Tag der Arbeit
Weshalb der 1. Mai mehr als Folklore und Krawall ist

In den letzten Jahren ist es in Zürich rund um den Tag der Arbeit kaum zu Ausschreitungen gekommen – und dennoch haben sie die Berichterstattung geprägt. Nun rücken wieder die politischen Forderungen in den Fokus — zu Recht.

Oliver Graf
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Ein Feiertag im Spannungsfeld zwischen friedlichen Demonstrationen und Krawall: In den vergangenen Jahren haben die politischen Inhalte am 1. Mai wieder an Gewicht gewonnen.

Ein Feiertag im Spannungsfeld zwischen friedlichen Demonstrationen und Krawall: In den vergangenen Jahren haben die politischen Inhalte am 1. Mai wieder an Gewicht gewonnen.

Reuters/Keystone

Er wurde einst als «Kampftag der Arbeiterbewegung» ausgerufen, heute haftet ihm für viele etwas Folkloristisches an.
1890 waren weltweit, auch in Zürich, erstmals Arbeiter am 1._Mai auf die Strasse gegangen. Und mit ihren grossen Aufmärschen, die auch eine Machtdemonstration waren, konnten sie im Laufe der Zeit viel erreichen. Es dauerte aber fast 30 Jahre, bis ihre erste Hauptforderung erfüllt war; als Stichtag für den Achtstundentag gilt in der Schweiz der 1. Mai 1919 (bei sechs Arbeitstagen bedeutete dies noch immer eine 48-Stunden-Woche).

Seit 125 Jahren wird dieser «Kampf- und Feiertag» in Zürich nun begangen. Am kommenden Freitag ist es wieder so weit: Ein bunter Haufen wird durch die Stadt ziehen. Voran werden traditionell wieder die Gewerkschaften schreiten. In diesem Jahr fordern sie «soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung». Hinter ihnen folgen verschiedene (linke) Parteien und eine Vielzahl von Ausländergruppen, die Solidarität, Respekt oder Anerkennung fordern.

Vom blutigen Aufstand zum offiziellen Feiertag

Der Tag der Arbeit wird in der Schweiz schon seit 125 Jahren am 1. Mai begangen, und das – im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Staaten – ohne Unterbruch. Bereits die erste Durchführung im Jahr 1890 wird in 34 Schweizer Ortschaften gefeiert. Die Demonstrierenden folgen damit dem Aufruf des internationalen Arbeiterkongresses in Paris, der im Jahr zuvor alle Länder aufgefordert hatte, an diesem ersten Maitag für die Forderung des Achtstundentags auf die Strasse zu gehen. Vier Jahre zuvor sorgt dieselbe Forderung in Chicago für Tote: Dort endet ein von den Gewerkschaften organisierter Generalstreik in blutigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, ein Bombenattentat mitten im Getümmel des Haymarkets fordert auf beiden Seiten mehrere Todesopfer.

Auf den 1. Mai wurde der Chicagoer Streik 1886 angesetzt, da an diesem Tag in Amerika traditionellerweise die Arbeitsverträge neu ausgehandelt wurden. In der Schweiz gewinnt der Kampf- und Feiertag der Arbeiterbewegung schnell an Beliebtheit: 1910 feiern ihn bereits 96 Ortschaften, im Jahr 1919 – knapp ein halbes Jahr nach dem Landesstreik – erreicht die Demo in Zürich die Rekordmarke von 50 000 Besuchern. Offiziell einem Sonntag gleichgestellt und damit arbeitsfrei ist der Tag der Arbeit im Kanton Zürich seit 2004. Auch in den beiden Basel, im Thurgau, in Schaffhausen, Neuenburg und im Jura wird am 1. Mai nicht gearbeitet, in Solothurn nur halbtags. Inoffiziell gilt aber auch in anderen Kantonen zumindest ein halber Tag als arbeitsfrei. In Graubünden scheiterte hingegen gerade diese Woche ein Versuch der SP, den Tag der Arbeit zum Feiertag zu erheben. (rue)

