Sommerserie
Werner Suter - der letzte Leichenwagenführer von Birmensdorf

Der Landwirt Werner Suter aus Aesch war der letzte Leichenwagenführer Birmensdorfs und Aeschs. Sein Amt als Leichenwagenführer hat im Ansehen eingebracht. Heute hat die Kremation das Leichengeleit verschwinden lassen.

Florian Niedermann
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Alice Suter an der Stelle vor ihrem Elternhaus, an der die Fotografie ihres Vaters aufgenommen wurde.

Alice Suter an der Stelle vor ihrem Elternhaus, an der die Fotografie ihres Vaters aufgenommen wurde.

Florian Niedermann

Stirbt heute ein Mensch, so wird seine sterbliche Hülle in einem unscheinbaren Auto zum Friedhof oder ins Krematorium gefahren. Noch vor 50 Jahren wäre dies in Birmensdorf und Aesch nicht denkbar gewesen: Ein als Leichenwagenführer amtender Bauer holte Verstorbene mit einem feierlich geschmückten Wagen ab und brachte sie - gefolgt von einem Grossteil der Gemeindemitglieder - in einem Trauerzug zum Friedhof, wo schliesslich die Beerdigung stattfand. Das sogenannte «Trauergeleit» folgte dabei strengen Regeln.

Der Letzte, der den Dienst des Leichenwagenführers in Aesch und Birmensdorf übernahm, war der Aescher Landwirt Werner Suter. Gemäss Protokoll des Birmensdorfer Gemeinderats vom Januar 1963 fand die Friedhofskommission nach langer Suche in Suter einen Nachfolger für den von seinem Amt zurückgetretenen Johannes Hedinger Peter.

«Mein Vater hat diesen Dienst damals gerne übernommen. Er erfüllte ihn mit Stolz», erinnert sich Suters Tochter Alice heute. Als einfacher Bauer habe ihm das Amt des Leichenwagenführers einiges Ansehen eingebracht - auch von den besser gestellten Kreisen im Dorf. Gemäss Beschluss des Gemeinderates Birmensdorf aus dem Jahre 1966 erhielt Suter ausserdem pro Beerdigung 50 Franken Lohn.

«Röbi» und «Bella» trugen Schwarz

Wenn die Behörden nach Suter schicken liessen, sei er jeweils schnurstracks in das Aescher Spritzenhaus geeilt, um den Leichenwagen zu holen, sagt Suter. Dann habe er seine zwei Pferde «Röbi» und «Bella» mit schwarzem Ohrschmuck und Zierdecken geschmückt, sie vor den Wagen gespannt, sein gutes Gewand angezogen und sei zum Haus des Verstorbenen gefahren. Nachdem die Angehörigen den Wagen mit Kränzen geschmückt hatten, fuhr der Trauerzug los.

Das Trauergeleit sei ein wichtiger sozialer Anlass gewesen, erinnert sich Suter: «Beim Marsch zum Friedhof wurde über alles Mögliche aus der Lebenswelt der Dorfgemeinschaft geredet.» Ihr Vater nahm selbst jeweils nicht an den Beerdigungen teil. «Er kam immer direkt heim, versorgte Pferde und Wagen und damit war es für ihn getan. Manchmal wurde er aber zum Leidmahl gebeten», sagt die 65-Jährige.

Obwohl der Tod und die Trauer mit seinem Dienst zu einem festen Bestandteil im Familienalltag wurden, sprach man in der Familie kaum darüber, wie sie erklärt: «Vor dem Tod hatte man Respekt, aber meine Eltern versuchten nicht, ihn mir zu erklären.» Sie habe die elterliche Antwort auf ihre Fragen akzeptiert, wenn man sterbe, komme man in den Himmel.

Wann oder warum ihr Vater seinen Dienst als Leichenwagenführer aufgab, kann Suter anhand ihrer Erinnerungen nicht mehr rekonstruieren. Nachforschungen in den Protokollen des Birmensdorfer Gemeinderats zeigen ebenfalls nicht eindeutig, wann das letzte Leichengeleit durch das Dorf zog.

Einzig die Bestattungs- und Friedhofsverordnungen des 1966 gegründeten Friedhof-Zweckverbands Birmensdorf-Aesch lassen den Zeitraum, in dem diese Tradition ihr Ende fand, erahnen. In der Verordnung aus dem Gründungsjahr wird erwähnt, dass ein Trauerzug «auf Wunsch der Angehörigen» durchgeführt werde. In der nächsten, revidierten Version aus dem Jahre 1982 ist dieses Angebot nicht mehr aufgeführt.

Kremation verdrängte Beerdigung

Es sei ein fortlaufender Prozess gewesen, der das Leichengeleit verschwinden haben lasse, erklärt der langjährige Birmensdorfer Gemeindeschreiber, Rudolf Jetter. «Die Kremation gewann gegenüber der Erdbestattung an Bedeutung und verdrängte damit auch die Trauerzüge zunehmend.»

Die Neuorganisation des Friedhofs habe ebenso ihren Teil dazu beigetragen: Nach der Gründung des Zweckverbands erbauten die beiden Trägergemeinden auf dem Friedhof eine gekühlte Leichenhalle, wie Jetter erklärt: «Deshalb bahrten immer mehr Einwohner ihre Verstorbenen dort auf, und nicht den eigenen vier Wänden.»

Damit sei der feierliche Transport der sterblichen Überreste vor der Bestattung hinfällig geworden. Die aktuelle Forschung zu Sterberitualen sieht die Gründe für das Verschwinden des «letzten Geleits» in sozialen Entwicklungen. Die zunehmende Individualisierung und Säkularisierung der Gesellschaft führte zu einem veränderten Umgang mit solchen Ritualen, sodass sich Trauerarbeit heute in erster Linie auf den engsten Kreis der Familie beschränkt.

Dieser Wandel im Umgang mit dem Tod zeigt sich auch im Gespräch mit Alice Suter. Für ihren Vater, der 1991 verstarb, wäre eine Kremierung nie infrage gekommen, wie sie sagt. Und welche Form der Bestattung wünscht sich die zweifache Mutter für sich selbst? «Ich möchte, dass mein Körper dereinst kremiert und im Wald der Erde übergeben wird», sagt Suter. Sie wolle nicht, dass sich jemand um die aufwendige Organisation einer Beerdigung kümmern müsse.