Alles beginnt mit grosser Orientierungslosigkeit. Eine Orientierungslosigkeit, die sich fast schon existenziell anfühlt: Um mich herum ist es komplett schwarz. Ich weiss nicht, wo ich bin und wohin mein Weg führt. Ich fühle mich verloren, hilflos und ängstlich. Trotzdem renne ich tapfer weiter, in die Dunkelheit hinein. Geräusche klingen plötzlich ganz anders als sonst, lauter. Irgendetwas fährt direkt auf mich zu, ist es ein Velo? Will es mich über den Haufen fahren? Ich zucke zusammen, dann ist es auch schon vorbei, ohne mich berührt zu haben.

Tiefer Atemzug. Die Stimme neben mir sagt: «Jetzt geht es etwas nach links.» Nur: Ich kann mich so schlecht orientieren, dass ich kaum weiss, was das bedeutet. Renne ich nun schon etwas nach links oder immer noch geradeaus? Alles ist anders, wenn man nichts sieht. Alles ist schwierig.

Irgendwann ist Vertrauen da

Das ist die grosse Erkenntnis meines Selbstversuchs als blinde Joggerin. Meine Augen sind verbunden, mit der linken Hand halte ich mich an einem Band fest, mit dem ich mit meiner Begleiterin verbunden bin. Geduldig erklärt sie mir, wohin wir uns gemeinsam bewegen und was mich auf den nächsten paar Metern erwartet: «Nun nähern wir uns einem Bodenwechsel, in fünf Metern erreichen wir Naturboden. Er ist etwas uneben, Füsse gut heben. Jetzt sind wir da. Der Weg führt nun geradeaus. Nun kommt uns links ein kleiner Hund entgegen, keine Sorge, er ist an der Leine.»

Langsam fühle ich mich etwas wohler. Die ruhige Stimme neben mir gibt mir zunehmend Sicherheit und Vertrauen. Ich realisiere, ich kann mich auf sie verlassen. Dieses seltsame Bedürfnis, meine Hand schützend vor mein Gesicht halten zu wollen, aus Angst, in etwas hineinzurennen, wird schwächer, dann verschwindet es ganz.

«Das hat mich berührt»

Die ruhige Stimme gehört Claudia Jung. Die 43-jährige Oetwilerin rennt schon seit vielen Jahren leidenschaftlich gern in ihrer Freizeit. Dass sie heute vor allem als Begleiterin von blinden oder sehbehinderten Menschen joggt, ist so etwas wie Zufall. Ein schöner Zufall. Einer, der in ihrem Leben einiges verändert hat.

Es war vor sechs Jahren, als Claudia Jung beim Jungfrau-Marathon ein Tandem aus einem blinden und einem sehenden Läufer auffiel. «Das hat mich sehr berührt und fasziniert», erzählt sie. Das Bild liess sie nicht mehr los. Trotzdem dauerte es ein paar Jahre, bis Claudia Jung entschied, dass auch sie sich als Begleiterin von sehbehinderten Läufern ausbilden lassen wollte. Das war im letzten Jahr. Im September absolvierte sie die Ausbildung, bei Gabor Szirt in Basel. Er ist in der Schweiz eine Koryphäe auf diesem Gebiet und war lange Zeit der Einzige, bei dem man sich ausbilden lassen konnte.

Nachdem sie eine Weile lang in Basel im Einsatz stand, rief Claudia Jung im Januar den Lauftreff Limmattal ins Leben. «Die ursprüngliche Idee war, ein Angebot ausschliesslich für blinde und sehbehinderte Läufer zu schaffen», sagt sie. Doch der Schweizerische Blindenbund habe ihr ans Herz gelegt, im Sinne der Integration auch sehende Läuferinnen und Läufer anzusprechen. Was ihr sinnvoll erschien.

So wird der Lauftreff Limmattal nebst den individuell begleiteten Trainings neu ab Mitte April in Dietikon auch wöchentliche Gruppentrainings anbieten – für sehende und blinde Hobbysportler.
«Nun kommen wir bald zu einem Randstein», sagt die ruhige Stimme neben mir. «Wir verlangsamen das Tempo. Jetzt sind wir da.» Mittlerweile habe ich mich erstaunlich gut an das Rennen in meiner eigenen Dunkelheit gewöhnt. Zum Schluss legen wir sogar noch einen Spurt hin. Als ich die Augenbinde abnehme, fühle ich mich seltsam beglückt.