Für den Basler Historiker Bernard Degen, der über die Arbeiterschaft und den 1. Mai unter anderem im Historischen Lexikon der Schweiz geschrieben hat, ist der Tag der Arbeit nach einer eher unpolitischen Phase während der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aktuell geworden. Und Soziologe Peter Streckeisen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziale Ungleichheit, Konflikt- und Kooperationsforschung der Universität Basel, hält den 1. Mai ebenfalls nicht für überholt: Angesichts der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt habe ein solcher Aktionstag aktuell noch immer seine Berechtigung. «Ein Teil der Errungenschaften, welche Gewerkschaften und Arbeiter erreicht haben, wird heute wieder infrage gestellt.» Allerdings sei der Anlass etwas anachronistisch, meint Streckeisen. Die «Arbeiterschaft» sei keine einheitliche Gruppe mehr, die Gewerkschaften würden sich schwertun, alle Betroffenen zu erreichen.

Im 19. Jahrhundert waren «die Arbeiter» klar definiert: Sie befanden sich ausserhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Und sie waren, das war auch eine Definition der Arbeiter, arm. Dank ihres «Kampftages» wurde ihnen nicht nur der Achtstundentag, sondern auch Ferien und weiteres zugestanden.

Ein «Hüsli» für die Arbeiter

Der Tag der Arbeit veränderte sich durch diese Entwicklung. Solange die Lage für die Arbeiter prekär war, standen die Kampfansagen im Vordergrund. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Lohnarbeiter, anders als früher nicht mehr zwingend arm waren, sondern sich mindestens einen Kühlschrank und durchaus auch ein «Hüsli» leisten konnten, verlor die Arbeiterbewegung an Schwung. Wie Bernard Degen sagt, bescherte die Hochkonjunktur «dem Grossteil der schweizerischen Arbeiterschaft ein Einkommen, das die Träume der vorangegangenen Jahrzehnte übertraf». Der einstige Kampftag sei zunehmend zu einem «unpolitischen Ritual geworden, an dem auch Trachtengruppen, bürgerliche Musikvereine und Ehrendamen teilnahmen».

Den grossen Arbeitsfrieden zwischen 1955 und 1995 führt Degen aber nicht nur auf die Hochkonjunktur zurück. Die Arbeiter hätten nicht plötzlich alle ihre Sorgen verloren: «Die Arbeiterschaft hatte sich verändert.» Ausländische Gastarbeiter mit einem rechtlich unsicheren Status hätten zunehmend die harten Tieflohnjobs ausgeführt. Diese hätten kaum zu streiken gewagt, weil sie befürchteten, wieder abgeschoben zu werden, sagt Degen. Der Tag der Arbeit sei zur einzigen Möglichkeit für Ausländer geworden, sich in der Schweiz politisch ausdrücken. «Deshalb wurde der 1. Mai wieder internationaler und politischer.»

In den vergangenen Jahren war der Tag der Arbeit immer wieder von Krawallen überschattet. Der Schwarze Block hatte traditionellerweise eine unbewilligte Nachdemo durchgeführt. Insbesondere 1996 war diese ausgeartet. Ein Tränengaseinsatz sorgte selbst auf dem offiziellen Festgelände des Kasernenareals bei den 3000 Anwesenden für eine Panik. Es folgen weitere Krawalle in den 2000er-Jahren. In den vergangenen Jahren hatte die Polizei die Lage immer im Griff. Dennoch dominierten in den Medienberichterstattungen meist Bilder einiger vereinzelter Fackelwerfer. Die politische Botschaft ging darob oft unter.

Dabei ist der Tag der Arbeit in den vergangenen Jahren politisch geblieben, wie Historiker Bernard Degen sagt. An die Stelle des zu Beginn jahrzehntelang geforderten Achtstundentags seien nun wechselnde Forderungen getreten, die jeweils Diskussionen aus der aktuellen Politdebatte aufnehmen.

Der Druck nimmt wieder zu

Die Gewerkschaften haben sich nun das Thema «soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung» auf die Fahne geschrieben. In den vergangenen Wochen hat etwa die Unia verschiedene Baustellen wegen Dumping-Vorwürfen blockiert. Die Gewerkschaften kritisieren die zunehmenden Anstellungen auf Abruf oder zeitlich befristete Arbeitsverträge. Sie werfen der öffentlichen Hand vor, bei Lehrern und Trämlern zu sparen.

