Weiningen
Wermutstropfen bei Winzern: Spritzmittel fordert Ernteausfälle

Winzer müssen wegen eines Fungizids Ernteausfälle einstecken – ein Aufsteller ist jedoch die Qualität.

Alex Rudolf
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So sehen die beschädigten Pflanzen aus. Das Foto stammt vom vergangenen Juli.

So sehen die beschädigten Pflanzen aus. Das Foto stammt vom vergangenen Juli.

Lina Giusto

Eine grosse Last muss von den Schultern vieler Schweizer Winzer gefallen sein, als der Chemiekonzern Bayer vergangene Woche bekannt gab, dass er Entschädigungen auszahlen wird. Sein Fungizid «Moon Privilege» ist zwar noch nicht eindeutig als Ursache für die Ernteausfälle nachgewiesen, doch wuchsen zu Sommerbeginn bei rund 900 Schweizer Weinbauunternehmen, die das Mittel benutzt hatten, beschädigte Pflanzen. Neben deformierten Blättern blieb manchenorts auch das Wachsen der Trauben aus. Der Schweizerische Weinbauernverband schätzt, dass wegen «Moon Privilege» rund 4,85 Prozent einer üblichen Ernte fehlen würden, was einem ungefähren Verlust von 27 Millionen Franken entspricht.

Auch in Weiningen, der Weinbau-Hochburg des Limmattals, sind die Folgen deutlich spürbar. Bei den Rebbergen des Gemeindepräsidenten und Senior-Winzers Hanspeter Haug (SVP) zum Beispiel hat «Moon Privilege» grosse Schäden hinterlassen. Zwei der sieben angebauten Traubensorten wiesen bei der diesjährigen Wümmet eine besonders magere Ernte auf. Zum einen sei dies die Cabernet-Dorsa-Traube, bei der nur rund 20 Prozent des üblichen Ertrags geerntet werden konnte. Zum anderen handle es sich um die Zweigelt-Traube, bei der rund jede zweite Schäden aufwies.

«Freiwillige Zahlung» von Bayer

Bei vier Weininger Winzern, die «Moon Privilege» benutzt haben, kamen bereits Vertreter von Bayer wie auch von deren Rück-Versicherer auf die Höfe, um sich ein Bild des Schadens zu machen. Der Konzern lässt die Schäden derzeit systematisch erfassen. Voraussichtlich sollen die Weinbauern im ersten Quartal 2016 «individuelle Angebote für eine freiwillige Zahlung» erhalten, teilt Bayer mit. «Die meisten Winzer liessen ein Gutachten eines unabhängigen Schadenexperten einer Schweizer Hagelversicherung erstellen, damit das Ergebnis ausgewogen ist», sagt Hanspeter Haug.

Zwar wird das Pharma-Unternehmen erst im kommenden Jahr die Kompensationen festlegen, Haug rechnet jedoch bereits vor, wie hoch diese ausfallen müssten. «Bei einem Traubenpreis von 4 Franken pro Kilo und einem üblichen Ertrag von 800 Gramm pro Quadratmeter, ergibt sich bei einer Fläche von 1200 Quadratmetern einer beschädigten Sorte eine Kompensation von knapp 4000 Franken.» Für seine beiden beschädigten Sorten wären wohl rund 8000 Franken angebracht, fügt er an.

Keine Folgeschäden in Sicht

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Haugs Kollegen vom Bauernhof Werffeli. Auf Anfrage sagt Godi Werffeli, dass der Schaden abhängig von der Sorte ist. «Bei drei der fünf von uns angebauten Sorten gab es einen Ernteausfall von bis zu 70 Prozent», sagt er. Zwar sei ihm klar, dass das Erfassen von Schäden und das Auszahlen von Entschädigungen Zeit brauche: «Doch hoffe ich, dass ich und meine Berufskollegen so schnell wie möglich entschädigt werden», so Werffeli.

Zwei weitere Winzer-Betriebe sind von Ernteausfällen betroffen, sie wollen jedoch nicht namentlich erwähnt werden. Im Gespräch mit der Limmattaler Zeitung geben die beiden jedoch an, dass auch ihre Ernteausfälle «schmerzlich» seien.

Ein kleiner Lichtblick bleibt: Das Fungizid hat keine Schäden für den Boden und die zweite Generation von Trauben zur Folge, wie Hanspeter Haug sagt. «Die ‹Wintertroler›, die nicht mit dem Mittel behandelt wurden, wachsen ganz normal.»

Auch Godi Werffeli sieht die positiven Seiten. Denn durch den langen und überaus warmen Sommer würde die Ernte eine hohe Qualität aufweisen. «Die geernteten Trauben kommen auf zwischen 100 und 105 Grad Oechsle», so Werffeli. Dieser Wert beschreibt den Zuckergehalt einer Traube, je höher der Wert, desto mehr mundet der Wein. «Letztmals wurden die 100 Grad Oechsle in meiner Ernte im Rekordsommer 2003 überschritten.»