Dunkel auf dunkel geht nicht

Janina Schäli erwartet uns bei einer Bank am Waldrand. Als ich ihr die orange Leuchtweste mit dem fluoreszierenden Blindenzeichen auf dem Rücken übergebe, strahlt sie mich an. «Das hast du gut gemacht.» Janina Schäli hat nur fünf Prozent Sehvermögen. Sie erkennt bloss, was sich stark genug vom Hintergrund abhebt: beispielsweise einen schwarzen Hund auf einem hellen Boden. Ist der Hund hingegen so braun wie der Boden, hat sie keine Chance, ihn zu sehen.

Sport ist für die 32-Jährige, die zu 50 Prozent für einen Wäscheservice arbeitet, ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie schwimmt einmal in der Woche, ist Teil einer Tanzgruppe, macht Yoga und Fitness. Sie lacht ihr strahlendes Lachen: «Ich habe einen grossen Bewegungsdrang.» Für eine Frau mit Sehbeeinträchtigung ist das nicht selbstverständlich, wie Claudia Jung sagt: «Viele, die nichts oder wenig sehen, haben kaum Affinität zum Sport.» Teilweise habe das mit Unsicherheit zu tun, manchmal sei auch das fehlende Gleichgewicht ein Thema.

«Du bist der Boss»

Bei Janina Schäli spürt man weder das eine noch das andere. Sie beschreibt sich selber als selbstständig, sie wirkt unerschrocken. Auf ihrer Heimstrecke im Wald oberhalb Altstettens, wo sie mit ihrem sehenden Partner wohnt, joggt sie leichtfüssig neben Claudia Jung her.

Die beiden wirken vertraut, unterhalten sich über Privates, lachen viel. Immer wieder muss Claudia Jung das Gespräch kurz unterbrechen, um Anweisungen zu geben. «Nun kommen wir zu einer leichten Steigung», sagt sie. «Magst du noch?» Janina Schäli zögert einen Moment. «Du bist der Boss», sagt Claudia Jung. Beide lachen.

Es wird schnell klar, dass die beiden ein eingespieltes Team sind – auch wenn sie erst seit Anfang Jahr gemeinsam durch die Wälder rennen. «Ich merke es, wenn jemand unsicher ist», sagt Janina Schäli. «Dann werde ich auch unsicher.» Bei Claudia Jung hat sie dieses Problem nicht: «Ich mag es, wenn man viel mit mir spricht während des Joggens. Ich bin darauf angewiesen.» Besonders wichtig sei ihr Sicherheit und Orientierung. Doch zuallererst müsse man Vertrauen aufbauen zur Person, die einem begleite.

Als Claudia Jung dem Behindertensportclub Zürich ihre Idee für den Lauftreff vorstellte, war Janina Schäli, die im Vorstand des Clubs ist, gleich Feuer und Flamme. Schon lange habe sie sich gewünscht, regelmässig mit jemandem joggen gehen zu können, habe aber niemanden gefunden. Dass sich ihr Wunsch nun erfüllt habe, mache sie glücklich, sagt sie. Heute trainiert sie nicht nur zwei Mal wöchentlich mit individueller Begleitung, sie ist auch im Vorstand des Lauftreffs Limmattal.

Ein Glücksfall

Das neue Projekt ist nicht nur für Janina Schäli ein Glücksfall. «Es hat mir richtig den Ärmel reingenommen», sagt Claudia Jung. Nebst ihrem Vollzeitjob auf einer Bank investiert sie zurzeit praktisch jeden Abend und einen Grossteil des Wochenendes in Organisation und Training – alles ehrenamtlich. Zudem bildet sie mittlerweile auch selber Begleiterinnen und Begleiter aus. «Es ist intensiv», sagt sie. «Aber es gibt mir auch ganz viel.»

Weitere Informationen: www.lauftrefflimmattal.ch