«Es ist alles ganz schnell gegangen», sagt Jon Zehnder. Man sieht ihm an, dass er es selber noch nicht ganz glauben kann, dass er nächste Woche im Space and Rocket Center in Huntsville im amerikanischen Bundesstaat Alabama ein Astronautentraining absolvieren wird.

Der 16-jährige Gymnasiast aus Dietikon wird dieses Jahr im internationalen Weltraum-Lager (siehe Infobox) der Nasa die Schweiz vertreten. Der für sein Alter überraschend erwachsen wirkende Schüler war immer schon von der Raumfahrt fasziniert. Wie viele habe er als kleines Kind «Astronaut werden» wollen, sagt seine Mutter.

Maturarbeit über Raketenbau

Mit dem Älterwerden hat er aber realisiert, dass dies wohl ein Traum bleiben würde. «Man muss realistisch bleiben», sagt er. Trotzdem beschäftigt er sich auch in seiner Freizeit mit dem Thema. An die hundert Ausgaben der Perry-Rhodan-Serie, eine Science-Fiction-Bücherreihe, in der die Raumfahrt eine grosse Rolle spielt, habe er gelesen. Gerne lese er Fachliteratur zum Thema und schaue sich Dokumentationen dazu an. Gleichzeitig hat sich auch seine Begeisterung für Naturwissenschaften konkretisiert.

Der Raumfahrt widmet Jon auch seine Maturarbeit, für die er ein Modell-Raketen-System baut. Physiklehrer Arthur Elsener, der ihn bei der Maturarbeit betreut, wusste also bereits um Jons Interessen und Fähigkeiten. Er machte ihn auf den vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF) ausgeschriebenen Wettbewerb aufmerksam und schlug ihm vor, sich fürs Space Camp zu bewerben. Doch Jon habe das betreffende E-Mail verpasst und deshalb erst nach den Frühlingsferien davon erfahren. «Und da war die Zeit dann schon sehr knapp.» Doch diese einmalige Chance konnte er sich einfach nicht entgehen lassen.

«Gratuliere, Sie haben gewonnen»

So verfasste Jon innert kurzer Zeit einen Aufsatz zum Thema «Raumfahrt-Technologie im heutigen Alltag» auf Englisch, ein Motivationsschreiben und einen Lebenslauf. Auch sein Lehrer, der ihn ins Space Camp begleiten wird, musste einen Text einreichen.

Dieser drehte sich treffenderweise um die Frage, wie man junge Leute für die Raumfahrt begeistern könne. Dass es funktionieren würde, hätte Jon nicht gedacht, besonders aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit. Doch ein paar Tage nach Abgabe habe sich tatsächlich jemand vom SBF bei ihm gemeldet und gesagt: «Gratuliere, Sie haben gewonnen.»

Schwerelosigkeit testen

Die Freude war natürlich gross. Was ihn während der Woche im Space Camp genau erwarten wird, weiss er jedoch nicht so recht. «Die Informationen, die wir von SBF und Space Center in Huntsville bekommen haben, sind etwas dürftig», bestätigen auch seine Eltern. Zwar habe er eine Menge Einverständniserklärungen unterzeichnen müssen, ein detailliertes Programm sei ihm jedoch nicht zugekommen, sagt Jon.

Hingegen sei der Wettbewerbsausschreibung zu entnehmen, dass die Gewinner sich während des wöchigen Aufenthaltes auf die Durchführung einer wahrheitsgetreuen Nachstellung einer Shuttle-Mission vorbereiten würden, sagt Jon. Dies beinhalte Trainings im Tauchbecken und in der Zentrifuge, wobei die Teilnehmenden das Schwerelosigkeitsgefühl sowie eine Startbeschleunigungs-Situation kennen lernen sollen. Zur Vorbereitung habe er zusätzlich Berichte von Kandidaten aus früheren Jahren gelesen und Szenen vom Astronautentraining auf Youtube gesucht.

Kein eingebildeter Astronaut

Jon freut sich darauf, die Stationen des Raumfahrtzentrums zu durchlaufen und die Astronauten-Erfahrung hautnah erleben zu dürfen. Dass er sich vom Training erhoffe, seine Chancen auf eine Raumfahrts-Karriere zu verbessern, weist er jedoch entschieden von sich.

Dafür ist er viel zu sehr Realist. Und er hat letztes Jahr den Medienrummel um Barbara Burtscher mitbekommen. Auch diese hatte das Raumfahrts-Programm absolviert. Inzwischen geniesst sie einen zweifelhaften Ruf als Hochstaplerin, nachdem sie die Öffentlichkeit lange im Glauben liess, sie sei angehende Astronautin bei der Nasa. Auf den Fall angesprochen, sagt Jon: «Ich möchte eines klarstellen: Ich bin weder angehender noch sonst ein Astronaut.»

Er möchte gern Astronaut werden

Trotzdem bleibt die Raumfahrt sein grosser Traum. «Doch es ist jetzt noch viel zu früh, von konkreten Plänen zu reden», sagt er. Natürlich würde er zu einem Angebot nicht Nein sagen. Auch von der harten Arbeit würde er sich nicht abschrecken lassen. Doch bevor er sich der Fantasie zu sehr hingibt, sagt er: «Das ist natürlich eine reine Wunschvorstellung. Meine Chancen diesbezüglich sind verschwindend klein.»

Sowieso müsse man für eine Karriere in der Raumfahrt erst ein Studium in Naturwissenschaften abgeschlossen, mit Vorteil einen Doktortitel haben. Und am besten auch noch gleich eine Fliegerausbildung im Militär durchlaufen haben. Auch dies betreffend ist Jon realistisch: «Die Pilotenplätze sind an einer Hand abzuzählen. Ich denke nicht, dass ich das schaffen würde», sagt er.

Kein Hochstapler

Es ist beruhigend, zu sehen, wie bescheiden Jon ist. Er freue sich über die Chance, im Space Center viel zu erleben und zu lernen, und auch darüber, mit Gleichgesinnten aus der ganzen Welt zu arbeiten, hält er fest. Obwohl er dazu allen Grund hätte, liegt ihm nichts ferner, als sich deswegen aufzuspielen. Den nächsten Hochstapler wird man in ihm bestimmt nie finden. Im Gegenteil: Man wünscht ihm fast ein bisschen mehr Mut zum Träumen.