Für Peter Streckeisen nimmt der Druck dabei nicht nur bei diesen Berufsgruppen – «Arbeitern» und Staatsangestellten – zu, die traditionellerweise zu den Teilnehmern eines 1.-Mai-Umzugs gehören: Heute spreche man in der Arbeitssoziologie zunehmend von «der neuen sozialen Frage» oder der «Gesellschaft mit begrenzter Haftung». Das seien Metaphern dafür, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt für einen Grossteil der Beschäftigten verschlechtert hat.

«An die Stelle der Hoffnungen auf einen sozialen Aufstieg, wie er in der Schweiz noch bis in die 1990er-Jahre hinein verbreitet war, ist nun die Angst vor dem sozialen Abstieg getreten.» Diese Angst geht durch viele Schichten; die Unsicherheit ist nicht auf die klassischen «Büezer» beschränkt. Wer früher bei einer Pharmafirma oder einer Bank gearbeitet hat, habe – fast wie ein Beamter – eine Stelle auf Lebenszeit gehabt, sagt Streckeisen. «Heute sind auch diese Jobs gefährdet.» Es bestehe eine gewisse Verwundbarkeit, die sich nicht nur auf den Rand der Gesellschaft beschränke.

Der Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat zugenommen, sagt auch Arbeitspsychologin Simone Grebner, die an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften doziert. «Bei Stress-Präventionsmassnahmen besteht dringender Handlungsbedarf.» Laut einer Studie, die Grebner für das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Jahr 2011 verfasst hatte, waren schweizweit 34 Prozent der Erwerbstätigen häufig oder sehr häufig Stress ausgesetzt. 2000 waren es noch 27 Prozent.

«Dabei lassen sich keine Unterschiede zwischen Wirtschaftszweigen, Geschlechtern und Bildungsstufen feststellen», sagt Grebner. Auffällig sei jedoch, dass junge Mitarbeitende häufiger unter Dauerstress leiden würden.

Als einer der möglichen Belastungsfaktoren gelten Umstrukturierungen und Neuorganisationen, von denen laut Studie ein Drittel der Erwerbstätigen betroffen waren. Oft seien solche Veränderungen nicht zu vermeiden, sagt Grebner. Sie bedeuten für Angestellte in der Regel aber Unsicherheiten; sie wüssten nicht, was auf sie zukommen werde.

Neuorganisationen müssen umsichtig geplant werden. Angestellte müssen, damit sie keinen Kontrollverlust erleben, frühzeitig und umfassend informiert werden.» Das bedeutet auch: «Angestellten müssen ernst genommen werden.»

Wenn die Anerkennung fehlt

Als weitere Faktoren für den Druck am Arbeitsplatz gelten laut Simone Grebner «die häufigen Unterbrechungen bei der Arbeit durch Mails und Telefon» sowie «das Arbeiten mit hohem Tempo und unter Termindruck». 43 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten mindestens drei Viertel der Arbeitszeit unter Zeitdruck. Beschäftigte aus Industrie und Bau sind stärker betroffen als der Durchschnitt. Zudem beklagen sich Angestellte über ein Missverhältnis zwischen Leistung und Lohn, Anerkennung oder Arbeitsplatzsicherheit. «Ein solches Ungleichgewicht ist mit Stress, Unzufriedenheit und Burnout verknüpft», sagt Simone Grebner.

Die Angst vor einem Jobverlust geht heute quer durch die Gesellschaft, wie das jährliche «Sorgenbarometer» der CS zeigt. Für Peter Streckeisen, der sich unter anderem auch mit Arbeitssoziologie beschäftigt, drückt sich diese Unsicherheit auch im «starken Trend zu höherer Bildung» aus. Dieser Trend werde durch die Politik gefördert. «Es ist natürlich nicht völlig falsch, sich durch Bildung vor einem Jobverlust zu schützen – aber eine Garantie, dass es dann genügend Jobs hat, ist das auch nicht.»