René hat eine geistige Behinderung. Augenscheinlich wird diese, wenn es ums Hinsetzen geht. Dann nämlich wippt er mit seinem Oberkörper konstant nach vorn und hinten. Ohne aufzuhören. Auf dem freien Arbeitsmarkt hätte er Probleme, eine Stelle zu finden, für welche diese Behinderung kein Hindernis darstellt. In der Stiftung Solvita, wo psychisch und geistig beeinträchtigte Menschen eine Anstellung finden, arbeitet er nun seit einigen Jahren.

«Wir fragten uns, wie man sich sein konstantes Wippen zunutze machen könnte», erklärt Geschäftsführer Martin Ritter. Schliesslich sei man darauf gekommen, dass er mit einem Farbroller ausgestattet in der Druckabteilung für Geschenkkarten am besten aufgehoben sei, so Ritter. «Dort muss er seine Behinderung nicht unterdrücken, sondern kann diese für produktive Zwecke einsetzten.» Die Stiftung Solvita feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen.

In den 15 Jahren nach der Gründung im Jahr 1974 wurden zwei Heime und eine heilpädagogische Schule gebaut sowie 150 geschützte Arbeitsplätze geschaffen. Seither bleibt das grosse Wachstum bei der Stiftung Solvita – sonniges Leben – aus. «Erhalten und leicht ausbauen» lautet die Strategie der Einrichtung laut Ritter. Die Gründe: In den 1970er-Jahren sei einerseits mehr Geld geflossen, andererseits die Reglementierungen weniger ausgeprägt gewesen, erklärt er den anfänglichen Boom. Diese Zeiten sind vorbei. In der Budgetdebatte im Kantonsrat vom vergangenen Dezember strich dieser vier Millionen Franken. Diese vier Millionen müssen nun linear bei den Betriebsbeiträgen eingespart werden. «Dies schmerzt», sagt Ritter, denn in den verschiedenen Bereichen der Stiftung sei nicht mehr viel Effizienzsteigerung möglich.

Anders sieht es bei den Fortschritten der sonderpädagogischen Betreuung aus. Diese sind rasant. In der Gründerzeit der Stiftung war die Sonderpädagogik eine junge Wissenschaft. «Damals fragte man sich, wie man einen geistig beeinträchtigten Menschen einsetzen könnte. Heute fragt man sich, wie man ihn weiterentwickeln kann», so Ritter. Renés eingangs geschilderte Beschäftigung ist ein Beispiel für den Wandel dieser Denkweise, die auch das Angebot der Stiftung an Wohnformen modernisiert und erweitert hat.

Bayer und Edelweiss sind Kunden

Einer der ersten Aufträge für die Stiftung Solvita war das Aufrollen der Tonbandspuren bei Kassetten. «Damals erhielten wir 3,5 Rappen pro Stück. Über die Jahre lieferten wir den Kunden über 1,5 Millionen Kassetten ab. Diese Zahl ist eindrücklich», so Ritter. Heute hat die Stiftung rund 600 Auftraggeber. Namhafte Firmen wie Bayer, PKZ oder Edelweiss nehmen die Dienstleistungen der Menschen mit Behinderung genauso in Anspruch wie mehrere Gemeinden der Region, die ihre Abstimmungsunterlagen hier zusammenstellen und versenden lassen.

Rund 75 Prozent des erwirtschafteten Umsatzes der Stiftung kommt im Online-Versand zustande. Firmen lassen ihre Ware an einem der drei Standorte in Urdorf lagern, kommt eine Bestellung, wird diese von Solvita-Mitarbeitern bearbeitet. Ritter versichert, dass trotz dieser Spezialisierung kein Klumpenrisiko bestehe, da die Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen kommen.

«Anzahl Betroffener bleibt konstant»

Wie sich Solvita entwickeln wird, darüber wagt Ritter keine Prognose. Aus wirtschaftlicher Sicht ist ihm wichtig, mit dem Zeitgeist mitzugehen: «Produziert heute noch jemand Anrufbeantworter oder eben Kassetten, dann hat er keine rosige Zukunft.» Sicher ist er sich einzig darin, dass das Angebot von Solvita niemals obsolet werden wird. «Trotz des rasanten Fortschritts der Humanmedizin bleibt die Zahl der Menschen mit Beeinträchtigung konstant», erklärt er. Die Schwangerschafts-Frühtests würden bewirken, dass weniger Menschen mit Trisomie 21 geboren werden. Studien würden zeigen, dass bei positiven Ergebnissen die Schwangerschaft eher abgebrochen werde. Dafür hätten Frühchen heute eine grössere Überlebenschance als noch vor einigen Jahren: «Die Form der Beeinträchtigungen ändert sich, nicht jedoch die Anzahl betroffener Menschen.»