ihre Sachen packte und rausgehen wollte, zog jemand ihre Haare. Sie fiel auf den Boden und ihre Sachen flogen überall hin. Als Molly ihre Augen öffnete, sah sie Lejla.
Leijla war die beliebteste auf der Schule und sie mobbte alle Kinder, die unbeliebt waren.
Molly hatte immer Angst, dass ihre Geschwister etwas davon erfahren würden. Doch einer der beliebtesten Jungen, sein Name war Jonny, hatte Mitleid mit Molly.
Irgendwann konnte er das nicht mehr aushalten, dass sie so gemobbt wurde.
Er schrie: "Hört auf! Das ist nicht witzig. Sie hat euch nichts getan!" Alle waren geschockt ausser Lejla. Lejla war sehr wütend und eifersüchtig, weil Jonny Molly mochte und nicht sie.
Jonny fragte: "Was hat sie euch getan? Sie ist doch sehr nett und hilfsbereit. Wieso mobbt ihr sie jedes Mal?!"
Lejla schrie: "Sie ist viel zu nett. Würden am Ende noch alle fies zu mir werden, wenn ich nicht fies zu ihr wäre!" Molly sagte: "Aber du musst mich doch gar nicht mobben, weil du Angst hast. Lass uns doch einfach Freunde sein."
Lejla half Molly hoch und sagte: "Tut mir leid, dass ich so fies zu dir war." Danach wurde sie nie mehr gemobbt und von daher wurden Jonny, Lejla und Molly beste Freunde.

Bilderbuch: "Die Monsterschule"

David Egger

In Dietikon beträgt der Anteil Schüler, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben, gut 79 Prozent. Darum gewährt der Kanton allen Dietiker Schulen zusätzliche Fördermassnahmen. Und will so die Qualität in multikulturellen Schulen (abgekürzt «Quims») verbessern. Die Wirksamkeit in Bezug auf die Fähigkeiten der Schüler war lange umstritten: 2012 konnte eine 223-seitige Studie keinen Zusammenhang zwischen Quims-Förderung und Lernfortschritten der Quims-Schüler nachweisen.

Der letzte Bericht, veröffentlicht 2015, kam dann zum Schluss, dass die Ziele des Programms erreicht werden. Dieser Grundtenor hatte sich aus einer Befragung von Lehrpersonen ergeben. Die durchwegs positive Bewertung könnte damit zusammenhängen, dass der Kanton ab 2014 die inhaltliche Strategie änderte: Bis dahin stand nämlich die Leseförderung im Vordergrund; sie wurde durch eine verstärkte Schreibförderung abgelöst. Welchen Erfolg insbesondere diese Schreibförderung zeitigt, wird der Kanton Mitte 2017 erneut überprüfen. Dannzumal endet die Fokussierung auf die Schreibförderung. Schon jetzt kann das Volksschulamt aber einen Erfolg ausweisen: «Der Anteil Quims-Schüler, die in die Sekundarstufe A übertreten oder später eine Berufslehre beginnen, hat sich in den letzten Jahren erhöht», sagt auf Anfrage der stellvertretende Amtschef, Urs Meier.

