Er schaut mich erstaunt an. «Was, du? Du gehst ins Yoga?» Die Stimme ist laut, die Körpersprache unterstreicht die Empörung, die das Mundwerk ausdrückt. Ich muss meinen Kollegen besänftigen. Es sei ein Selbstversuch, eine Reportage für die Zeitung, erkläre ich. «Ach so. Habe mir schon Sorgen um dich gemacht», antwortet er. Meist sind es Männer, die so reagieren. Die Frauen scheinen mit Yoga weniger Probleme zu haben. Obwohl auch sie zuerst irritiert reagieren. Ein 24-Jähriger besucht eine Yoga-Lektion. Wohl nicht ganz alltäglich – auch für mich nicht.

Vor über 13 Jahren hat Evrim Helva ihre erste Yoga-Lektion erhalten. Sie war enttäuscht und sagte sich: «Nie wieder!» Heute ist sie eine der zwei Geschäftsführerinnen des Yogacorners in Schlieren. Sie wurde vor zehn Jahren überredet, es doch noch einmal mit Yoga zu versuchen. Und zwar nicht auf eine «Gschpürsch mi, fühlsch mi»-Art, wie sie es zuvor erlebt hatte, sondern mit Hot Yoga. Hätte sie es nicht noch einmal probiert, hätte sie die Liebe zu dieser Yoga-Form nie entdeckt, und auch das Studio in Schlieren gäbe es wohl nicht. Doch nun steht es da, und bietet natürlich Hot Yoga an. Grund genug für die Redaktion, den Praktikanten für einen Selbstversuch loszuschicken.

Zugegeben, auch ich hege gewisse Vorurteile gegenüber Yoga und hatte damit bisher nichts am Hut. Ich lese die Beschreibung: Hot Yoga wird in einem speziell aufgeheizten Raum bei 37 Grad praktiziert; 60 bis 90 Minuten lang; 50 verschiedene Positionen; man verbrennt zwischen 500 und 1000 Kalorien. Klingt irgendwie anstrengend.

Ich stehe vor dem Gebäude an der Brandstrasse 39 in Schlieren. Es strömen einige Jugendliche mit Trainingstaschen herein, auch Jungs im gleichen Alter wie ich. Aber niemand nimmt die Treppe, alle gehen ins Fitnesscenter im Erdgeschoss. Einsam bewege ich mich in den ersten Stock, ich huste und hole die Taschentücher hervor. Die Erkältung habe ich mir vor einigen Tagen geholt. Was hat sie für einen Einfluss auf die Yoga-Stunde? Ich bin gespannt, schliesslich soll Hot Yoga eine therapeutische Wirkung haben.

Im Eingangsbereich begrüsst mich Evrim Helva. Sie bittet mich sogleich, die Schuhe auszuziehen. Im Yoga-Studio sind sie tabu. Die aufgestellte 36-Jährige führt mich sofort durchs Studio. In den letzten sechs Monaten habe sie mit ihrer Geschäftspartnerin Evelyn Wild und viel Unterstützung aus dem privaten Umfeld das Studio in Schlieren aufgebaut. «Vorher war dieses Stockwerk ein einziger grosser Raum, die Wände haben wir selber aufgezogen», so Helva.

In zwei Räumen mit grossen Spiegelwänden macht man die Übungen auf grossen Laminatböden. Bald werde ich hier Yoga machen. Wie werde ich mich schlagen? Halte ich die 90 Minuten durch? Im Umkleideraum, den ich heute mit drei weiteren Männern teile, ziehe ich meine lockere Sportbekleidung an. Sie ist trocken – zum letzten Mal für die nächsten 90 Minuten.

Der Raum ist bereits gut gefüllt. Ich quetsche mich mit meiner Gymnastikmatte in die hinterste Reihe. «Wichtig ist, dass ihr euch im Spiegel sehen könnt», sagt Helva. Mein Spiegelbild blickt mir unsicher entgegen. Schweissperlen kullern die Stirn herunter. Kein Wunder bei 37 Grad. Ich fühle mich unpassend hier. Zum Glück sind heute aber einige Anfänger dabei, sodass es hoffentlich nicht allzu peinlich wird.

Die Lektion beginnt. Und ich merke bereits: Das wird kein Spaziergang. Übung folgt auf Übung. Wir verrenken unsere Körper in alle möglichen Positionen. «Schwatzen könnt ihr wieder, wenn ihr den Raum verlässt», sagt Helva, als zwei zu quasseln beginnen. Nun ist klar, wer hier das Sagen hat. Ruhe und Konzentration beherrschen den Raum.

Meine Kleidung ist bereits nach einer halben Stunde vom Schweiss durchtränkt. Ich dehne meine Muskeln, wie sie noch nie gedehnt wurden. Ich komme an meine Grenzen, die Muskeln zittern. Dann dürfen wir uns endlich auf die Matte legen. Die «Leichenposition» gefällt mir am besten. Einfach einen Punkt an der Decke fixieren und entspannen. Doch die Ruhe währt nur kurz. Harte Übungen folgen. Ich muss meinen inneren Schweinehund überwinden und einfach durchhalten.

Nach 90 Minuten ist es geschafft. Ich liege schweissgetränkt in der Leichenposition – und fühle mich wie eine. Die Augen haben wir alle zu. Nun heisst es herunterfahren. Helva bedankt sich bei den Teilnehmenden für den Einsatz. Wir bleiben alle ein paar Minuten liegen, bis die Ersten den Raum verlassen. Die normale Raumtemperatur wirkt nun sehr kalt. Man ist froh, aus den triefend nassen Kleidern zu kommen. Die Dusche wartet.

Als ich das Studio verlasse, fühle ich mich wieder fit. Die Erkältung ist nicht geheilt, aber auch nicht schlimmer geworden. Was sich geändert hat, ist meine Einstellung gegenüber Yoga. Die Vorurteile sind eliminiert. Noch am selben Abend schreibe ich Kolleginnen und Kollegen: «Scheiss auf die Vorurteile. Das Hot Yoga geht ab.» Glauben tut man mir dies nicht. Vorurteile bringt man nicht so rasch aus den Köpfen. Bei mir hat es ja auch einiges gebraucht – einiges an Schweiss.