Als Muriel Pestalozzi sich im Sommer 2015 zusammen mit einer Kollegin an den kantonalen Ombudsmann wendete, konnte sie noch nicht erahnen, was alles auf sie zukommen würde. Sie hatte kurz nach ihrem Stellenantritt im Dietiker Statthalteramt merkwürdige Vorgänge bemerkt und hegte den Verdacht, dass rund um ihren Vorgesetzten Adrian Leimgrübler nicht alles korrekt laufen könnte. So suchte die Dietikerin den Ombudsmann auf – wie das für solche Fälle vorgesehen ist. Dieser erachtete die Vorwürfe als glaubwürdig und erstattete Anzeige.

Was darauf folgte, ist bekannt: Die Justizdirektion stellte Leimgrübler zuerst frei und kündigte ihm Ende 2015 fristlos. Er kandidierte gegen den Willen seiner Partei, der FDP, erneut für das Amt. Im April unterlag er im zweiten Wahlgang gegen seinen Parteikollegen Simon Hofmann.

In der Zeit dazwischen hatte die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung aufgenommen und wieder eingestellt, das Verwaltungsgericht hatte seine Kündigung als rechtswidrig bezeichnet, aber mehrere Amtspflichtverletzungen bestätigt, und seine Statthalterkollegen hatten schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben.

Auch Pestalozzis Leben war nach dem Gang zum Ombudsmann nicht mehr dasselbe. Die «Limmattaler Gewerbezeitung», die von Beginn weg Partei für Leimgrübler ergriff, veröffentlichte ihren und den Namen ihrer Kollegin in einem Editorial und stellte die beiden damit an den Pranger. Darauf hatte Pestalozzi mit massiven Anfeindungen zu kämpfen. Gregor Biffiger, der das «Gewerbezeitung»-Editorial verfasst hatte, muss sich dafür noch vor Gericht verantworten. Die Justizdirektion hat im Mai zudem Massnahmen für einen besseren Schutz von Whistleblowern verkündet.

Sie würde es wieder machen

Knapp ein halbes Jahr nach der Statthalterwahl erfährt Pestalozzi für ihre damalige Entscheidung eine späte Würdigung. Der «Beobachter», der mit dem Prix Courage jedes Jahr «ausserordentliche, mutige Taten» belohnt, hat sie zusammen mit sieben weiteren «Helden des Alltags» für den mit 15'000 Franken dotierten Preis nominiert.

«Die Schweiz braucht Leute, die laut werden, wo Schweigen Unrecht verdeckt, die ehrlich sind, wo Lügen leichter fiele», lässt sich «Beobachter»-Chefredaktor Andres Büchi in einer Mitteilung zitieren. Pestalozzi, die nicht mehr auf dem Statthalteramt arbeitet, gibt in einem Video auf der «Beobachter»-Website zu Protokoll: «Es hat mich sehr belastet und sehr beschäftigt, dass ich persönlich angegriffen wurde.» Dennoch würde sie heute nichts anders machen. «Ich müsste es nochmals gleich machen, weil es richtig ist.»

Wer am 17. November den Preis gewinnt, bestimmt eine Jury unter Leitung von SP-Ständerätin Pascale Bruderer sowie das Publikum per Telefon und SMS.