Ein Freund fürs Leben
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Was war einmal ein junger Welpe, der im Tierheim sass. Als ein Tierarzt kam, um sich den Welpen genauer anzusehen, schlüpfte dieser aus der Hand und entkam so durch den Haupteingang. Der kleine Welpe namens Polo rannte so schnell er konnte. Er rannte an einem Bauernhof vorbei und sah dort ein einsames Ei auf der Strasse liegen.
Er stiess das Ei mit der Pfote aufs Trottoir. Plötzlich zerbrach das weisse Ei und daraus schlüpfte ein kleines gelbes Küken.
Das Küken dachte, der Welpe sei seine Mama. Es sagte ganz leise und verängstigt: "Maaaaaaama." Das kleine Küken folgte dem Welpen durch die Stadt. Als sie am Abend unter einem kleinen Baum lagen, fragte das Küken namens Marko: "Was werden wir morgen erleben?" Polo antwortete: "Ich weiss es noch nicht, aber ich schlaf jetzt erst einmal."
Als sie am nächsten Morgen sehr grossen Hunger hatten, gingen sie in den Supermarkt und kauften einen Apfel, drei Liter Wasser, vier Nüsse und zwei Bratwürste. Sie hatten vor, im Wald zu grillieren.
Als sie sich auf den Weg in den Wald machten, sahen sie einen Teich. Marko stürzte sich kopfvoran in den blauen Teich. Der Teich war eiskalt und Marko fror. Polo holte Marke eine schöne warme Decke.
Nachdem sie dann grilliert hatten, assen sie feine Bratwürste. Glücklich spielten sie um das Lagerfeuer. Marko war ein verfressenes kleines Küken, er ass sogar die Bratwursthälfte von Polo. Marko schlief fröhlich und voller Lebensmut in Polos Pfote ein. Sie wurden mit der Zeit sehr gute Freunde. Bis sie vor ein paar Tagen an einem Bauernhof vorbeiliefen.
Das Küken war nun ein grosser Hahn geworden. Marko blieb vor dem Bauernhof stehen und betrachtete eine wunderschöne Henne, die gerade ihre Federn putzte.
Polo bemerkte erst nach einigen Schritten, dass Marko stehen geblieben war. Er rief Marko zu, er solle kommen, doch dieser hörte ihn nicht. Er sprach gerade die Henne Flipsi an.Marko und Polo lebten sich dann immer mehr auseinander, bis sie sich nicht mehr sehen konnten. Polo ging schliesslich einfach weg. Und schon nach drei Wochen verlobte er sich mit einer wunderschönen Hündin, und sie bekamen vier süsse Welpen, drei Mädchen und einen Jungen.
Die Hündin Sindy wusste, dass dies ein riesiges Durcheinander gäbe. Es gab einen schneeweissen Welpen namens Felix, eine ganz schwarze Welpin, die den Namen Sarah trug, eine rotweisse Welpin mit dem Namen Ariana und eine ganz rosafarbige mit dem Namen Rosebud. Schon nach kurzer Zeit heirateten sie sogar.
An dieser Hochzeitsfeier sah Polo eine wunderschöne Sternschnuppe und wünschte sich, dass Marko hier wäre. Dies geschah dann auch. Sie sahen sich beim Buffet: Marko und Polo rannten aufeinander zu und liessen sich nicht mehr los. Sie redeten stundenlang und versprachen sich, nie wieder voneinander wegzugehen. Nun lebten Marko, Polo, Sindy, Flipsi, Felix, Sarah, Ariana und Rosebud in einer riesigen Villa. Sie waren sehr, sehr glücklich.

Ein Freund fürs Leben

David Egger

Fantasie ist nur die halbe Miete

Wie sich die Quims-Förderung im Schulalltag auswirkt, zeigte die Dietiker Schule Steinmürli am Donnerstagabend. Die Primarschulklassen 6a, 6b und 6c, in denen bloss eine Schülerin Deutsch als Muttersprache spricht, präsentierten Bilderbücher, die sie seit letztem Sommer in 20 Doppellektionen erstellt haben. Schöne Märchen sind entstanden: So wird ein Bär glücklich, weil er zum Mond reist. Und dann gibt es noch den Hund, der ein Hühnerküken aufzieht.
«Die Ideenvielfalt und die Fantasie der Schüler hat sich merklich vergrössert», sagt die Heilpädagogin Daniela Gallo. Seit zwei Jahren ist sie im «Steinmürli» für die Umsetzung der Quims-Förderung zuständig. Doch eine grosse Fantasie ist nur die halbe Miete: Kinder verzweifeln oft, wenn sie eine Idee haben, diese aber weder bildlich noch schriftlich zu Papier bringen können. Mit dem Bilderbuch-Projekt wollte Gallo das ändern: «Wenn Kinder eine Geschichte entwerfen, schreiben und bebildern, lernen sie, sich besser auszudrücken», sagt sie. Nebenbei haben die Schüler ihr Deutsch verbessert. «Mehrere Deutschlehrpersonen sagten mir, dass die Kinder bessere Aufsätze schreiben», sagt Gallo.

