Dietikon

Wer mit dem Deutsch hadert, erhält Hilfe im Stadthaus

Motivationsschreiben to go: Elvio Pispico erklärt einer Frau, was er an ihrem Bewerbungsschreiben geändert hat.

Motivationsschreiben to go: Elvio Pispico erklärt einer Frau, was er an ihrem Bewerbungsschreiben geändert hat.

Im Dietiker Stadthaus helfen Freiwillige jeden Montag beim Verfassen von Lebensläufen, Briefen und Bewerbungsschreiben.

Im Zimmer, in dem normalerweise Standesamtsbeamte Paare trauen und sich Brautleute Liebe und Treue versprechen, werden jeden Montagabend Bewerbungsschreiben und Lebensläufe verfasst und überarbeitet.


Der Dietiker Schreibdienst setzt sich aus acht freiwilligen Helfern zusammen. Heute ist Elvio Pispico an der Reihe. Als Erstes empfängt der 51-Jährige eine Frau, die eine Überarbeitung ihres Bewerbungsschreibens wünscht. «Wir rechnen mit einer halben Stunde pro Person», sagt Pispico. Wenn jemand bereits einen USB-Stick mit einer Bewerbung mitbringe, gehe es schneller.


Die Frau kramt drei Stelleninserate aus dem Plastiksack und hält sie Pispico hin. «Sind die gut?», fragt sie. Er schaut die Zettel an. «Nun ja, das ist in Rapperswil», sagt er mit Blick auf eines der Inserate. Die meisten seiner Klienten wohnen in Dietikon. Doch die Frau vor ihm insistiert, sie müsse einfach etwas haben, das sei schon in Ordnung. Sie nehme den Weg auf sich. Ihr Ziel ist, ihre Stellenprozente aufzustocken, dafür ist ihr auch eine Reinigungsstelle im Schulhaus recht. Es dauert kaum zehn Minuten, bis die geänderten Bewerbungsschreiben ausgedruckt vor ihr liegen. Pispico erklärt nochmals, was er angepasst hat. Die Dame bedankt sich herzlich. «Buona serata», verabschiedet sie sich.


Im Kanton Zürich gibt es insgesamt 20 Schreibdienste. In Dietikon sind acht ehrenamtliche Mitarbeiter unter der Leitung von Doris Scherrer im Einsatz. «Die Leute werden vom Sozialdienst, vom regionalen Arbeitsvermittlungszentrum, dem RAV, oder auch von Bekannten zu uns geschickt», sagt Pispico. Der kaufmännische Angestellte ist bereits seit beinahe 13 Jahren im Team. Manche der Hilfesuchenden kennt er von vorgängigen Besuchen. Zwei Drittel der Leute, die dieses Jahr den Schreibdienst besuchten, kamen früher schon einmal vorbei.
Pispico ist in der Schweiz aufgewachsen. Doch da seine Eltern beide Italiener sind, weiss er, wie es ist, wenn man bereits als Kind den Eltern erklären muss, «was da wieder für ein Brief von der Gemeinde gekommen ist».


Bewerbung um eine Stelle oder eine neue Wohnung
Die Frau, die nun vor Pispico am schwarzen Tisch sitzt, ist zum ersten Mal da. Ursprünglich komme sie aus Brasilien, erklärt sie in gebrochenem Deutsch. Nun müsse sie in eine neue Wohnung ziehen, denn sie könne sich kaum mehr die vielen Treppenstufen in ihr Zuhause hochschleppen. Die über 60-jährige Mutter von zwei Teenagern zeigt auf dem Handy auf die Wohnung, die sie gerne mieten würde. Zudem packt sie einen bereits verfassten Brief aus, der ihr Anliegen formuliert. Auf dem zusammengefalteten Blatt sind einige Notizen mit Kugelschreiber festgehalten.
Damit sie wirklich eine Chance hat, die Wohnung zu erhalten, schreibt Pispico gleich einen Brief an ihre Krankenkasse, um die Löschung ihrer Betreibungen zu beantragen. Diese Konsultation dauert ein wenig länger. «Ich schreibe einfach einmal, danach können wir den Brief gemeinsam durchgehen», sagt Pispico, währenddem er auf der Tastatur tippt. Die Frau ist mehr als zufrieden mit dem Endresultat und bedankt sich mehrere Male.


Am Tisch gegenüber verfasst eine Kollegin von Pispico einen Lebenslauf für eine junge Mutter. Die Frau möchte sich um eine Stelle bewerben. Während die Freiwillige ihre Angaben zusammenträgt, werden die drei Kinder im Vorzimmer langsam unruhig. Doch auch in diesem Fall dauert es kaum länger als eine halbe Stunde. Und wieder hört man zum Schluss: «Vielen Dank, sehr nett, danke.» Dann ruft Pispico die Nummer vier aus dem Vorraum ins Standesamtszimmer.


Durchschnittlich werden 150 Leute pro Halbjahr bedient. Dabei nehmen etwas mehr Frauen als Männer den Dienst in Anspruch. Meistens erstellen die Freiwilligen Bewerbungen und Briefe. Hin und wieder kommt es aber auch zu komplexen Schreiben. So wie bei der Frau, die ein Bestätigungsschreiben für die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) braucht. Es geht um häusliche Gewalt, Sorgerecht und Geld. Damit sie zu ihrem Recht kommt, braucht sie einen korrekt verfassten Brief.


Manche Schicksale seien schon hart. Es sei etwas anderes, ob man eine Geschichte in der Tagesschau sehe oder die Person direkt neben einem Tisch sitze, sagt Pispico. Während der Arbeit lässt er sich aber nicht viel anmerken: «Ich habe gelernt, mich im Diensts einfach auf das Schreiben zu konzentrieren. Aber wenn ich dann nach Hause komme, denke ich immer wieder, mir geht es wahnsinnig gut.»


Einfach ein paar Minuten zuhören
Es gebe auch Fälle, in denen der Schreibdienst nicht helfen könne. Etwa wenn die Sachverhalte zu komplex seien oder die Fragen juristisches Fachwissen verlangen. Dann verweisen die Freiwilligen auf andere Fachstellen. Doch meist seien die Leute auch froh, wenn ihnen mal jemand Zeit schenkt. «Hie und da fühlen sie sich auch einfach nicht ernst genommen von anderen Stellen», sagt Pispico. Dann sei es gut, wenn man vor dem Schreiben erst einmal ein paar Minuten zuhöre.

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