Birmensdorf/Aesch
Wer sich zu lange in der Wirtschaft vergnügte, erhielt eine Strafpredigt

Über 300-jährige Protokolle zeigen, was im Dorf einst für Gesprächsstoff sorgte.

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen
Dieses Stillstandsprotokolls von Maschwanden stammt von 1670.

Dieses Stillstandsprotokolls von Maschwanden stammt von 1670.

Staatsarchiv

Sich die Nächte in der Wirtschaft um die Ohren schlagen, war im sittenstrengen Stadtstaat Zürich gar nicht gerne gesehen. Wer erwischt wurde, landete vor dem sogenannten Stillstand, einer Aufsichtsbehörde, die es in jeder reformierten Kirchgemeinde gab. Das Gremium, dem der Pfarrer vorstand und das von Inhabern weltlicher Ämter komplettiert wurde, war Kirchen-, Schul-, Armen- und Vormundschaftsbehörde in einem, zugleich aber auch Sittenwächter.

Dokumentiert ist dessen Tätigkeit in den Stillstandsprotokollen. Von 2011 bis 2015 hat das Staatsarchiv die frühesten Protokolle aus dem 17. Jahrhundert, die aus insgesamt 35 Kirchgemeinden überliefert sind, transkribiert und unlängst online zur Verfügung gestellt. Darunter sind auch Aufzeichnungen aus der Kirchgemeinde Birmensdorf.

Die vom damaligen Pfarrer verfassten Protokolle geben Einblick ins Zusammenleben der Menschen im 17. Jahrhundert. Das Themenfeld ist breit gefächert. Häusliche Gewalt, Trunksucht und Unzucht waren ebenso Gegenstand der monatlich stattfindenden Besprechungen wie nächtliche Ruhestörung durch die Dorfjugend und andere Verstösse gegen die geltende Moral jener Zeit.

So musste immer wieder Personen ins Gewissen geredet werden, weil sie es mit dem regelmässigen Kirchenbesuch nicht so genau nahmen, etwa ein gewisser Jagli Beümler aus Aesch. Seine Disziplin in Sachen Kirchgang wurde als «gar liederlich» bezeichnet. Wie Pfarrer Hans Konrad Wirz, der von 1634 bis 1645 in Birmensdorf tätig war, im Protokoll aus dem Jahr 1639 festhielt, entschuldigte sich der Fehlbare, gab an, dass ihm die Besuche wegen Krankheit nicht möglich gewesen seien und gelobte Besserung. Damit war die Angelegenheit erledigt.

Alkoholkonsum gab oft Anlass zur Strafe

Auch Margaretha und Catherina Müller kamen ungeschoren davon. Die beiden Schwestern waren vor den Stillstand geladen, weil sie im Jahr 1642 an Auffahrt auf dem Üetliberg tanzen gingen und am Pfingstmontag nach Zürich unterwegs waren, anstatt den Gottesdienst zu besuchen. Weil beide weinend um Verzeihung baten, «hatt man ihnen verzigen und sie im friden hingelassen», notierte Pfarrer Wirz.

Weniger glimpflich kamen drei andere Zeitgenossen weg. So haben «Hans Hochstraasser der alt, Jagli Hochstrasser der jung und Hans Rudi Schöller» wegen der Jagd verschiedentlich den Gottesdienst verpasst. Sie wurden deshalb «der hohen obrigkeit zu gebürender abstraff» zugeführt, hielt der Pfarrer 1641 in seinem Protokoll fest.

In der Kirche wurde stillgestanden

Der Stillstand ist die älteste Aufsichtsbehörde der reformierten Kirchgemeinden. Das Gremium ist so benannt, weil es nach dem Gottesdienst in der Kirche wortwörtlich «stillstand», um monatlich seine Geschäfte unter dem Vorsitz des Pfarrers zu beraten.

Dem Stillstand gehörten auch sogenannte Ehegaumer an, also Männer, die sich mit der Aufsicht über die Sitten des Volkes zu befassen hatten. Das Gremium war zugleich Kirchen-, Schul-, Armen- und Vormundschaftsbehörde, aber auch Sittengericht. Er wurde später durch die heutigen Kirchenpflegen ersetzt.

Vielfach gab der Alkoholkonsum Anlass zu Strafpredigten des Pfarrers. So geschehen im August 1638. Ein gewisser Jacob Strub «zu Esch», wie Aesch damals noch hiess, hatte sich «mit wein am bettag überfüllt, zu Birmenstorff im wirtshauss», so Pfarrer Wirz. Johlend habe er sich nach dem Zechen auf den Nachhauseweg gemacht. Dafür wurde er «ernstlich beschulet», wie im Protokoll vermerkt ist. Ein Jahr später sah sich der Pfarrer gezwungen, gegen die Entheiligung des Sonntags anzureden. Ihm war das unmässige Zechen und Schlemmen in den Wirts- und Gesellenhäusern ein Dorn im Auge.

Bei einigen haben die mahnenden Worte von Pfarrer Wirz allerdings nicht verfangen. Ein gewisser Jagli Hochstrasser aus Landikon soll am Sonntag, dem 28. August 1642 die ganze Nacht im Wirtshaus gesessen haben und am Morgen mit einem falschen Hut heimgekehrt sein. Der Beschuldigte erschien allerdings nicht vor dem Stillstand. Sein Fall wurde an den Landvogt weitergeleitet.

Auch Wirte mussten immer wieder vor dem Stillstandantraben, weil sie es mit dem Weinausschank sehr gut meinten. Einer davon war Hans Rudi Kleiner. Weil der Wirt die Gäste am Sonntag zu lange in der Wirtsstube trinken liess und unter der Woche schon vor dem Mittag Alkohol ausschenkte, «ist er mit gantzem ernst darvon abgemannet worden», schrieb Pfarrer Wirz.

Häusliche Gewalt beschäftigte Behörde

Auch das Verhalten der Jugend gab immer wieder Anlass für Klagen. So sah sich Pfarrer Wirz Anfang des Jahres 1640 gezwungen, den jungen Leuten klar zu machen, wie sie sich zu verhalten haben. Er untersagte ihnen das «üppige aussschweiffen gon Zürich». Und auch das «nächtliche jauchzen und jolen über die gassen» sollen sie unterlassen.

Vielfach mussten sich die Sittenwächter mit häuslicher Gewalt auseinandersetzen. Etwa im Fall von Jagli Hoffman, der am 6. November 1642 vor den Stillstand zitiert wurde, weil er seine Frau in angetrunkenem Zustand aufs Grausamste misshandelt hatte. Hoffman «bekante, dass er unrecht gethan, erbotte sich der besserung und ward nach ernstlichem zusprechen hingelassen».

Um den Leuten ins Gewissen reden zu können, musste der Stillstand jedoch zuerst von deren Verfehlungen erfahren. Die Bevölkerung war deshalb dazu angehalten, unstatthaftes Verhalten zu melden. Dies geht etwa aus einem Eintrag im Jahr 1639 hervor. «Eodem seind die eltesten vermannet worden, nachzuforschen, wer von Birmenstorff an dem hochzeit auff Ringlikon getantzet, damit selbe täntzer zu gebürender straaff gezogen werden.»

Neben Ehestreitigkeiten oder Trunksucht beschäftigte den Stillstand vor allem das Armenwesen. Auch davon zeugen die Protokolle. Dabei wurde unter anderem geregelt, wie viele Almosen der armen Bevölkerung etwa in Form von Brot
zustand.