Der Mond Bär
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Es war einmal ein Bär. Sein Name war Freddy.
Eines Abends war Freddy auf einer Wiese. Freddy sah den Mond, er sah aus wie ein Käse. Er sagte: "ich will auf diesen Mond!" Er war traurig, weil er nichts hatte, womit er auf den Käsemond reisen konnte.
So suchte Freddy Material zusammen, um eine Rakete zu bauen und flog endlich auf den Käsemond. Freddy war so gespannt, wie es dort ist.
Als er landete, sah er einen Mondbewohner. Er begrüsste ihn freundlich.
Der Mondbewohner zeigte Freddy den Käsemond. Als sie fertig waren, sagte der Mondbewohner: "Willst du mit mir Abendessen?"
Freddy sagte: "Ja!" Dann fragte Freddy: "Was isst du überhaupt?" Da sagte der Mondbewohner: "Ich esse jeden Tag Käse und Fisch."
Nach dem Abendessen wollte Freddy wieder auf die Erde.
Er beschloss sich zu verabschieden und stieg in die Rakete.
Er ging nach Hause und schlief: Am nächsten Morgen stand Freddy auf und war so fröhlich, dass er auf dem Käsemond gewesen war.

Der Mond Bär

David Egger

Zum Ende des Projekts stimmten die Schüler ab, welche 12 der 36 Bilderbücher sie den Eltern vorstellen wollen. Die Eltern, alles mit Migrationshintergrund, erschienen zahlreich. Was wie eine Randnotiz erscheint, ist ein Stück weit auch den Quims-Massnahmen zu verdanken: Diese haben nämlich auch zum Ziel, den Draht zwischen Eltern und Schule zu verbessern. Zu oft gab es in der Vergangenheit Eltern, die sich zu wenig für die Arbeit der Schule und die Leistung ihrer Kinder interessierten.

Im Hinblick auf die Zukunft wünscht sich die Heilpädagogin Daniela Gallo, dass die Förderung der Quims-Schüler sich weiterhin auf das Schreiben konzentriert. «Wenn wir wollen, dass sich die Kinder ausdrücken können, sollten wir die Förderung so beibehalten oder sogar verstärken», so Gallo. Doch das letzte Wort hat der Kanton. Urs Meier vom Volksschulamt sagt: «Die Arbeit mit dem Schwerpunkt Schreiben ist aus unserer Sicht von hoher Relevanz und in den Schulen gut unterwegs. Das Volksschulamt wird mit den Schulen und Gemeinden sprechen, um die Schwerpunkte für die Zeit nach 2017 zu bestimmen.»

Die Meinung der Limmattaler Verantwortlichen sollte dabei Gewicht haben: Die Verteilung der 4,4 Millionen Franken, die der Kanton jährlich für die Quims-Förderung ausgibt, bemisst sich nach dem Ausländer- und Fremdsprachigenanteil an den Schulen. Dieser Anteil ist zum Beispiel in Dietikon und Schlieren verhältnismässig hoch. Unabhängig von der Quims-Förderung gewährt der Kanton manchen Gemeinden zusätzliche Lehrerpensen, um benachteiligte Schüler zu fördern und zu integrieren. Diese Stellenerhöhungen richten sich nach dem Sozialindex. Der Index setzt sich zusammen aus den Ausländer-, Sozialhilfebezüger- und Tieflöhneranteilen in der Bevölkerung. Einzig Zürich-Schwamendingen hat einen höheren Sozialindex als Dietikon. Schlieren folgt auf dem fünften Platz, Oberengstringen auf dem siebten.

Während in Dietikon jede Schule eine Quims-Schule ist, werden kantonsweit 110 von 500 Schulen als Quims-Schulen gefördert. 35 000 respektive ein Viertel aller Schüler besuchen eine Quims-Schule.

Quims wurde 1996 als Pilotprojekt eingeführt. Inzwischen melden sich beim Volksschulamt andere Kantone und auch deutsche Städte wie Berlin und Hamburg, die vom Zürcher Quims-Modell lernen wollen.