Schlieren
Wie die Kuratoren der Kunsthalle die Kunstgeschichte neu erfinden

Die drei Kuratoren der Kunsthalle eröffnen am Samstag ihre zweite Ausstellung mit dem Titel «David Bowie».

Zoé Iten
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Sie sind immer umgeben von Kunst: Martin Senn, Peter Lynen und Ingrid Scherr, die drei Kuratoren der Kunsthalle in Schlieren.

Sie sind immer umgeben von Kunst: Martin Senn, Peter Lynen und Ingrid Scherr, die drei Kuratoren der Kunsthalle in Schlieren.

Zoé Iten

Auf den ersten Blick scheint das alte Gebäude auf dem Gelände der Kunsthalle Schlieren etwas heruntergekommen. Die gelbe Fassade ist abgebröckelt und es sieht verlassen aus. Der Schein trügt gewaltig, denn wenn man über die Türschwelle tritt, steht man mitten in einer Galerie. Hier findet am Samstag die Vernissage der Ausstellung mit dem Titel «David Bowie» statt.
Peter Lynen, Ingrid Scherr und Martin Senn sind die neuen Kuratoren und waren bis vor kurzem noch damit beschäftigt, die Kunstwerke zu arrangieren. Es gab einiges zu tun.

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Themen Gender-Frage und Selbstinszenierung, deswegen ist sie auch nach dem Sänger benannt. «Bowie befasste sich früh mit der Thematik und er war auch einer der ersten, der die Genderfrage vorangetrieben hat, was aussergewöhnlich für einen Mann war», sagt Lynen. Die Idee ist ausserdem mitgeprägt von Facebook. «Ich habe dort gesehen, dass es inzwischen über 70 Gender-Optionen gibt. Das ist ein grosses Thema und es stellt sich die Frage, wer man da eigentlich ist», so Lynen.

Die Ausstellungsnamen in der Kunsthalle sollen generell einfach sein. «Wir wollten keine intellektuellen Titel, wie man das teilweise von Museen kennt», sagt Lynen. Je einfacher ein Titel sei, desto mehr kreativen Raum habe man. «Es ist unsinnig, ein spezifisches Thema über einen Künstler stülpen zu wollen. Das geht ja gar nicht einher mit der künstlerischen Freiheit», so Scherr.

Die Ausstellung «David Bowie» feiert ihre Vernissage am Samstag um 16 Uhr an der Gaswerkstrasse 15. Bis zum 16. Juli können die Kunstwerke jedes Wochenende ab 14 Uhr bestaunt werden.

Fliessende Organisation

«David Bowie» ist die zweite von insgesamt fünf geplanten Ausstellungen und nach der Sommerpause folgen die nächsten. Für die Aktuelle wurde seit Anfang Januar jeder Tag in Anspruch genommen, um das straffe Programm bewältigen zu können. Die Organisation sei sehr fliessend abgelaufen, so Lynen. «Da gab es keine fixen Aufgaben, sonder jeder hat sich dem angenommen, was er gut kann.» Neben dem Arrangieren der Kunstwerke wurde auch ein Umbau der Galerie vorgenommen und es wurden verschiedene Texte zu den Ausstellungen geschrieben.

Bei der Ausarbeitung des Konzepts achtete man darauf, dass man bereits einige Künstler im Kopf hatte, die für die Ausstellungen infrage kommen würden. Die Auswahl selbst war der angenehme Teil der Arbeit, der auch gut funktioniert hat. «Wir sind so gut vernetzt, da klappt das über unsere Kontakte. Manchmal klingeln wir auch bei den Leuten an der Tür und fragen, ob die Möglichkeit besteht, gewisse Dinge auszuleihen» sagt Scherr. Einige der ausstellenden Künstler sind bekannt für ihre provozierenden Arbeiten. Wie der Schweizer Künstler Urs Lüthi und der von Deutschland stammende Joseph Beuys. «Es ist keine Verkaufsausstellung. Es geht darum, zu zeigen, dass hier in der Kunsthalle etwas läuft. Dass es einen gewissen Drive hat.»

«David Bowie war einer der ersten, der die Genderfrage vorangetrieben hat, was aussergewöhnlich für einen Mann war»

Peter Lynen

Künstlerische Abwechslung

Die Kunsthalle Schlieren hat ein Gastatelier. In diesem kann man nach Erhalt eines Stipendiums seine Werke ausstellen. Bei Lynen war das 2010 der Fall. Bei Scherr drei Jahre später. Während dieser Zeit lernten sie Senn kennen. Dieser war schon einige Jahre ein aktives Mitglied. Es war üblich, dass jeder Mitwirkende einmal in die Rolle des Kurators für eine Ausstellung schlüpfte. Dies sei für viele ein Müssen gewesen. Nachdem es zwischen Senn, Scherr und Lynen immer wieder zu vertieften Gesprächen kam, erkundigte Senn sich schliesslich, ob die beiden sich auch einmal beteiligen wollen. So kam das Ganze ins Rollen.
Martin Senn betrachtet sich im Team allerdings mehr als stiller Unterstützer. «Ich halte mich im Hintergrund. Es ist Peters und Ingrids Ausstellung.»

Die beiden sind es zudem auch, die die Auswahl der Künstler treffen. In der ersten Ausstellung war eine bunte Durchmischung anzutreffen. Diese Vielfalt zieht sich erneut weiter. Neben der künstlerischen Abwechslung schätzt Lynen aber auch den Perspektivenwechsel: «Als Kurator wird der Blick darauf ausgerichtet, was in die Ausstellung passt. So geschehen viele Rollenwechsel und man beginnt, auch die eigene Kunst anders wahrzunehmen.» Mit diesem Blick zeige sich auch immer wieder eine plötzliche Erkenntnis, wie die Themen alle miteinander verbunden sind. So sagt Scherr zum Schluss: «Manchmal fühlt es sich so an, als ob die Kunstgeschichte neu erfunden wird, nur mit anderen Künstlern.»