«18.5 Liter» blinkt auf dem Bildschirm der Melkstandbox in Grün auf. «Das ist ein guter Wert», sagt Stefan Fahrni und zeigt auf die Anzeige. Die Kuh ist gemolken, das Melkaggregat wird automatisch abgehängt. Kaum hat sein ältester Sohn Daniel die Zitzen desinfiziert, verlässt die Kuh die Box und die nächste schreitet in den Tandemmelkstand.

Seit sechs Uhr in der Früh sind Vater und Sohn auf ihrem Familienbauernhof am Waldrand von Dietikon beschäftigt: Sie füttern die Milchkühe, die Rinder und die Kälber und überprüfen zugleich den Melkvorgang. Die 35 Milchkühe, die jeweils morgens und abends gemolken werden, produzieren rund 1000 Liter pro Tag. Der Tank mit der Rohmilch wird jeden zweiten Tag von einem Milchsammelfahrzeug geleert und in die Milchzentrale nach Suhr gebracht, wo sie weiterverarbeitet wird.

«Wir kümmern uns täglich um die Kühe», sagt der 48-jährige Stefan Fahrni. Denn gehe es einer Milchkuh nicht gut, würde sich das auf die Milchleistung niederschlagen – und auf das Einkommen der Bauernfamilie. Der IP-zertifizierte Betrieb – ein Gütesiegel für naturnahe und tierfreundliche Landwirtschaft – hat vor drei Jahren einen grosszügigen Freilaufstall gebaut. Seither konzentriert sich die Familie vorwiegend auf die Milchproduktion und bewirtschaftet das Kulturland, um die Futterbasis für die Tiere sicherzustellen.

Familiengeführte Betriebe, wie es der Hof von Stefan Fahrni ist, produzieren weltweit rund 70 Prozent aller Nahrungsmittel und ernähren damit den Grossteil der Weltbevölkerung. Um auf diese tragende Rolle aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen 2014 zum Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe erklärt (siehe Kontext).

«In Zukunft möchten wir unseren Viehbestand mit viel Eigenaufzucht auf rund 50 Milchkühe erhöhen», sagt der Landwirt. Dies, um die Investition in den neuen Freilaufstall zu amortisieren. In der Abkalbebucht im Stall, die über einen eingestreuten Liegebereich verfügt, wurde vor wenigen Tagen auch das Kalb Jolanda geboren. Die Familie tauft die Jungtiere jeweils anhand des Anfangsbuchstabens des Namens der Mutter. «Das ist bei uns Tradition», sagt Stefan Fahrni.

Seit 91 Jahren in Familienbesitz

1923 hat sein Urgrossvater begonnen, den Hof zu bewirtschaften; vor 22 Jahren hat ihn Stefan von seinem Vater übernommen. Heute führt die Familie Fahrni den Hof in vierter Generation. Auf dem 23 Hektaren grossen Areal helfen Stefans Ehefrau Elisabeth sowie seine drei Kinder Dominik, Sabrina und Daniel mit. «Wir sind immer auf Trab», sagt der Landwirt. Ob beim Arbeiten auf dem Feld, im Stall, oder am PC, jeder Tag sei eine neue Herausforderung. Hat die Kuh ihre Portion Kraftfutter gefressen? Wie steht es um die Gesundheit des Viehs? Wann kann der Silomais geerntet werden? Oft, so der Landwirt, sei der Tagesablauf nicht planbar: Ein Tier wird krank, es kommt zu einer Frühgeburt im Stall oder eine Maschine muss repariert werden. «Die Prioritäten ändern von einer Sekunde auf die andere», sagt Stefan Fahrni.

Seine Ehefrau, die sich nebst Haushalt und Gartenarbeit auch um das Wohl der Kälbchen kümmert, sagt: «Für Freizeit oder Ferien bleibt beim Bauern nicht viel Raum übrig.» Gehe es dann doch einmal für einige Tage in die Berge, müsse für eine Vertretung auf dem Hof gesorgt werden. «An diesen Tagen sind meine Gedanken dennoch zuhause.» Für die Bauernfamilie sei das jedoch normal, sie kenne «nichts anderes». Elisabeth ist, genau wie Stefan, auf einem Bauernhof aufgewachsen. «An dieser Arbeit muss man einfach Freude haben», sagt die Bäuerin.

An seinem Beruf schätzt der Landwirt, dass er die Familie um sich hat. Zudem geniesst er auch die Selbstständigkeit. Es sei aber nicht immer einfach, die vielen Arbeiten auf dem Hof, die Familie und sein Hobby – die Feuerwehr – unter einen Hut zu bringen. Denn als Feuerwehrmann der Stadt muss er Tag und Nacht auch einsatzbereit sein. «Die Freude am eigenen Hof und dies alles zu organisieren, hält den Beruf kurzweilig und spannend», sagt er. Zudem hoffe der Landwirt mit allen Bauernfamilien, dass die Anforderungen und Wünsche an die Bauern nicht ins Unerreichbare steigen. «Wir hoffen, unsere Existenz in Dietikon behalten zu können.»

Fasziniert von der Arbeit im landwirtschaftlichen Familienbetrieb ist auch Sohn Daniel. «Mit den Tieren zu arbeiten und dabei an der frischen Luft zu sein, das gefällt mir sehr», sagt der 21-jährige ausgebildete Landwirt. Auch wenn es sehr strenge Zeiten gäbe, wenn beispielsweise das Gras geheut, siliert oder der Mais geerntet werden müsse, habe er stets Freude am Bauern. Er hilft unter anderem beim Melken oder bewirtschaftet das Feld mit dem Traktor. «Das mache ich besonders gerne», sagt er mit einem Schmunzeln. Für den ältesten Sohn ist klar, dass er einmal den elterlichen Betrieb übernehmen wird. Das sei auch ein Grund gewesen, warum sich die Familie entschlossen habe, einen neuen Freilaufstall zu erstellen.

«Daniel hatte von klein auf Freude am Bauern. Wir haben ihn nie dazu gezwungen», sagt seine Mutter. Ohnehin schätze die gebürtige Thurgauerin es sehr, dass ihre Kinder, soweit es die Ausbildung und die Arbeit erlaubt, auf dem Hof mithelfen. Denn jetzt, da die beiden Söhne und die Tochter sich im Erwachsenenalter befinden, seien die Momente, die sie gemeinsam am Familientisch verbringen können, seltener geworden.