Sie gehören keiner Partei an und verfolgen auch keine persönlichen Interessen. Die beiden Frauen treibt der starke Wunsch nach einem Neuanfang an. Es geht um die Besetzung eines heiss umkämpften Stuhls. Und Kathrin Kuster und Kerstin Camenisch wissen ganz genau, wer darauf Platz nehmen sollte. Am 21. Mai, dem Tag des zweiten Wahlgangs, wird feststehen, wer als neuer Amtsinhaber ins Statthalteramt am Dietiker Bahnhofplatz einziehen wird. «Es soll endlich Ruhe einkehren», ist seit Wochen immer wieder von allen möglichen Seiten zu hören. Ein wachsender Überdruss hat sich eingestellt an den immer neuen Wendungen, die die Causa des früheren Amtsinhabers Adrian Leimgrübler (FDP) nahm.

«Des Bezirks nicht würdig»

Dessen Mitbewerber um das Amt, Simon Hofmann (ebenfalls FDP), war die ganzen Wochen über selten Mittelpunkt der medialen Beobachtung. Während des ganzen Wahlkampfs seit dem ersten Wahlgang im Februar stand er nicht im Rampenlicht. Aus der ersten Runde war Leimgrübler mit 5302 Stimmen knapp als Sieger hervorgegangen, gefolgt von Hofmann mit 5067 Stimmen. Der dritte Kandidat Ramon Steffen (parteilos) hatte einen Achtungserfolg erzielt, sich danach aber selbst aus dem Rennen genommen.

Die Betriebswirtschafterin Kathrin Kuster (48) und die Ökonomin Kerstin Camenisch (44), die beide vor zwölf Jahren mit ihren Familien von Zürich nach Dietikon gezogen sind und sich als Fussball-Mütter kennen lernten, halten sich im Gespräch nicht lange mit Leimgrübler auf. «Wir haben von dessen fristloser Kündigung und dem Strafverfahren wie alle anderen auch über die Medien erfahren», so Kuster.

Was sie da gelesen hätten, habe ihnen nicht gefallen. «Wir hatten das Gefühl, dass das Ganze unseres Bezirks nicht würdig ist», meint Camenisch. Als schliesslich feststand, dass der junge Jurist Simon Hofmann, auf Vorschlag der Bezirks-FDP von der Interparteilichen Konferenz aller Bezirksparteien als Kandidat nominiert wurde, rechneten die beiden Frauen mit dem ersehnten Neuanfang. Kuster: «Als allerdings Leimgrübler seine erneute Kandidatur bekannt gab und diese spezielle Kampagne in der Gewerbezeitung lancierte, wollten wir aktiv werden.»

Ihnen habe die «undurchsichtige und suspekte Situation» missfallen. In Gesprächen mit Kollegen hätten sie erkannt, dass es vielen so ging. Und Camenisch ergänzt: «Wir hatten den Eindruck, dass eine Stimme, die von ausserhalb der etablierten Parteien kommt, Sinn macht.» Als Kuster und Camenisch Hofmann persönlich kennen lernten, sahen sie sich darin bestärkt, dass er der Richtige ist fürs Amt. Wie wichtig ihnen ihre Unabhängigkeit ist, erkennt man daran, dass sich beide Dietikerinnen nicht in Simon Hofmanns Komitee-Liste eintrugen.

Dagegen starteten sie die Online-Petition «Wir wählen Simon Hofmann zum Statthalter»; 57 Leute unterzeichneten, und die Gruppe «Unabhängige Bürgerinnen und Bürger im Bezirk Dietikon» wurde ins Leben gerufen. Die beiden Frauen fungieren als Sprecherinnen. Der Kern der Gruppe umfasst sechs Personen, die sich um die Organisation kümmern. «Aber es zählen noch mehr Unterstützer dazu, die alle aus unseren persönlichen Umfeldern kommen», meint Kuster.

Nun begann man die Werbetrommel zu rühren und Leserbriefe zu schreiben. Mithilfe von Spenden wurde eine Pro-Hofmann-Plakataktion gestartet. Viel Energie wurde in den Facebook-Auftritt gesteckt, der Ende Januar online ging. Mit hoher Taktzahl wurden hier die Wahlparolen gepostet. Angefangen mit «für Nüchternheit und Besonnenheit» und «kompetent und integer» über «Alle Parteien stehen hinter ihm. Wir auch» bis zu «Neue Besen kehren gut.» Am vergangenen Sonntag hatte die Gruppe einen Kulturapéro im Dietiker Alters- und Gesundheitszentrum (AGZ) organisiert. Dort bekam Hofmann Gelegenheit, in einem Gespräch mit der «Sternstunden»-Redaktorin Irene Gysel die etwa 80 Veranstaltungsbesucher von seiner Eignung für das Amt zu überzeugen.

Nur für die Wahl formiert

Kerstin Camenisch meint mit Verweis auf Leimgrübler: «Es geht uns nicht darum, aufzurechnen oder jemanden an den Pranger zu stellen. Es wurden schon so viele Gläser zerbrochen.» Und Kuster ergänzt, dass sie erleichtert sei über die Transparenz, die mittlerweile in der Causa Leimgrübler geschaffen worden sei. Dennoch ändere das nichts an ihrer Motivation, jemandem ins Amt zu helfen, der neu, jung, unabhängig und unbelastet ist. Camenisch: «Auch dass Simon Hofmann noch nicht vernetzt ist im Bezirk Dietikon, erachten wir als grossen Vorteil.»

Wie schätzen die beiden Hofmanns Chancen ein? «Wir sind sehr zuversichtlich», meint Kuster lächelnd. Und was wird aus der Gruppe in zwölf Tagen, wenn das Amt schliesslich – mit wem auch immer – besetzt ist? Die Gruppe sei ein loser Zusammenschluss und habe sich nur für die Wahl formiert. Ein weiteres politisches Engagement sei nicht geplant. Aber ausschliessen wolle man nichts. Camenisch: «Wenn sich wieder etwas ergibt, wo wir uns äussern müssten, warum nicht?»